Morgenandacht, 21.04.2021

von Andreas Britz, Bellheim

Rom hat Geburtstag

„7 5 3: Rom kroch aus dem Ei“

Diesen Merksatz haben ganze Schülergenerationen im Geschichtsunterricht gelernt. Ein gewisser Marcus Terentius Varro soll das Gründungsjahr der Metropole vor über 2000 Jahren ermittelt haben.

Und mehr noch: Er war sich sicher, er habe das genaue Datum herausgefunden: der 21. April 753 v. Chr.! Das ist historisch – wen wundert´s? – nicht haltbar. Aber den Römern war und ist das bis heute völlig egal. Am 21. April feiern sie stolz ihren Geburtstag. Heute also den 2774.

Rom, die „Ewige Stadt“. Zentrum eines antiken Imperiums, Sitz des Papstes, Schauplatz der Geschichte.

„Ja, ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!“

So jubelte Goethe am Tag seiner Ankunft in Rom. Ein Kindheitstraum erfüllte sich für den damals 37jährigen. Goethe sollte 15 Monate bleiben. Es war die wohl unbeschwerteste Zeit seines Lebens.

Viele andere vor und nach ihm zog es an den Tiber: Humboldt, Winckelmann, Rilke, Hesse, Marie Luise Kaschnitz. Sie alle spürten hier etwas von der „zeitlichen Ewigkeit“, wie der Dichter Werner Bergengruen das nannte.

„Wer einmal, und sei es für eine noch so sparsam bemessene Zeit in Rom war, der hat in Jahrhunderten und Jahrtausenden gelebt“,

so meinte er. Rom war und ist ein Ort der Sehnsucht. Das galt auch für den großen Psychoanalytiker C.G. Jung. 1949 steht er mit gepackten Koffern vor dem Fahrkartenschalter im Hauptbahnhof in Zürich.

Er will ein Ticket nach Rom. Jung, der große Schüler Sigmund Freuds, war noch nie dort. Immer hat er davon geträumt, diesen mythischen Ort mit eigenen Augen zu sehen, in die Stadt zu kommen, die so überquillt von Kunst und Geschichte. Mit jetzt 74 Jahren soll es endlich soweit sein.

Der Mann am Schalter stellt ihm die Fahrkarte aus. Da fällt C.G. Jung in Ohnmacht. Aus der Romfahrt wird nichts. Jung bleibt zuhause.

Die Vorstellung jetzt wirklich nach Rom zu reisen, hat ihn umgehauen. In seinen Erinnerungen schreibt er dazu:

„Ich bin in meinem Leben viel gereist und wäre gern nach Rom gegangen, aber ich fühlte mich dem Eindruck dieser Stadt nicht gewachsen. (…) Ich wundere mich über Menschen, die nach Rom reisen wie z.B. nach Paris oder London. Gewiss kann man das eine wie das andere ästhetisch genießen, aber wenn man von dem Geist, der hier gewaltet hat, auf Schritt und Tritt im Innersten betroffen ist, wenn ein Mauerrest hier und eine Säule dort mich mit einem soeben wiedererkannten Gesicht anblicken, dann ist das eine andere Sache.“

Die Geschichte klingt kurios. Aber kann man C.G.Jung nicht auch verstehen? Vielleicht ahnte er, dass seine Sehnsucht besser unerfüllt bleiben sollte. Denn könnte der Ort seiner Träume, die real existierende Stadt Rom, dem entsprechen, was er sich schon immer vorgestellt hatte? Würde der Zauber Roms nicht zerstört werden durch geschlossene Kirchen, streikende Museumsbeamte, missgelaunte Hotelgäste, Touristenströme vor den Sehenswürdigkeiten oder das lärmende Verkehrschaos?

C.G. Jung hat seine römischen Reisepläne aufgegeben. Für immer. Die Sehnsucht zu bewahren, das war ihm wichtiger. Vermittelt sie doch eine Ahnung davon, dass es mehr gibt als das Reale, das wir im Hier und Jetzt konkret erfahren können.

Ein irischer Gebetswunsch greift diesen Gedanken auf:

„Ich wünsche dir nicht das Paradies auf Erden, aber dass du davon träumst. (…) Ich wünsche dir nicht die Erfüllung deiner Sehnsucht, aber dass du sie nie aufgibst. Denn so, in der Ahnung des Wunderbaren, das sich dir jetzt noch verschließt, bist Du ein Mensch unter Menschen und hast auch die Kraft, dem Neuen entgegenzugehen.“


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Dieser Beitrag wurde am 21.04.2021 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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