Morgenandacht, 20.04.2021

von Andreas Britz, Bellheim

Ist der Mensch gut?

„Man muss die Menschen nehmen wie sie sind. Es gibt keine anderen.“

So hat sich Konrad Adenauer immer wieder getröstet, wenn er sich über das Verhalten seiner Mitmenschen ärgerte. Das klingt nicht nur resignativ, das ist es auch.

In der Pandemie, die uns ja noch immer in Atem hält, muss ich oft an diese Sätze des ersten Bundeskanzlers denken. In einer ernsten Krise zeigt sich, ob Menschen achtsam oder rücksichtslos miteinander umgehen.

Für beide Verhaltensmuster findet man eindrucksvolle Beispiele. Wie viele Männer, Frauen und Jugendliche kümmern sich bis zur Erschöpfung um ihre gefährdeten Mitmenschen: auf Intensivstationen, in Alten- und Pflegeheimen oder auch bei der Notbetreuung in Kindergärten und Schulen. Großartig!

Aber es gibt auch die anderen Zeitgenossen, die sich offenbar ohne jede Skrupel über die Corona-Verordnungen hinwegsetzen. Sie leben ihren Egoismus rücksichtslos aus und nehmen dabei die Ausbreitung des Virus in Kauf.

Wie oft sind private Treffen, feuchtfröhliche Partys und große Hochzeitsgesellschaften Ausgangspunkte für gefährliche Hotspots geworden. Mitgefühl für den Nächsten? Verantwortungsbewusstsein für die Gemeinschaft? Fehlanzeige!

Erschreckend auch die Betrüger, die sich Leistungen des Staates für angebliche Gewinnausfälle ihrer Firmen ergaunerten. So verschwanden Millionen von Euro – und das zu Lasten der Kleinunternehmer, die existenziell auf diese Unterstützung angewiesen sind. Und gar nicht zu reden von Volksvertretern, die sich in der Pandemie durch fragwürdige Geschäfte schamlos bereicherten.

Erfahrungen wie diese haben mich in der Überzeugung bestärkt, dass die Philosophen der Aufklärung nicht recht hatten in ihrem Optimismus, der Mensch sei von Natur aus gut.

Dagegen beschreibt das jüdisch-christliche Menschenbild die Realität aus meiner Sicht absolut zutreffend: Der Mensch ist eben nicht unbedingt gut. Diese Erkenntnis durchzieht schon die ersten Kapitel der Hebräischen Bibel, die Christen das Alte Testament nennen.

Da missbrauchen Adam und Eva die ihnen von Gott geschenkte Freiheit, indem sie selbstherrlich bestimmen wollen, was gut und böse ist. Der Versuchung so zu sein wie Gott können sie nicht widerstehen. Damit ist das Paradies verloren. Jenseits von Eden tötet Kain seinen Bruder Abel. Eine böse Tat jagt die nächste. Die Bibel schreibt:

„Der Herr sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und das alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.“

(Gen 6, 5)

Und Gott macht kurzen Prozess. Er lässt die Sintflut über die Erde kommen. Nach der Katastrophe schließt Gott mit Noach einen Bund. Nie wieder, so verspricht er ihm, werde er eine solche Flut schicken, um die Menschheit auszulöschen.

Der Regenbogen soll immer an diese Zusage erinnern. Doch trotz des Neuanfangs macht sich Gott keine Illusionen. Er weiß, der Mensch wird auch in Zukunft immer wieder Böses tun, denn, so lässt das Buch Genesis Gott sagen:

„das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an.“

(Gen 8,21)

Es scheint, als sei Gott zu derselben Erkenntnis gekommen wie der alte Adenauer:

„Man muss die Menschen nehmen wie sie sind. Es gibt keine anderen.“

Der Bund, den Gott nach der Sintflut mit den Menschen schließt, verdeutlicht, dass Gott nicht gefangen ist in einer Logik von Schuld und Strafe. Er lässt in der Tat Gnade vor Recht ergehen. Die Ordnung der Welt mit all ihren Gegebenheiten bleibt dabei bestehen.

Jesus wird das später in der Bergpredigt so ausdrücken:

„Euer Vater im Himmel lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

(Mt 5,45)

Gott hebt die Freiheit des Menschen nicht auf. Der Mensch kann sich weiter für das Gute entscheiden, aber eben auch für das Böse. Gottes Geduld hält das aus.

Diese Gelassenheit Gottes darf aber nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Auch das verdeutlicht Jesus in seiner Botschaft. Er traut uns sogar zu, dass wir als Mitarbeiter am Reich Gottes das Böse mit Gutem vergelten.

Seine „Goldene Regel“ durchbricht den Teufelskreis aus Gleichgültigkeit und Eigennutz:

„Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“

(Mt 7,12)


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Dieser Beitrag wurde am 20.04.2021 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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