Morgenandacht, 19.04.2021

von Andreas Britz, Bellheim

Der jüdische Schneider

Wie kann ein gütiger und allmächtiger Gott ein so großes Leid zulassen? Diese brennende Frage stellen sich ungezählte Menschen auf der Welt angesichts der Opfer der Corona-Pandemie. Ihre Zahl geht in die Millionen.

Immer schon haben gläubige Menschen mit Gott gehadert, wenn sie von Schicksalsschlägen getroffen wurden. Womit habe ich das verdient? Warum hat Gott das Leid nicht verhindert?

Bis heute beißen sich Philosophen und Theologen an dieser Frage, die sie Theodizee nennen, die Zähne aus. Eine wirklich befriedigende Antwort darauf hat bisher niemand gefunden. Wohl kein Volk hat sich dabei seit jeher so intensiv mit diesem Problem beschäftigt wie das jüdische.

Im Alten Testament steht die Theodizee im Mittelpunkt des Buches Ijob. Viele Psalmen klagen Gott an:

„Wie lange noch, HERR, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Angesicht vor mir?“

(Ps 13,2)

Und auch Jesus von Nazaret betet am Kreuz einen Psalm:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

(Ps 22,2)

Und dann die Shoa, der Völkermord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg! Wie sollte man nach diesem Menschheitsverbrechen noch an die Güte und Allmacht Gottes glauben können?

Elie Wiesel (1928-2016) kam als 16-Jähriger nach Auschwitz, wo die Nazis seine Mutter und seine jüngere Schwester ermordeten. Sein Vater starb im KZ Buchenwald. Elie Wiesel selbst überlebte. Die Frage aber, wie der Gott Israels das alles zulassen konnte, trieb ihn ein Leben lang um. Immer wieder betonte er:

„Letztlich werde ich niemals aufhören, mich gegen diejenigen zu empören, die Auschwitz geschaffen oder zugelassen haben. Gott eingeschlossen.“

Wie also kann man nach Auschwitz noch an Gott glauben? Der jüdische Philosoph Hans Jonas schlug vor, sich von dem Gedanken zu lösen, dass Gott allmächtig sei. Leidet Gott dann in den unglücklichen Opfern mit? Aber kann darin wirklich ein Trost liegen? Elie Wiesel kam zu dem Schluss, das Leid werde

„für immer ein riesiges Fragezeichen bleiben. Man begreift es nicht mit Gott. Und man versteht es nicht ohne ihn.“

Ähnlich urteilte der orthodoxe Rabbiner Irving Greenberg: Nach dem Holocaust sollte es keine Endlösungen mehr geben, nicht einmal mehr theologische.

Vielleicht hilft eine alte jüdische Erzählung weiter. Da wird der Rabbi Elimelech von seinen Schülern gefragt, wie man in rechter Weise, Jom Kippur, das jüdische Versöhnungsfest feiern sollte.

Der weise Lehrer schickt sie zu einem Schneider am Rande der Stadt. Neugierig schauen die Schüler durchs Fenster. Sie sehen, wie der Schneider im Kreis seiner Familie die traditionellen Gebete spricht.

Dann holt er ein Notizbuch hervor, in dem alle seine Sünden aus dem vergangenen Jahr aufgezeichnet sind. Punkt für Punkt geht er sie durch. Danach nimmt der Schneider ein dickes Buch aus dem Schrank und sagt:

„Allmächtiger Gott! Ich habe alle meine Sünden aufgezählt, und jetzt werde ich deine Sünden aufzählen.“

Es folgt eine lange Liste von Krankheiten, Missgeschicken und Enttäuschungen, die er und seine Familie erlitten haben. Als er mit der Abrechnung fertig ist, meint er:

„Allmächtiger Gott! Wenn man eine ehrliche Rechnung aufstellt, dann schuldest du mir mehr als ich dir. Aber ich will nicht kleinlich sein. An diesem Feiertag müssen sich alle versöhnen. So verzeihe ich dir deine Sünden und auch du sollst uns unsere Sünden verzeihen.“

Darauf feiert der Schneider ein fröhliches Fest. Die Schüler sind empört und erzählen ihrem Rabbi nach ihrer Rückkehr, wie unmöglich sich der Schneider verhalten habe. Rabbi Elimelech sieht das ganz anders:

„Der Allmächtige wird an diesem Tag kommen, um die Worte des Schneiders zu hören, damit sich an seinen Worten die ganze Welt freuen soll.“

Mich beeindruckt, wie der Schneider gar nicht erst versucht, Gott zu rechtfertigen, ihn aus seiner Verantwortung zu entlassen. Dabei bleibt er ganz selbstverständlich mit Gott im Gespräch.

Er denkt keinen Augenblick daran, seinen Glauben aufzugeben – trotz des Leids, das ihn und seine Familie getroffen hat. Eine solche Haltung verletzt weder die Würde des Menschen noch mindert sie die Einzigartigkeit Gottes.


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Dieser Beitrag wurde am 19.04.2021 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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