Am Sonntagmorgen, 18.04.2021

von Angelika Daiker, Stuttgart

Gottes Geheimnis in seinen 99 Namen. Von der Größe und Unbegreiflichkeit Gottes

Wer ist Gott? Diese Frage beschäftigt Menschen seit vielen Jahrhunderten. Jede Religion hat eine eigene Definition und eigene Namen gefunden. Was Gott für jeden einzelnen Menschen bedeutet, kann dabei noch einmal ganz anders ausfallen.

© Hugo Fergusson / Unsplash

„Wo ist nun dein Gott?“

Diese Frage müssen Menschen sich gefallen lassen, die an Gott glauben. 

„Warum lässt er das ganze Leid zu?“

Die Frage drängt sich auf, wenn wir menschlich nicht mehr weiterwissen und Gottes Eingreifen erwarten.

Für den frommen Beter in Psalm 42 kommt diese Frage von außen. 

„Wo ist nun dein Gott?“

Aber sie stellt sich ihm auch innerlich. Denn seine Sehnsucht nach Gott ist ungestillt: 

„Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen? Tränen waren mein Brot bei Tag und bei Nacht; denn man sagt zu mir den ganzen Tag: ‚Wo ist nun dein Gott?‘“

(Ps 42,4)

„Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen?
Warum muss ich trauernd umhergehen, von meinem Feind bedrängt?“

(Ps 42,10)

Ist der Tod das Ende des Glaubens?

Ja, wo ist Gott in dem Leid, das uns das Leben täglich zumutet?
Wo finde ich ihn in dieser Pandemiezeit?
Wo ist Gott für die Trauernden, die ihre sterbenden Angehörigen nicht begleiten durften?
Wo ist Gott, wenn Menschen einsam sterben?
Wo ist Gott, wenn Kinder aus dem Leben gerissen werden
?

Eine junge Witwe sagte mir, dass sie zu „diesem Gott“, wie sie sagte, nicht mehr beten könne. Monatelang haben sie und ihre zwei kleinen Kinder gebetet: „Lieber Gott, bitte mach den Papa wieder gesund!“ Wie sollen sie je wieder beten?

Ich verstehe die jungen Mütter und Väter, deren Partner und Partnerinnen verstorben sind und die mit ihren kleinen Kindern alleine dastehen. Ich verstehe, dass sie mit Gott hadern.

„Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben.“

So sagen manche von ihnen. Im Hospiz sind mir Menschen begegnet, für die der Tod eines geliebten Menschen die große Gotteskrise oder sogar das Ende ihres Glaubens war.

Schrei nach Gott in der Not 

Es sind mir auch andere begegnet. Ich denke an eine 85-jährige Dame, die im Hospiz ihre 60-jährige krebskranke Tochter begleitete. Eines Tages erzählte sie, sie müsse nun auch ihre andere Tochter im Krankenhaus besuchen, die auch eine Krebserkrankung habe. Als sie ihre Tränen getrocknet hatte, meinte sie:

„Wie gut, wir haben wenigstens ‚Einen‘, an den wir unser Elend hinschreien können“.

„Einen!“ – ohne seinen Namen auszusprechen – meinte sie Gott, dem sie in ihrer Not wenigsten die Ohren vollschreien konnte. 

Ich weiß nicht, ob sie ihn gebeten hat, er möge das Sterben ihrer Töchter verhindern. Gesprochen hat sie nur davon, dass sie ihren Schmerz an ihn hinschreien könne. Das war ihr Trost. Hinschreien!

„Erbarme Dich unser, Gott“ - „Miserere nostri Domine“

Mit dem Schrei nach Gott könnte man auch fragen, ob er überhaupt existiert. Denn wie kann ein Gott all das Elend der Welt zulassen? 

Ich wähle einen anderen Weg. Ich stelle seine Existenz nicht in Frage, nehme vielmehr den dunklen Riss der Gottesferne wahr, wie der Dichter Christian Lehnert es eindrucksvoll formuliert:

„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riß,
ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiß.“      
(Christian Lehnert, Windzüge S.49)

Weil ich den dunklen Riss in mir kenne, pflege ich das Vermissen in mir und konzentriere mich darauf zu fragen, wie ich Gottes Nähe erfahren kann. Ich frage nicht, ob er überhaupt existiert, sondern wo er ist und wie ich ihn erfahren kann. Ich warte nicht nur darauf, dass er sich zeigt, sondern suche ihn und zeige ihm meine Sehnsucht. Mit dem Psalmisten bete ich:

„Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele Gott nach dir.“ (Psalm 42)

Die Frage nach der Existenz Gottes

Gottes Existenz zu leugnen, ist eine Entscheidung. An ihn zu glauben auch!
Welche Konsequenz diese Entscheidung haben kann, sehe ich am Leben der französischen Mystikerin Madeleine Delbrêl. In ihrer Jugend verstand sie sich als ausgesprochene Atheistin.

Als ihr Verlobter sich von ihr trennte, weil er Ordensmann werden wollte, war sie tief erschüttert und wollte diese unbegreifliche Entscheidung nachvollziehen können. So entschied sie sich, ihre alte Ausgangsfrage, die von der Nichtexistenz Gottes ausging, zu verändern.

Statt zu fragen: „Wie lässt sich beweisen, dass Gott nicht existiert?“, stellte sie jetzt die Frage: „Existiert Gott?“ Um dieser Frage auf den Grund zu kommen, entschloss sie sich zu beten. Ihr Gebet war ein Experiment. Sie schreibt:

„Ich habe, lesend und nachdenkend, Gott gefunden, aber indem ich betete, habe ich geglaubt, dass Gott mich fand und dass er lebendige Wirklichkeit ist und man ihn lieben kann, wie man eine Person liebt.“

(Schleinzer 86)

Das ist eine sehr persönliche Erfahrung, eine persönliche Geschichte.

Wenn wir uns dem Geheimnis Gottes annähern wollen, geschieht das immer in persönlichen Geschichten der Begegnung und in Momenten, in denen wir alles in uns Hinderliche beseitigen lassen, um offen zu sein für eine Begegnung mit Gott.

Oh du mein Gott: Nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir!
Oh du mein Gott: Gib alles mir, was mich fördert zu Dir!
Oh du mein Gott: Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.

Die Suche nach Gottes Namen

Die Frage nach Gott gehört zu unserer menschlichen Grundausstattung. Aber ich muss sie persönlich an mich selbst stellen: Wer ist Gott für mich?

Auf meiner Suche kann ich mich von den Religionen inspirieren lassen, die alle auf ihre Weise nach dem Göttlichen fragen in Kirchen, Moscheen, Tempeln, Meditationsräumen, Wallfahrtsorten. Sie kennen einen bewährten Weg, mit Gott in Verbindung zu kommen, nämlich ihn anzusprechen mit seinem Namen.

Wie sonst sollen wir mit ihm in Kontakt kommen, wenn mit seinem Namen?
Wie sonst kommen wir als Menschen miteinander in Kontakt, wenn nicht, indem wir einander respektvoll, zugewandt schreiend, dankend, stammelnd und zärtlich beim Namen nennen?

Der große Theologe und Gottsucher Karl Rahner bringt seine Suche nach dem Namen Gottes so ins Gebet: 

„Was soll ich zu dir sagen, mein Gott? Soll ich alle Worte zusammensuchen, die deinen heiligen Namen rühmen, soll ich dir alle Namen dieser Erde geben, dir, du Namenloser? Gott meines Lebens dich nennen, Sinn meines Lebens, Ziel meiner Wege, Weihe meiner Tage? Bitterkeit meiner bitteren Stunden, Heimat meiner Einsamkeit, du mein geheimstes Glück? Soll ich sagen: Schöpfer, Erhalter, Begnadiger, Naher, Ferner, Unbegreiflicher, Gott der Blumen und der Sterne, Gott des sanften Windes und der fürchterlichen Schlachten, Weisheit, Macht, Treue du und Wahrhaftigkeit, Ewigkeit und Unermesslichkeit, du Allbarmherziger, du Gerechter, du Liebe? Was soll ich zu dir sagen, o mein Gott?“

(Karl Rahner, Gebete des Lebens S.13f)

Die Juden und der „Ich bin da“

„Was soll ich zu dir sagen, o mein Gott?“

Die große Bedeutung des Gottesnamens ist für Christen geprägt durch das Judentum und die aufregende Erfahrung, dass Gott selbst den Menschen seinen Namen kundgetan hat. Als der große Gottsucher Mose ihn fragte, unter welchem Namen er das Volk aus der Knechtschaft Ägyptens führen soll, antwortete ihm Gott:

„Ich bin der ‚Ich-bin-da‘… So sollst du zu den Israeliten sagen: Der ‚Ich-bin-da‘ hat mich zu euch gesandt.“ … 

„So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer und so wird man mich nennen in allen Generationen.“

(Exodus 3,14f)

„Ich bin der ‚Ich-bin-da‘“: Für diese Zusage an Mose steht das sogenannte Tetragramm; vier Buchstaben: JHWH. Man hat versucht, diesen Namen aussprechbar zu machen, indem man Vokale eingefügt hat. So entstand der Name Jahwe. Sein Eigenname blieben jedoch die vier Konsonanten JHWH, unaussprechbar.

Dieser Name drückt nicht nur die Nähe Gottes sondern auch seine Verlässlichkeit durch alle Zeiten und für alle Generationen aus. Denn hinter diesem Namen stehen Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben.

Für Israel ist es eine Auszeichnung, dass Gott seinen Namen geoffenbart hat. Denn der Name ist so etwas wie die dem Menschen zugewandte Seite Gottes, die eine persönliche Anrede ermöglicht.

Die Christen und der „Vater“

Christen stehen in einer inneren Verbindung zu dieser jüdischen Namenstradition. Jesus selbst spricht Gott als Vater an, und findet damit einen von Nähe und Zärtlichkeit aber auch von Respekt geprägten Namen, der im „Vater unser“ das Eingangstor für viele alltägliche und existentielle Anliegen ist. 

Die vertrauensvolle Anrede Gottes als Vater, Abba, gebraucht Jesus auch in größter Not. Die bedingungslose Hingabe an seinen himmlischen Vater gilt als das letzte der sieben Worte Jesu am Kreuz:

„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

(Lukas 23,46)

Faszinierend ist, dass alle großen Religionen eine Namenssuche Gottes kennen. Als ob die Fülle der Namen einer einzigen Religion nicht reichen würde, um sich dem großen Geheimnis Gottes anzunähern.

Der Islam und die 99 Namen

Ganz zentral ist die Anrufung der Namen Gottes für den Islam. Dem frommen Moslem hilft die Gebetskette mit 33 Perlen, um die 99 Namen Allahs aufzuzählen. Im Namen Allah ist alles enthalten, aber um sich ihm anzunähern, braucht es die 99 Namen.

Einen weniger als 100. Damit bleibt Raum für das Geheimnis Gottes. Unter den Namen finden sich zugängliche Anrufungen wie: Der Vergeber, der Allwissende, der Liebende, aber auch verstörende wie: der Demütigende, der Zurückweisende.

Der Heilige Franz von Assisi war sehr beeindruckt von den 99 Namen Gottes im Islam. Nachdem er im Jahr 1219 den Sultan Malik Al Kamil in Ägypten getroffen hatte, schrieb er sein Gebet mit den schönsten Namen Gottes, einen Lobpreis.

„Heilig bist du, Herr,
einziger Gott,
der du Wunderbares vollbringst!

Über uns, mit uns, in uns –
und doch einzig,
Gott und Herr alles Göttlichen!


Leidenschaftliche Liebe – Du
zärtliche Liebe – Du
kostende Weisheit – Du
erdnahe Gegenwart – Du
Kraft im Leiden – Du
Schönheit – Du
Du – erfüllte Ruhe
Du – Wonne und Freude
Du – unsere Hoffnung
Du – Gerechtigkeit und Besonnenheit!
Du erfüllst uns mit deinem Reichtum!
Du – Schönheit
Sanftmut – Du
Du – Beschützer
Du – Wächter und Verteidiger
Stärke – Du
Zuflucht – Du
Du – unsere Hoffnung
Du – unsere Glaubenskraft
Du – unsere Liebe
Du – unsere ganze Süßigkeit
Du – unser Leben in Ewigkeit!

Groß und bewundernswert bist du
Herr und Gott, stärker als alles,
beherzt zugewandter Erlöser.“

Braucht Gott einen Namen?

Gott bleibt uns unbegreiflich. Aber wir können uns seinem Geheimnis annähern, indem wir ihn mit unserer ganzen Sehnsucht ansprechen, ihm alle Namen geben, die wir für ihn im Herzen tragen.

So können wir ihn anklagen, anschreien und wir können ihm danken und zujubeln. Vielleicht kommen wir ihm sogar besonders nahe, wenn wir in seinen Namen unser ganzes Vokabular von Freude, Dankbarkeit und Schönheit aufbieten, um darin sein großes Du zu finden.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

„Miserere“ aus „Suda sangue“: Via Crucis von Christina Pluhar und l’Arpeggiata

Oh du mein Gott - Helge Burggrabe nach einem Gebet von Nikolaus Flüe

Biber, L‘Aria aus: Via Crucis von Christina Pluhar und l’Arpeggiata


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Dieser Beitrag wurde am 18.04.2021 gesendet.


Über die Autorin Angelika Daiker

Dr. Angelika Daiker. geb. 14.03 1955, studierte in Tübingen, München und Wien. Sie promovierte in Wien bei Prof. Dr. Michael Zulehner. Die gekürzte und überarbeitete Fassung ihrer Dissertation erschien 1999 unter dem Titel „Über Grenzen geführt – Leben und Spiritualität der Kleinen Schwester Magdeleine“ im Schwabenverlag. Daiker ist Pastoralreferentin und leitete von 2007- 2017 das Hospiz St. Martin in Stuttgart, das sie konzeptionell aufgebaut hat. Als Autorin, als Trauerbegleiterin und als Dozentin für Sacred Dance wird sie zu Vorträgen und Seminaren im Bereich Trauer- und Sterbebegleitung, zu Themen der Spiritualität und zu Tanzseminaren eingeladen. Neueste Veröffentlichung:
Hülle und Fülle - Palliative Spritualität in der Hospizarbeit,
Angelika Daiker / Barbara Hummler - Antoni,
Patmosverlag September 2018

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