Wort zum Tage, 17.04.2021

von Günter Oberthür, Lingen

Einfach alles schlimm

„Sie ist immer so traurig, sie hat eine Sprachstörung, und sie ist gläubig.“

Diese Kurzinformation muss für meinen Besuch im Krankenzimmer bei Frau Lammers reichen. Dort kauert sie in ihrem Rollstuhl wie das sprichwörtliche Häufchen Elend. Frau Lammers hat nur ein Bein.

Mit einem Taschentuch putzt sie ihre Tränen ab. Ich stelle mich als Seelsorger vor und nun sitzen wir beide ein wenig verloren mit coronabedingt nötigem Abstand und mit Mund-Nasenschutz.

Schnell zeigt sich, dass sie wegen ihrer Sprachstörung wirklich kein Wort herausbringt. Aber im weiteren Verlauf unseres einseitigen Gespräches zeigt sich, dass sie mich offensichtlich zu einem deutlichen Teil versteht.

Auf meine Alternativfragen nach dem Grund ihrer Traurigkeit, Wut oder Verzweiflung nickt oder schüttelt die Mittfünfzigerin den Kopf. Als ich ihr anbiete:

„Einfach alles schlimm!“,

reagiert Frau Lammers heftig mit Nicken, Kopfschütteln und Tränen. Ein Engelbild auf dem Tisch erinnert mich an ihre Gläubigkeit. Ich nehme es in die Hand und zeige es Frau Lammers:

„Finden Sie dort Hilfe?“

Wieder reagiert sie diffus, aber stark. Es wirkt auf mich wie „Ja!“, „Vielleicht“, „Auf jeden Fall!“ und „Ich weiß nicht“ zusammen.

Ich spüre meinen Wunsch, gegen die niederdrückende Stimmung eine frohe Botschaft zu setzen. Doch soll ich jetzt den lieben Gott, den Heiland der Kranken, den Retter und Erlöser trutzig gegen das Elend ins Feld führen?

Ich muss an Hiob aus der Bibel denken. Er ist ähnlich leidgeplagt und wehrt sich gegen solche „leidigen Tröster“. Seine Freunde wollen Hiob einen frommen Sinn antragen, den der leidende Hiob nirgends sehen kann. Stattdessen sollten sie lieber seiner Klage zuhören:

„Hört doch auf mein Wort, das wäre mir schon Trost von euch“,

sagt er. Also versuche ich, eine solche Klage im Tenor der Psalmen stellvertretend ins Gebet zu bringen:

„Hast Du, mein Gott, mich ganz vergessen? Wie lange noch muss ich hier stumm und einsam sitzen? Sprich Du zu mir und gib mir Wörter. Dann kann ich sagen, was mein Herz bewegt.“

Bis zu ihrer Entlassung bleibt unsere „Unterhaltung“ ihrerseits wortlos. Es sind anstrengende und intensive Begegnungen. Für mich bleibt in solchen Momenten nur die Hoffnung, dass ihr zugesprochen wird, worum wir gebetet haben:

„Das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden.“


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Dieser Beitrag wurde am 17.04.2021 gesendet.


Zur Person: Günter Oberthür

Günter Oberthür (Jahrgang 1957), Studium: Katholische Theologe (Diplom), Germanistik und Pädagogik (Gymnasiallehramt) in Münster; Studienleiter und stellv. Direktor einer Katholisch-Sozialen Akademie, Diözesanreferent für das Dritte und Vierte Lebensalter und für Männerarbeit im Bistum Osnabrück. Jetzt tätig als Seelsorger in einer Reha-Klinik, in der Altenpastoral und im Team der Ambulanten Palliativen Versorgung (SAPV); zudem Trauerbegleiter (BVT), Coach (DGfC) und  Autor von Radioandachten. Ihn interessieren schon immer Ab- und Aufbrüche, das Suchen und Gefunden-werden, Dissonanzen und Wohlklänge – in Literatur und Musik sowie in Lebensläufen, stets auf der Suche danach, wie hier himmlische Spuren einbrechen. Nach dem Tod seiner ersten Frau lebt er erneut verheiratet  in Lingen. Kontakt: g.oberthuer@gmx.de

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