Wort zum Tage, 16.04.2021

von Günter Oberthür, Lingen

Fremdvertraut

Mit einem Unfall fing es an, dann eine komplizierte OP am Kopf mit fünf Wochen Krankenhaus, schließlich die langwierige Reha. Das sagt Frau Kemmer mir nach einer abendlichen Musikmeditation, zu der ich unter dem Motto

„Klangkontakte mit der Seele“

eingeladen hatte. Die zeitgenössische Chormusik hat es ihr sichtlich angetan

„Da konnte ich ganz andächtig zuhören. Und andächtig sein lerne ich erst wieder“,

gesteht die rund 60jährige. Sie sei in einem kleinen Dorf katholisch aufgewachsen, als Kind, als Jugendliche und als Mutter fest verwurzelt gewesen mit der Kirche. Nach dem Umzug in die Stadt sei der Kontakt abgebrochen. Und mit dem Kinderglauben könne sie nichts mehr anfangen. 

Sie ist bei meinen Formulierungen hängengeblieben, die ich von Huub Oosterhuis, dem niederländischen Poeten und Theologen, entlehnt habe. Gott werde erlebt als fern und nah; er sei fremd und vertraut, heißt es da.

Genau so würde sie das erleben. Über weite Strecken könne sie nichts von Gott spüren und das Kirchliche fühle sich völlig überholt an. Doch in den letzten Monaten mit viel Einsamkeit und Stille sei etwas passiert. Es fühle sich so an, als habe etwas in das Schweigen hinein geklungen.

Nah und fern, fremd und vertraut sei es gewesen. Das seien passende Worte. Alle Sorgen seinen kleiner geworden. Und wo nun alles gut gelaufen sei, empfinde sie große Dankbarkeit.

„Da kam mir sogar ein Gebet in den Sinn“,

gesteht sie ein wenig verschämt.

Mir scheint, Frau Kemmer hat eine innere Erfahrung gemacht. Ihre Beschreibung erinnert auch an die Berichte der Jünger Jesu, wie ihnen der auferstandene Jesus nach seinem Tod begegnete: Fremd und vertraut zugleich.

Der tschechische Theologe Tomáš Halík würde Frau Kemmer zu den Suchenden zählen, die sich für einen

„Weg in die Tiefe“

öffnen. Er ermutigt, die Leere als Zeichen zu sehen, ins Schweigen hineinzuhören.

„Lassen wir uns nicht verwirren, wenn uns der auferstandene Christus wie ein Fremder erscheinen mag“,

schreibt Halik,

„wir werden ihn erkennen, wenn er uns vertraut anspricht, an seinem Geist, der den Frieden bringt und die Angst vertreibt.“

Frau Kemmer würde vermutlich zustimmen:

„Ja, fremdvertraut!“


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Dieser Beitrag wurde am 16.04.2021 gesendet.


Zur Person: Günter Oberthür

Günter Oberthür (Jahrgang 1957), Studium: Katholische Theologe (Diplom), Germanistik und Pädagogik (Gymnasiallehramt) in Münster; Studienleiter und stellv. Direktor einer Katholisch-Sozialen Akademie, Diözesanreferent für das Dritte und Vierte Lebensalter und für Männerarbeit im Bistum Osnabrück. Jetzt tätig als Seelsorger in einer Reha-Klinik, in der Altenpastoral und im Team der Ambulanten Palliativen Versorgung (SAPV); zudem Trauerbegleiter (BVT), Coach (DGfC) und  Autor von Radioandachten. Ihn interessieren schon immer Ab- und Aufbrüche, das Suchen und Gefunden-werden, Dissonanzen und Wohlklänge – in Literatur und Musik sowie in Lebensläufen, stets auf der Suche danach, wie hier himmlische Spuren einbrechen. Nach dem Tod seiner ersten Frau lebt er erneut verheiratet  in Lingen. Kontakt: g.oberthuer@gmx.de

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