Wort zum Tage, 15.04.2021

von Günter Oberthür, Lingen

Neuanfang

„Ich halt das kaum noch aus, diese fehlenden Kontakte überall. Warum trifft uns so ein Virus?“

So klagt Frau Kaiser, die ich als Seelsorger zufällig am Eingang der Reha-Klinik treffe. Sie bringt frische Wäsche für ihren Mann und wir kommen ins Gespräch.

Die Pandemie mutet uns viel zu. Unser abgesichertes Leben zeigt sich plötzlich sehr verletzlich. Diese Ohnmacht finden wir kränkend, sie verletzt unsere Souveränität. Und wo ist Gott in alledem?

„… einen Gott, der sich wie ein zorniger Regisseur hinter die Bühne unserer Welt gesetzt hat“,

sollten wir jedenfalls nicht annehmen, meint der tschechische Theologe Tomáš Halík.

Es sieht so aus, dass die Pandemie zur grundlegenden Zeitenwende wird. Für viele wird diese Wende so sein, wie eine schwere Erkrankung: Ein Zurück wird es nicht geben. Ein paar kosmetische Reparaturen reichen nicht. Aber ein Neuanfang ist möglich.

Doch das ist schwere Arbeit, für Körper, Geist und Seele. Der Verlust der alten Sicherheiten darf und muss betrauert werden. Wenn man den sicheren Hafen verlässt, gerät man schnell in unbekannte Gewässer und neues Land ist noch nicht in Sicht.

Jetzt, nach Ostern kommen mir natürlich die biblischen Auferstehungs-Erzählungen in den Sinn. Auch sie beginnen mit dem erschütternden Scheitern einer Lebensperspektive. Der Hoffnungsträger Jesus ist schändlich getötet worden. Seine Freunde gehen zurück in die alte Heimat.

Aber mitten in diesem tristen Alltag machen sie Begegnungen mit einem zunächst Fremden. Er spricht sie im Herzen an und während er sich wieder entfernt, identifizieren sie ihn als den vertrauten Jesus. Das berührt sie so tief, dass sie neu aufbrechen können.

„Wenn es meinem Mann hilft, will ich diese Einschränkungen gerne durchhalten“,

sagt Frau Kaiser und denkt dabei auch an die zeitweise beklatschten und schon fast wieder vergessenen Heldinnen und Helden in den helfenden Berufen, gerade auch hier in der Klinik. Für den Theologen Tomáš Halík ist Gott in der Pandemie hier zu finden. Er sagt:

„Ich nehme Gott als Kraftquelle wahr, die in denen wirkt, die in solchen Situationen eine solidarische und aufopfernde Liebe erweisen – ja auch in denen, die dazu keine religiöse Motivation haben. Denn Gott ist eine demütige und diskrete Liebe.“


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Dieser Beitrag wurde am 15.04.2021 gesendet.


Zur Person: Günter Oberthür

Günter Oberthür (Jahrgang 1957), Studium: Katholische Theologe (Diplom), Germanistik und Pädagogik (Gymnasiallehramt) in Münster; Studienleiter und stellv. Direktor einer Katholisch-Sozialen Akademie, Diözesanreferent für das Dritte und Vierte Lebensalter und für Männerarbeit im Bistum Osnabrück. Jetzt tätig als Seelsorger in einer Reha-Klinik, in der Altenpastoral und im Team der Ambulanten Palliativen Versorgung (SAPV); zudem Trauerbegleiter (BVT), Coach (DGfC) und  Autor von Radioandachten. Ihn interessieren schon immer Ab- und Aufbrüche, das Suchen und Gefunden-werden, Dissonanzen und Wohlklänge – in Literatur und Musik sowie in Lebensläufen, stets auf der Suche danach, wie hier himmlische Spuren einbrechen. Nach dem Tod seiner ersten Frau lebt er erneut verheiratet  in Lingen. Kontakt: g.oberthuer@gmx.de

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