Wort zum Tage, 14.04.2021

von Günter Oberthür, Lingen

Over the rainbow

Es war noch vor Corona-Zeiten. In der Aula unserer Rehaklinik saß ein Mittsiebziger am Klavier und spielte. Daneben sein junger Ergotherapeut, der diese geniale Idee hatte, seinen Patienten ans Klavier zu setzen, denn durch das Spiel konnte er die Beweglichkeit der Finger trainieren.

Doch welchen Dienst er damit auch dem Wohl der Seele erweisen konnte, war vorher kaum absehbar. Nach einer kurzen Zeit musste der ältere Herr das Spiel unterbrechen:

„Von Kindheit an habe ich an den Tasten gesessen, das ist mein Leben. Aber meine Finger spielen nicht mehr mit. Es ist furchtbar“,

klagte er. Als ich ihn bitte, es doch noch einmal zu probieren, stimmt er den Jazz-Standard „Over the rainbow“ an. Langsam spielt er, mit gebeugtem Oberkörper, als wollte er mit dem Instrument verschmelzen.

Die rechte Hand müht sich, den Oktavsprung zu schaffen; die linke Hand quält sich, Akkorde vierstimmig zu greifen. Doch diese Harmonik braucht der Jazz. Einfache Melodien werden so arrangiert, dass das ganze Drama des Lebens hineingesponnen wird.

So hört man in den Dissonanzen den Schmerz und die Mühe. Und die Melodie scheint manchmal den Weg völlig zu verlieren. Doch am Ende findet alles wieder zusammen in einer geläuterten Harmonie.

Während wir unserem Pianisten in Gedanken versunken zuhören, unterbricht er noch einmal mit Tränen in den Augen:

„Es ist mein Lieblingslied, es bedeutet mir viel. Auch wenn ich es kaum noch schaffe. Jetzt bringe ich es zu Ende.“

So spielt er weiter das Lied vom Ort der Träume über dem Regenbogen, dem Ort, wo man gefunden wird. 

Ich erlebe es wie ein Bekenntnis, ein Ringen mit den eigenen Grenzen und ein sich Fallen-Lassen in den himmlischen Klang.

Mir fällt dazu eine Tagebuchaufzeichnung von Dag Hammarskjöld ein, dem früheren UN-Generalsekretär:

„Ich weiß nicht, wer - oder was - die Frage stellte. Ich weiß nicht, wann sie gestellt wurde. Ich weiß nicht, ob ich antwortete. Aber einmal antwortete ich ja zu jemandem - oder zu etwas. Von dieser Stunde an rührt die Gewissheit, dass mein Leben sinnvoll ist und darum mein Leben ein Ziel hat.“

Andächtig hören wir bis zum Schlussakkord und sind tief ergriffen.

Für mich ist es ein Fest der Auferstehung mitten am Tag, ein heiliger Moment, in dem alle Fragen und Widerstände umfangen werden von einer geheimnisvollen Zustimmung.


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Dieser Beitrag wurde am 14.04.2021 gesendet.


Zur Person: Günter Oberthür

Günter Oberthür (Jahrgang 1957), Studium: Katholische Theologe (Diplom), Germanistik und Pädagogik (Gymnasiallehramt) in Münster; Studienleiter und stellv. Direktor einer Katholisch-Sozialen Akademie, Diözesanreferent für das Dritte und Vierte Lebensalter und für Männerarbeit im Bistum Osnabrück. Jetzt tätig als Seelsorger in einer Reha-Klinik, in der Altenpastoral und im Team der Ambulanten Palliativen Versorgung (SAPV); zudem Trauerbegleiter (BVT), Coach (DGfC) und  Autor von Radioandachten. Ihn interessieren schon immer Ab- und Aufbrüche, das Suchen und Gefunden-werden, Dissonanzen und Wohlklänge – in Literatur und Musik sowie in Lebensläufen, stets auf der Suche danach, wie hier himmlische Spuren einbrechen. Nach dem Tod seiner ersten Frau lebt er erneut verheiratet  in Lingen. Kontakt: g.oberthuer@gmx.de

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