Wort zum Tage, 13.04.2021

von Günter Oberthür, Lingen

Seelsorge?

„Seelsorge? Das brauche ich nicht.“

So lädt mich Herr Benteler freundlich, aber bestimmt aus, als ich sein Zimmer betrete und mich kurz als Krankenhausseelsorger vorstelle. Noch bevor ich mich verabschieden kann, ergänzt er grimmig:

„Sonst könnt ich Ihnen schon was erzählen!“

Mein nachdenklich fragendes „So?“ reicht ihm, um loszulegen.

Der stattliche Enddreißiger ereifert sich über Essenszeiten, Bedienung und Zubereitung. Mittlerweile habe ich mich auf einen Stuhl zu ihm ans Bett gesetzt.

Als sein Redeschwall abbricht, versuche ich meinen Eindruck in kurze Worte zu fassen – über den Mann von Welt, der sich nun in der Reha-Klinik auf sein Bett begrenzt mit einer halbwarmen Suppe zufriedengeben muss.

Nach einer Pause wechseln seine Tonlage und Perspektive. Sein Unfall und die erzwungene Auszeit haben ihn völlig verstört. Er sei ungewiss, ob er in Zukunft seine Leistungsfähigkeit wieder erreichen kann.

Dazu sehe er jetzt, wie er das Aufwachsen seiner Kinder vor lauter Arbeit verpasse. Er fürchte, sein ganzes erfolgreiches Leben würde ihm entgleiten. Nur wegen des Unfalls.

„Oder ist das ein Wink des Schicksals? Da kennen Sie sich doch aus“,

platzt es dann aus ihm heraus. Ich gestehe ihm meine Vorsicht, solche Ereignisse einfach einer höheren Instanz zuzuschreiben. Sage ihm aber auch, dass es mir klug erscheint, sich über das, was einem passiert, Gedanken zu machen.

Denn eine Zwangspause kann mich dazu bringen, das wirkliche Beglückende für mich klarer zu sehen und zu verfolgen.

Als ich mich später verabschiede, entschuldigt sich Herr Benteler geradezu:

„Jetzt konnten Sie gar nicht Ihre Mission unterbringen.“

Auf meinen verwunderten Blick fügt er hinzu:

„Ja, Gott zu bringen und zu beten.“

Und ich frage mich: Ist meine Mission als Seelsorger, Gott zu bringen?

Ich glaube, dass diese ganz andere Wirklichkeit, die wir Christen Gott nennen, tatsächlich mitten in unser alltägliches Leben eintreten kann. Allerdings entzieht sich das unserer Verfügbarkeit.

Unterbrechung – so lautet die kürzeste Definition für Religion, meint der Theologe Johann Baptist Metz. Manchmal öffnet sich unser Alltag einen Spalt weit. Das kann in Momenten des Glücks oder des Unglücks geschehen.

Dann sehen wir tiefer und weiter. Wenn ich helfen kann, diese Spuren zu entdecken, bin ich auf der richtigen Mission. Vielleicht kann ich mit dafür sorgen, dass mein Gegenüber im Kontakt mit seiner Seele die sinnvolle Spur findet.


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Dieser Beitrag wurde am 13.04.2021 gesendet.


Zur Person: Günter Oberthür

Günter Oberthür (Jahrgang 1957), Studium: Katholische Theologe (Diplom), Germanistik und Pädagogik (Gymnasiallehramt) in Münster; Studienleiter und stellv. Direktor einer Katholisch-Sozialen Akademie, Diözesanreferent für das Dritte und Vierte Lebensalter und für Männerarbeit im Bistum Osnabrück. Jetzt tätig als Seelsorger in einer Reha-Klinik, in der Altenpastoral und im Team der Ambulanten Palliativen Versorgung (SAPV); zudem Trauerbegleiter (BVT), Coach (DGfC) und  Autor von Radioandachten. Ihn interessieren schon immer Ab- und Aufbrüche, das Suchen und Gefunden-werden, Dissonanzen und Wohlklänge – in Literatur und Musik sowie in Lebensläufen, stets auf der Suche danach, wie hier himmlische Spuren einbrechen. Nach dem Tod seiner ersten Frau lebt er erneut verheiratet  in Lingen. Kontakt: g.oberthuer@gmx.de

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