Feiertag, 11.04.2021

von Bruder Andreas Knapp, Leipzig

„Halte die Bruchstellen heilig!“ Die Feier von Abendmahl / Eucharistie

Es ist der Höhepunkt einer heiligen Messe, das Zentrum kirchlichen Lebens: die Eucharistie. Gefeiert wird nicht bloß eine Wiederholung des letzten Abendmahls, sondern die Verbindung mit Jesus Christus. Die Eucharistie ist voller Symbole für die Beziehung zwischen Mensch und Gott.

© Josh Applegate / Unsplash

Heute ist der Octavtag von Ostern. Er wird in der Kirche als Zweiter Ostersonntag gefeiert und auch „Weißer Sonntag“ genannt oder „Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit“. Die Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu und an seine Auferstehung stehen noch immer im Mittelpunkt.

Heute wäre unter normalen Umständen der Tag, an dem in den meisten katholischen Gemeinden die Kinder zur Erstkommunion gehen würden – das erste Mal eingeladen zum Tisch des Herrn.

Ein heiliges Geschehen

Die katholische Eucharistiefeier und auch das evangelische Abendmahl halten das Gedächtnis an das Letzte Abendmahl fest. Jenes Mahl, in dem Jesus sein eigenes Schicksal vorwegnahm und deutete. Er ahnte, was auf ihn zukommt und gab dem einen Sinn:

„Und Jesus nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es den Jüngern mit den Worten: ‚Das ist mein Leib, der für euch hingeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis.‘ Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Das ist der Kelch des neuen Bundes, mein Blut, das für euch vergossen wird, zur Vergebung der Sünden.“

(vgl. Lk 22, Mt 26)

In diesen Deuteworten seines Abschiedsessens scheint die Gegenwart Gottes auf.

„Der Weg, den ich gehen werde, ich gehe ihn für euch, meinen Schmerz, ich leide ihn für euch, meinen Tod, ich sterbe ihn für euch.“

Es ist ein heiliges Geschehen. Heilig, weil hier eine andere, göttliche Wirklichkeit sichtbar und spürbar wird. Im Brechen des Brotes, in einer Geste wird Gott gegenwärtig, nicht mehr an einen Ort gebunden wie etwa den Tempel.

Die Tempelreinigung

Wenige Tage vor dem Letzten Abendmahl kommt es zu einem Ereignis, das möglicherweise das Schicksal Jesu entscheidend beeinflusst hat. Die vier Evangelien der Bibel berichten übereinstimmend von einer beispiellosen Aktion im Jerusalemer Tempel, dem höchsten Heiligtum des jüdischen Glaubens.

„Im Tempel fand Jesus die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Und Jesus machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: ‚Schafft das hier weg! Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein, ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.‘“

(Vgl. Joh 18, Lk 19)

Warum regt sich Jesus im Tempel von Jerusalem so auf?

Weil er das Allerheiligste entweiht sieht. In dem Raum, indem die Gegenwart Gottes verehrt wird, geht es zu wie in einer Markthalle. Mit heiligem Zorn und einer Peitsche in der Hand stört Jesus den Betriebsablauf der Geldwechsler, die fremde Münze in reine Tempel-Währung umtauschen.

Heiligtum als Zufluchtsort

Er vertreibt die Vieh- und Vogelhändler, die unschuldige Tiere feilbieten. Wie er Dämonen ausgetrieben hat, die Menschen besetzt hielten, so will er nun das Haus Gottes von denen befreien, die meinen, man könne Gott für sich pachten oder mit ihm Geschäfte machen. Es bringt Jesus in Wut, dass Geld nicht nur die Welt sondern auch noch das Allerheiligste regieren will.

Ursprünglich soll das Heilige gerade nicht den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt unterliegen. In vielen Religionen gilt ein Tempelbereich als „heilig“, weil dort ein Stück der Welt abgetrennt und Gott geweiht ist. Heiligtümer können zum Zufluchtsort werden.

Bis heute gibt es das Kirchenasyl. Allerdings bemächtigt sich der Kommerz oft auch der Heiligtümer: Im Tempel von Jerusalem wurden Geschäfte gemacht, mit Gott – und zwischen Menschen. Genau diese Missachtung eines nur Gott vorbehaltenen Bezirks war Jesus ein Dorn im Auge.  

Das Geschenk des Abendmahls

Wenige Zeit nach seinem provozierenden Auftritt im Tempel feierte Jesus das Letzte Abendmahl. Gottes Gegenwart erschien hier nicht mehr gebunden an einen Ort, sondern an ein Geschehen: In der Aufforderung

„Tut dies zu meinem Gedächtnis“

und der Rede von einem neuen Bund Gottes mit den Menschen, der hier aufscheint, verbindet Jesus seinen kommenden Kreuzestod mit einem Geschehen Gottes.

Diese Feier des Abendmahls ist ein Geschenk. Die Hingabe für die Freunde, das für andere vergossene Blut, eine Liebe bis in den Tod – all das ist der Kommerzialisierbarkeit entzogen.

Eucharistie ist Gabe und Geschenk

Die Welt des Marktplatzes kennt nur die Gesetze von Angebot und Nachfrage, das Feilschen um Preise, die Fixierung auf den Gewinn. Sie kennt nicht das Umsonst. Man kriegt nichts geschenkt. Die Feier des Abendmahls aber bekommt man nur geschenkt. Man kann sich die Liebe, mit der sich Christus hingibt, nicht verdienen oder erkaufen. Gott schenkt sich in Christus gratis.

Aus diesem Grund sollte jeder Kirchenraum, sollten die Sakramente und vor allem die Eucharistiefeier von jeder Geschäftsidee freigehalten werden. Es braucht diese Räume, die nicht den Gesetzen von Konsum und Business unterworfen sind. Heilige Räume sollten eine Vorahnung geben für den Heiligen, für Gott selbst.

Um sie zu betreten, braucht es Ehrfurcht. Sie lassen uns etwas ahnen von Gottes Geheimnis, das dem menschlichen Zugriff und aller Berechnung entzogen bleibt. Im Wort Eucharistie steckt das Wort „charis“, das heißt Gabe und Geschenk. Die Eucharistie ist die Feier der unverdienten Gnade.

Der Sonntag und die Tempelreinigung

In der Wagenspur der jüdischen Tradition wird auch im Christentum ein besonderer Tag aus dem Rhythmus der Woche ausgespart. Während sechs Tage dem gewöhnlichen Betrieb und Geschäft dienen, soll ein Tag ganz anders sein, um auf den ganz anderen hinzuweisen.

Am Sonntag wird in der Kirche die Eucharistie oder das Abendmahl gefeiert, in Erinnerung daran, dass der Lauf dieser Welt durch den Tod und die Auferstehung Christi unterbrochen wurde. Ein Stück Ewigkeit ragt jetzt schon mitten in unsere Zeitlichkeit hinein.

Die Feier des Sonntags bedeutet ein Aussteigen aus der Welt der Sachzwänge, die unser Leben unvermeidlich bestimmen. Die Gesetze der Arbeit und des Funktionierens werden für einen sonntäglichen Atemzug unterbrochen.

Wenn sich der Mensch dem Lauf der Dinge nicht entgegenstemmt, kommt das Humane unter die Räder. Die Kolonialisierung aller Lebensbereiche durch den Kommerz zeigt sich in den Bestrebungen, den Schutz des Sonntags auszuhöhlen.

Der gesetzliche Schutz des Sonntags ist daher der Versuch, den totalen Konsum einzudämmen. Es geht um die Verteidigung eines Biotops, um das Humane zu schützen. Denn genau dies macht das spezifisch Menschliche aus: dass der Mensch mehr ist als ein Rädchen in einer großen Maschinerie; mehr als nur Produzent und Konsument; mehr als ein Nutzer der Freizeitindustrie.

Jeder Mensch ist heilig

Es ist das Unverfügbare, das Heilige, das den Menschen zum Menschen und den Sonntag zum Sonntag macht: die Erinnerung und Feier einer Dimension, die jedem Menschen etwas Absolutes verleiht, das nicht mehr berechenbar ist.

Als „heilige Messe“ bringt die Eucharistiefeier das Heilige zur Geltung, das jedem Menschen zu eigen ist. Der Mensch ist heilig, weil er Abbild des Heiligen ist, Ebenbild Gottes.

Und dieses Bild wurde in Jesus Christus in einmaliger Weise sichtbar, in seinem Leben, in seiner Person, in seiner Hingabe. Diese Liebe wird in letzter Konsequenz beim Abendmahl erfahrbar.

Es geht um Verschwendung und Hingabe

Wenn sich Gott als Liebe zeigt, so wird deutlich, dass diese Liebe den Menschen zum Menschen macht, denn Liebe ist etwas Absolutes und nie zu verdienen. Eine käufliche Liebe ist keine. Die jedem Menschen von Gott geschenkte Liebe aber schenkt ihm eine absolute Würde. So wird die Feier der sonntäglichen Eucharistie zum Schutzgebiet der Menschlichkeit.

Die hier verschenkte Zeit lässt sich nicht in Geld aufrechnen. Sie ist Ausdruck von Liebe und Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens. Diese Feier muss nichts bringen, denn es geht nicht um Produktion. Niemand muss sich hier produzieren.

Vielmehr geht es um Verschwendung und Hingabe. Und dafür genügt es oft, dass ich mich einfach den Riten überlasse. Dass ich mich fallen lassen kann in einen vertrauten Ablauf. Dem dient auch eine liebevolle Gestaltung der Feier und ein Sinn für das Schöne.

Denn gerade das Schöne verweist auf eine Dimension jenseits des Berechenbaren und Zweckdienlichen. Im Schönen kann sich das Heilige spiegeln.

Gebrochenes Brot, gebrechliches Leben

Im Zentrum der Eucharistiefeier steht eine Geste, die in ihrer schlichten Schönheit kaum zu übertreffen ist: Das „Brechen des Brotes“. Es ist auch die älteste Bezeichnung für die Eucharistiefeier, die schon im Neuen Testament genutzt wird.

Das „Brechen des Brotes“ symbolisiert das Teilen, durch das Gemeinschaft entsteht. Es erinnert jedoch auch an die Gebrechlichkeit allen Lebens. Die lateinische Bezeichnung für die Brotbrechung lautet „fractio panis“.

Hier klingt das Wort Fragment und Fraktur an. In der Eucharistie begegnen wir der Gebrochenheit der Welt und unserer selbst. Das Zerbrechen öffnet uns für tiefere Dimensionen unserer Wirklichkeit. Es gibt ein Zerbrechen als Aufbrechen und Anteil geben. Das Fragment wird zum Symbol, und zwar in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes.

Durst nach Ganzheit

Die Griechen der Antike nannten beispielsweise die Teile eines Tontäfelchens, das man in zwei Teile zerbrach, „Symbole“, von symballein: zusammenfallen. Denn diese beiden Teile lassen sich wieder zusammensetzen und fügen sich an den Bruchstellen passgenau aneinander.

Trennten sich etwa zwei Freunde für längere Zeit, so zerbrachen sie ein Tontäfelchen und jeder erhielt einen Teil. Wollte man dem anderen später eine wichtige Botschaft schicken, so konnte das gebrochene Tonstück als Erkennungszeichen dienen. Wenn der Bote sich mithilfe des anderen Teils, das exakt passte, ausweisen konnte, so war man sich sicher: Diese Person ist wirklich vom Freund geschickt worden.

In diesem Sinne kann der Mensch selber als Symbol gedeutet werden: Denn es scheint, dass der Mensch eine ursprüngliche Ganzheit verloren hat und ihm das Gegenstück fehlt.

Der begrenzte und endliche Mensch hungert sogar nach einem fehlenden Symbolteil, das unbegrenzt und unendlich ist: Unser Durst nach Ganzheit schreit nach mehr als alle Ergänzungen dieser Welt uns bieten können.

Nur von Gott kann man einen Überfluss erhoffen, der den Leerraum des menschlichen Herzens zu füllen vermag. In diesem Sinn formulierte der Heilige Augustinus:

„Auf dich hin, Gott, sind wir geschaffen und unruhig ist unser Herz bis es ruht in dir.“

Gott macht den Menschen ganz

Wir sind nicht ganz ohne die Ergänzung durch Gott. Wir erleben uns als gebrochen oder zerrissen wie ein Fragment. Und dieses Bruchstück ruft nach einer Ganzheit, die nur Gott schenken kann.

Hier berühren wir den Glutkern des christlichen Glaubens: Der unendliche Gott kommt uns endlichen Menschen in Jesus Christus entgegen, damit wir wieder heil und ganz werden.

Durch die Begegnung mit Christus als dem „Heiligen Gottes“ (Mk 5,7) findet der Mensch wieder zu seiner ursprünglichen Heiligkeit. „Heilig“ meint nicht optimiert und perfekt oder gar moralisch vollkommen.

Vielmehr sind durch Christus alle Menschen geheiligt und gerade in ihrer Gebrochenheit von Gott ganz angenommen.

Warum Hostien meistens rund sind

In der Feier der Eucharistie wird dies symbolisch zum Ausdruck gebracht. Die Brot-Hostien, die in der Eucharistiefeier verwendet werden, sind gewöhnlich rund. Der Kreis gilt als Inbegriff der Perfektion, als vollkommene geometrische Figur.

Und wenn wir etwas gut abgeschlossen haben, so sagen wir auch: Jetzt ist etwas rund geworden. Wenn man die runde Hostie einmal bricht, so hält man zwei Fragmente in Händen, die sich nahtlos zusammenfügen lassen.

Die Hostie ist jetzt im ursprünglichen Sinn des Wortes zu einem Symbol geworden: Man hat zwei Hälften, die zusammengehören und zusammenpassen. Wenn der Priester im Gottesdienst das Brot in zwei Teile gebrochen hat, nimmt er eines davon in die Hand. Als Priester denke ich in diesem Moment immer daran, dass mein Leben diesem zerteilten Brotstück gleicht.

Kommunion: Eins werden

Das Fragment der Hostie erinnert an meine eigene Zerrissenheit und meine wunden Stellen. Dann halte ich die andere Brothälfte an die Bruchstelle und bete:

„Seht zerbrochen für uns: Jesus Christus, das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt.“

In dieser Geste kommt zum Ausdruck, dass sich Jesu zerbrochener Leib an mein Leben fügt und geradezu mit ihm vereinigt. Allerdings nur dort, wo ich ihm meine Gebrochenheit hinhalte. An den glatten und abgerundeten Stellen gibt es keine Berührungsflächen. Der in sich abgerundete Mensch ist ja der verschlossene.

Der glaubende Mensch dagegen gleicht dem gebrochenen Brot, das nicht mehr rund, sondern Symbol geworden ist und in seinen Bruchstellen berührt und ergänzt werden kann. Hier geschieht Kommunion: Eins werden mit dem Leib und Leben Jesu.

Bruchstellen und Wunden bewahren

Meine zerbrechliche Existenz wird in dieser Begegnung mit dem Gott-Menschen ganz und heil. Ich werde ein Glied am gebrochenen Leib Christi.

Daher müssen wir unsere Bruchstellen nicht kitten oder zukleistern. In der Archäologie gilt der Merksatz:

„Halte die Bruchstellen heilig.“

Wenn Archäologen ein Fragment einer Vase oder einer Statue finden, so könnte man auf die Idee kommen, dieses Fragment abzuschleifen, damit es nicht so hässlich ausgefranst aussieht. Doch vielleicht findet man ja irgendwann einmal das fehlende Stück, das sich dann wie ein Puzzleteil anfügt.

So müssen auch wir unsere Bruchstellen heilighalten, denn Gott selbst zeigt sich als das fehlende Teil. Er erweist sich als der Heilige, der uns heil macht.

Die wunde Stelle wird sogar zum Erkennungsmerkmal: Die Jünger erkannten den auferstandenen Herrn an seinen Wundmalen – und als er das Brot mit ihnen brach (vgl. Lk 24,35).

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.

Musik:

Ola Gjeilo - The Spheres

Ola Gjeilo – Serenity

Ola Gjeilo – Sanctus

Ola Gjeilo – City Lights

Ola Gjeilo – The Crossing


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 11.04.2021 gesendet.


Zur Person: Bruder Andreas Knapp PFE

Andreas Knapp, geb. 1958, ist Priester und Dichter. Er ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium", lebt in Leipzig und engagiert sich u.a. in der Flüchtlingshilfe.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche