Morgenandacht, 10.04.2021

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ, Hildesheim

Nur die Liebe

Kaum eine Figur der Bibel hat so viele Facetten wie Mose: der Totschläger und Rebell, der Mann, der das Volk Israel ins gelobte Land führte. Aber diese Reise dauert.

Vierzig Jahre, so heißt es in der Bibel. Und das Volk murrt – mehr als einmal. Wen wundert das? Und jetzt: Kurz vor dem Ziel, sozusagen schon mit dem Blick auf das gelobte Land, scheint alles aus.

Denn die Kundschafter, die das Land durchzogen haben, sie berichten: Das Land ist nicht so, wie es uns verheißen wurde. Da beginnt das Volk zu jammern. Es sehnt sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Die Situation ist völlig verfahren.

Das geht sogar Gott zu weit. Er kann das Murren der Israeliten nicht mehr hören. Und er kann auch nicht mehr mitansehen, wie schlecht Mose behandelt wird. Gott greift zu drastischen Maßnahmen:

„Der Herr sprach zu Mose: Wie lange noch will mich dies Volk da schmähen, wie lange noch mir keinen Glauben schenken trotz der Zeichen, die ich unter ihnen wirkte? Ich will es mit der Pest schlagen und es ausrotten, dich aber will ich zu einem großen Volk machen, größer und stärker als dieses.“

(Num 14)

Gott ist loyal gegenüber Mose. Das ist die Chance für Mose, doch wie reagiert er? Er sagt zu Gott:

„Die Ägypter haben gehört, dass du durch deine Macht dieses Volk da aus ihrer Mitte herausgeführt hast, und dass du, Herr, inmitten deines Volkes wohnst. Tötest du nun dieses Volk, dann sprechen die Völker: Der Herr war nicht imstande, dieses Volk in das Land zu bringen, das er ihnen versprochen hatte. Zeig darum die Größe deiner Macht, o Herr, vergib doch diesem Volk…“

(Num 14)

Was Mose da macht, ist ungeheuerlich. Er wirft sich für sein Volk in die Bresche und bittet Gott um eine neue Chance. Mose bietet in Treue zu seinem Volk Gott die Stirn. Aber nicht nur das. Mose hält auch Gott die Treue, denn er hält ihn davon ab, das Volk komplett zu vernichten.

Er denkt weiter und macht Gott auf seinen „Imageschaden“ aufmerksam, der für ihn entstehen könnte durch so ein Handeln. Mose bietet Gott die Stirn, weil er sich auch um Gott selbst sorgt. Weil er den Namen Gottes, der geheiligt werden soll, nicht im Dreck sehen möchte.

Er steht gegen alle auf, die den Namen Gottes in Misskredit bringen könnten: gegen die Ägypter, gegen die Israeliten und sogar gegen Gott selbst.

Mose tritt ein für und gegen Gott, für und gegen das Volk. So ist er ganz bei sich. Das ist für mich der Hinweis: Gott will Menschen, die ihm die Stirn bieten, die mit ihm ringen, die ihre Freiheit nutzen. Keine Frömmler, die sich verstecken im Weihrauch, sondern Frauen und Männer, die argumentieren.

Zur Treue der Glaubenden gegenüber Gott und der Gemeinschaft gehört das Festhalten an der Tradition. Aber immer mit dem Blick auf das Heute und Morgen. Treue zu sich und zum anderen erschöpft sich nicht im Verweis auf das Erfahrene, es muss immer auch den Blick nach vorn miteinschließen. Nicht zuletzt die Pandemie hat uns das gezeigt.

Heute gibt es mehr als genug Situationen, in denen wir gefordert sind, uns in die Bresche zu werfen. Manchmal ist es nicht so einfach, zu entscheiden, wofür wir uns einsetzen – und auch wie wir dies tun: Mir hilft Mose, um mich zu entscheiden: Im Zweifelsfall für andere. Und für Gott.

Erschienen im Herder-Verlag: Das neue Buch von Bischof Heiner Wilmer.

Trägt. Die Kunst, Hoffnung und Liebe zu glauben“


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Dieser Beitrag wurde am 10.04.2021 gesendet.





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