Morgenandacht, 07.04.2021

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ, Hildesheim

Grundrecht auf Hoffnung

Die Osternacht, die wir vor ein paar Tagen gefeiert haben, sie ist für mich als Christ die Nacht der Nächte. Denn da feiern die Christen ein Grundrecht, das ihnen als Getaufte nicht genommen werden kann: Das Recht auf Hoffnung.

So hat es Papst Franziskus formuliert – Ostern vor einem Jahr. Christen glauben an die Auferstehung, sie glauben: Gott kann sogar aus dem Grab Leben hervorgehen lassen. Gott hat eine Beziehung zu den Menschen, die über den Tod hinausgeht. Und diese Beziehung ist Grund der Hoffnung. Das Recht auf diese Hoffnung ist für Franziskus eine Gabe des Himmels.

Das heißt: Wir können Ängste haben und Sorgen, können weinen und trauern, das Grundrecht bleibt. Tränen können es nicht wegspülen, Verzweiflung kann es nicht zerstören, Zynismus kann es nicht lächerlich machen.

Wenn Hoffnung mich trägt, kann ich selbst von Zeit zu Zeit Pessimismus ertragen. Denn Hoffnung geht tiefer, hebt höher und trägt weiter. Das glaube ich – und das habe ich in den letzten Monaten auch erfahren.

Für mich ist der christliche Glaube der Grund für meine Hoffnung, der Glaube, dass mein Leben nicht endet, sondern in Gottes Liebe geborgen ist – über meinen irdischen Tod hinaus.

So, in der Hoffnung verwurzelt, kann ich handeln. Dabei weiß ich, ich kann nicht alles schaffen und ich muss es auch nicht. Aber weil ich etwas erhoffe, was noch nicht eingetreten ist, kann ich nicht warten und nur zuschauen.

Natürlich kenne ich Menschen, die meinen christlichen Glauben nicht teilen. Und dennoch sind sie erfüllt von einer tiefen Hoffnung, die sie antreibt. Gemeinsam ist den Hoffenden eines: Wer hofft, schaut nicht so sehr auf das Ende, sondern auf den Sinn. Wer hofft, geht bewusst das Risiko des Lebens ein, schottet sich nicht ab von der Welt, sondern packt an, mischt sich ein.

Hoffnung sagt Ja zum Leben mit all seinen Gefahren, Mühen und Überraschungen. Menschen, die hoffen, schweigen nicht, sie gehen auf die Straße und setzen sich ein gegen Unrecht und Unterdrückung. Sie tragen Kerzen in den Händen, Plakate und Transparente.

Hoffnung, so wie ich sie verstehe, nimmt den Einzelnen in die Pflicht und stellt ihn zugleich in eine große Gemeinschaft hinein. Wer hofft, hofft nicht allein. Wer hofft, schaut über sich hinaus, wird aber so ganz er selbst.

Für mich als Christ ist klar: Durch meine Hoffnung werde ich der Mensch, der ich sein kann und den Gott in mir sieht. Ohne Hoffnung verliere ich mich.

Die Osternacht erinnert mich daran: Menschen haben ein Recht auf Hoffnung. Damit Sie mich richtig verstehen: Das heißt nicht, es ist uns irgendwie garantiert, dass sich jede Hoffnung erfüllt. Nein, aber Hoffnung kann die Kraft sein, die mir hilft, aussichtslose Situationen durchzustehen.

Für mich bedeutet Hoffnung, nicht zu verzweifeln, sondern zu hoffen, dass da ein Gott mit mir ist, der mich im Blick hat. Wer so hoffen kann, irritiert und beunruhigt andere, die ihre Hoffnung längst begraben haben, weil sie sich nicht auf so etwas Unverfügbares einlassen wollen wie Hoffnung.   

Ein tief hoffender Mensch setzt sich ein, wer hofft, ist ein Anpacker!

Erschienen im Herder-Verlag: Das neue Buch von Bischof Heiner Wilmer.

Trägt. Die Kunst, Hoffnung und Liebe zu glauben“


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Dieser Beitrag wurde am 07.04.2021 gesendet.





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