Morgenandacht, 09.04.2021

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ, Hildesheim

Hoffnung ist gefährlich

Ich kann nicht glauben, ja ich kann nicht Christ sein, ohne mich dem Abgrund zu stellen. Manchmal denke ich, dass zu meinem Christsein diese Erkenntnis zwingend dazugehört.

Der Abgrund, an dem ich als gebürtiger Mitteleuropäer stehe, hat viele Namen. Da ist die Pandemie, die Lebenspläne zerstört und Menschen in Trauer und Einsamkeit versinken lässt. In zerrissenen Gesellschaften tun sich Abgründe auf, die ein Zusammenleben nahezu unmöglich machen.

Ein Abgrund öffnet sich auch an der europäischen Grenze. Da sind die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln, in denen viel zu viele Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben.

Kinder, Frauen und Männer zusammengepfercht von einem Europa, das stolz ist auf seine Werte, die aber nicht für alle Menschen gelten. Die Lager vor und auch hinter den Grenzen sollen abschrecken. Damit Menschen, die davon hören, der Mut verlässt, sich überhaupt auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Denn dort ist offenbar kein Platz für sie.

Aber es kann doch nicht sein, dass an den Grenzen ein Abgrund ist, in den wir Europäer im christlichen Abendland Menschen hineinstoßen. Es kann doch nicht sein, dass am Ende des Lebens Menschen wie von einem hohen Felsen fallen oder von anderen brutal von diesem heruntergestoßen werden und sich dann im freien Fall befinden - hinein in den Abgrund. Mit Schallgeschwindigkeit immer weiter hinein ins Nichts stürzen, in den alles verschlingenden Schlund.

Gott? – Hier gilt das Gesetz. Da ist kein Platz für Trost. An diesem Abgrund verlieren Menschen ihren Glauben. Sie verzweifeln an Gott und an seinen Geschöpfen.

Wo ist Gott? Im Boot, das kentert? Bei der hilflosen Mutter und dem enttäuschten Vater, die schon seit Jahren mit ihren überlebenden Kindern im Lager leben? Die geflohen sind, weil sie sich für ihre Kinder ein besseres Leben erhofften?

Wer will vom Leben enttäuschten Eltern solche Gedanken verbieten? Sie lieben ihre Kinder - wie Eltern überall auf der Welt. Es kann doch nicht sein, dass unschuldige Kinder auf der Flucht gequält oder missbraucht werden.

Dass sie einfach so im Mittelmeer verschwinden, tot an Land gespült werden oder eingesperrt in Lagern vegetieren. Es kann doch nicht sein, dass am Ende die Ungerechtigkeit stärker ist als die Gerechtigkeit. Nein!

Alles das kann meinen Glauben daran zerstören, dass das Leben stärker ist als der Tod.

Doch in allem Dunkel der Welt gibt es Licht. Da sind Menschen, die sich dem Tod entgegenstellen. Frauen und Männer, die sich für das Leben einsetzen und Menschen retten. Am Abgrund, an den Grenzen Europas, in zerrissenen Gesellschaften, in der Pandemie.   

Als Christ kann ich nicht glauben, ohne mich diesen Abgründen zu stellen. Der christliche Glaube behauptet nicht, dass die Heiligkeit Gottes die Abgründe aufheben würde. Nein, der Glaube sagt aber: Gott hat diese Abgründe selbst durchlebt, indem er in seinem Sohn Mensch wurde. Er war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,8).

Als getaufter Christ ist es an mir, hinzuschauen, die Abgründe zu sehen und zu handeln, damit sie Menschen nicht verschlingen. Es geht beim Glauben nicht um meinen Seelenfrieden, es geht darum, die Wirklichkeit zu sehen, das Leiden wahrzunehmen, mich von ihm berühren und irritieren zu lassen.

Wenn Gott selbst in diesen Abgrund gestiegen ist, wie kann ich mich abwenden?

Erschienen im Herder-Verlag: Das neue Buch von Bischof Heiner Wilmer.

Trägt. Die Kunst, Hoffnung und Liebe zu glauben“


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Dieser Beitrag wurde am 09.04.2021 gesendet.





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