Morgenandacht, 08.04.2021

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ, Hildesheim

Das Lied der Lieder

Wenn Sie die Bibel ziemlich genau in der Mitte aufschlagen, werden Sie dort uralte Liebeslieder finden. Das „Hohelied“ im Ersten Testament sind Texte, die in der Verkündigung der Kirche so gut wie keine Rolle spielen.

Das ist schade, zumal diese Lieder zum Teil aus der Sicht einer Frau geschrieben sind. Ziemlich verliebt erzählt sie ganz handfest von ihrem Freund, formuliert aber kunstvoll und nicht platt. Das Hohelied ist ein echtes Liebeslied, zugleich aber auch ein echtes geistliches Lied: Es erzählt von der Liebe Gottes zum Menschen.

Wenn etwas wirklich wichtig ist, dann nur die Liebe. Das ist wohl auch der Grund, warum es so viele Liebeslieder gibt, warum Menschen in allen Kulturen nie aufhören, die Liebe zu besingen. Aber wer sich einmal darin versucht hat, weiß: es ist fast unmöglich, das zu beschreiben.

Das Eigentliche lässt sich nicht in Worte fassen. Und so haben Liebeslieder eines gemeinsam: Sie sind ein manchmal kunstvoller, manchmal unbeholfener und nicht selten ein kunstvoll unbeholfener Versuch, etwas in Worte, Melodien und Rhythmen zu fassen, das sich eigentlich nicht fassen lässt.

Und das ist für mich auch der Grund dafür, warum weltliche Liebeslieder so viel zu tun haben mit geistlichen Liebesliedern, wie zum Beispiel im biblischen Hohelied: Alle feiern verletzliche Menschen, oft auch noch voller Widersprüche – Liebende eben. Wer mit Verletzlichkeit und Widersprüchlichkeit umgeht, gibt einer Beziehung eine Chance: Vertrauen, Hoffnung und Liebe wachsen.

Ein berühmtes Lied, das davon erzählt, ist für mich „Die dunkle Nacht“ von Johannes vom Kreuz. In dem fast 500 Jahre alten Text feiert der spanische Mystiker die Erfahrung selbst verletzbar zu sein, aber gelassen damit umgehen zu können. Johannes war von seinen Mitbrüdern im Orden monatelang eingesperrt worden, weil sie nicht einverstanden waren mit seinen Reformvorschlägen zum Ordensleben.

In seinem Lied erzählt er vom Widerspruch, erfüllt zu sein von Sehnsucht und in der Erfahrung der inneren dunklen Nacht das Licht zu finden. Er schreibt:

„In einer Nacht ganz dunkel, erfüllt von Sehnsucht und entflammt von Liebe – o du glückliche Stunde! – ging ich ganz unbesehen, als es schon still in meinem Haus geworden.“

Mich erinnert das an einen jungen Mann, der nachts aus dem Haus schleicht, um seine Geliebte zu treffen, sie in den Armen zu halten. Aber die Verse könnten auch eine heilige Unruhe besingen, die jemanden in der Nacht dazu bewegt, zu Gott zu sprechen. Ganz vor ihm da zu sein.

In der christlichen Tradition gibt es einen Text, der eine ganz besondere Nacht besingt: Das Exsultet. Dieses Lied erklingt in der Osternacht, der Nacht, in der das Christentum die Auferstehung Christi feiert, in der im Gottesdienst erzählt wird von der alles verwandelnden Liebe des Vaters. Da heißt es:

„O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet.“

Wenn das keine Liebe ist…

Es gibt Momente in meinem Leben, in denen mich diese Liebe Gottes ziemlich überwältigt – besonders dann, wenn alles drunter und drüber geht und ich mich fürchterlich über mich selbst ärgere.

Manchmal löst sich dann im Gebet ein Knoten – und ich fühle, dass mich jemand liebend anguckt.

Erschienen im Herder-Verlag: Das neue Buch von Bischof Heiner Wilmer.

Trägt. Die Kunst, Hoffnung und Liebe zu glauben“


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Dieser Beitrag wurde am 08.04.2021 gesendet.





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