Morgenandacht, 06.04.2021

von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ, Hildesheim

Maria Magdalena

Vézelay galt in früheren Zeiten als der berühmteste Pilgerort Frankreichs. Denn dort, im Herzen Burgunds, wurden die Gebeine der heiligen Maria Magdalena verehrt - in der Klosterkirche Saint-Marie-Madeleine.

Maria-Magdalena gehörte zu jenen Frauen, die mit Jesus und seinen Jüngern umherzogen. Als Jesus am Kreuz stirbt, harrt sie mit seiner Mutter dort aus.

Ob es ohne Maria-Magdalena heute eine Kirche gäbe, das darf bezweifelt werden. Denn es waren ihre Worte, ihr Zeugnis, das die Welt veränderte. Und das in einer Zeit, in der das Wort einer Frau nicht viel galt.

Aber Maria Magdalena ist die Erste, die Jesus nach seinem Tod und seiner Auferweckung am Ostermorgen begegnet. Sie steht unter Tränen an seinem Grab und sucht seinen Leichnam. Etwas, das sie festhalten kann, dem sie ihre Zuwendung schenken darf, indem sie ihn balsamiert.

Während sie weinend am Grab steht, geht ein Mann an ihr vorbei – es ist Jesus, aber sie erkennt ihn nicht. Dann spricht Jesus sie an. Mit ihrem Namen:

„Maria.“

Und da gehen ihr sofort die Augen auf, sie erkennt, dass es Jesus ist, und will ihn umarmen.

Ich kann mir diese Szene, von der die Bibel berichtet, gut vorstellen. Wenn ein Mensch, den man liebt, stirbt und auf einmal wieder lebend vor einem steht – dann will man ihn doch festhalten und nie mehr loslassen. Ich muss den doch anfassen, weil ich meinen eigenen Augen nicht traue.

Jesus sagt zu ihr:

„Halt mich nicht fest!“

Und dann schickt er sie fort, den anderen die Botschaft zu verkünden, dass er lebt. Eine Frau ist die erste Zeugin. Auf ihr Wort hin machen sich auch die Jünger auf und gehen zum Grab, um sich zu überzeugen, dass es leer ist. Was wäre geworden, hätte Maria Magdalena geschwiegen? Sie, die doch Jesus so gern festgehalten hätte.  

Maria-Magdalena wird nicht geahnt haben, dass es einmal einen Ort geben könnte, zu dem Menschen pilgern, um sich sozusagen an ihr festzuhalten, im Glauben daran, dass ihre Gebeine in Vézelay ruhen.

Doch da ist auch dieses Wort Jesu:

„Halt mich nicht fest!“

Es macht mir sehr zu schaffen, denn wie gern würde ich mich festhalten – gerade in unserer Zeit der Kontaktbeschränkungen. Festhalten an Gott, wenigstens an seinem Wort. Und so gehe ich – in Gedanken – in Vézelay immer wieder in die romanische Basilika, die den Namen der ersten Apostelin Maria-Magdalena trägt.

Mich faszinieren die extremen Lichtverhältnisse zu den verschiedenen Tageszeiten. Wer die Basilika am Vormittag durch das Hauptportal betritt, steht in völliger Dunkelheit. Blickt er den langen Gang nach vorn, dann zieht ihn das Licht des Chorraums magisch an. Der Chorraum strahlt, als ob da ein himmlisches Licht einfällt.

Doch Jesus war, als er Maria-Magdalena am Ostermorgen begegnet, womöglich keine wärmende Sonne, keine Lichtgestalt. Er hatte einen Körper, der bei der Kreuzigung geschunden wurde. Er sagt zu Maria-Magdalena:

„Halt mich nicht fest. Geh aber zu meinen Brüdern…“

Daraufhin verlässt Maria-Magdalena das Grab und kehrt um – hin zu den Brüdern. Die lassen sich ein auf ihre unglaublichen Worte und machen sich dann auf, um dem Auferstandenen in Galiläa zu begegnen.

Eine Frau hat die Apostel aus ihrer Trauer geholt. Es sind Begegnungen wie diese, die Menschen brauchen. Aber niemand kann sie herbeizaubern. Ich kann sie mir nur schenken lassen und mich ihrer Botschaft nicht verweigern.

Erschienen im Herder-Verlag: Das neue Buch von Bischof Heiner Wilmer.

Trägt. Die Kunst, Hoffnung und Liebe zu glauben“


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Dieser Beitrag wurde am 06.04.2021 gesendet.





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