Wort zum Tage, 03.04.2021

von Maria-Anna Immerz, Augsburg

Gefasst

„Schauen Sie auf die Hände! Das ist kein normaler Händedruck. Schauen Sie genau:  Die eine Hand ist vollkommen kraftlos, schlaff. Man muss sie am Handgelenk fassen, wenn man halten will oder retten.“

Eindringlich hat er uns den Blick geschärft, unser Professor für Liturgiewissenschaft. Damals, als Vorlesungen noch ohne Beamer liefen, hatte er extra Kopien gemacht für alle im Hörsaal.

Wer das Geheimnis von Ostern ergründen wolle der könne in diesem uralten Osterbild lesen lernen. Es ist die Osterikone der Kirchen des Ostens.

Dieses Bild zeigt ein Drama. Christus im hellen Gewand steigt hinab in die Unterwelt – und löst dort ein Beben aus. Tore werden aus den Angeln gerissen, Schlösser bersten.

Nichts mehr soll es geben, wohin nicht Belebung käme – nichts in den Tiefen der Welt, keine dunkle Ecke der Seele, keine unter den Teppich gekehrte Niedertracht und keine Leichen im Keller.

Alles kommt mit dem rettenden Funken von Ostern in Berührung. Und da haben die beiden Hände ihre Schlüsselrolle: Kein Mensch, so kraftlos oder nutzlos oder tot er sich fühlt, soll außen vor bleiben.

Der Christus in der Unterwelt greift den Urmenschen, Adam, am Handgelenk. Heraus aus der Welt der Leblosigkeit und des Verfalls, hinauf ans Licht soll er und mit ihm die Menschheit in langer Kette, Hand in Hand.

Dynamisch ist dieses österliche Urbild. Und voller Trost. Rettung gibt’s geschenkt. Von Gott. Selbst für den Menschen, der nicht die Kraft oder den Willen hat, noch nach ihm zu tasten. Keiner muss sich zu Gott hochrobben.

Sein Lebenswillen für alle Welt will einfach mitreißen. Gott hält es gar nicht anders aus als die Menschen zu packen und hinein zu ziehen in die Sphäre des Lebens. Zusammen mit allen anderen soll jeder das Ufer des Lebens erreichen: Das ist Ostern.

Die Tradition ordnet das Bild von Christus in der Unterwelt dem heutigen Karsamstag zu. Karsamstag, für viele ist das der Tag für Einkauf, Hausputz, Eierfärben. Harmlos-heiterer Alltag vor dem Fest. Ja, so darf man leben, wenn man sich an der Hand des erlösenden Christus im Leben weiß.

Und wer heute, vielleicht wie an vielen anderen Tagen, die bleierne Schwere äußerer oder innerer Nöte ertragen muss, darf sich an der zentralen Geste der Osterikone aufrichten: Der Erlöser findet auch mich. Er fasst längst nach mir, fühlt meinen Puls. Ich darf gefasst leben.


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Dieser Beitrag wurde am 03.04.2021 gesendet.


Über die Autorin Maria-Anna Immerz

Maria-Anna Immerz, geboren 1959, studierte Philosophie und Theologie in München und in Freiburg im Breisgau. Seit 1985 ist sie Pastoralreferentin im Bistum Augsburg und somit aktiv in verschiedenen Tätigkeitsbereichen auf gemeindlicher und diözesaner Ebene. Frau Immerz ist diözesane Beauftragte und geistliche Beraterin für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Augsburg sowie für den Fachbereich Schwangerenberatung. Seit 2011 ist Frau Immerz Diözesanbeauftragte für den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk und seit 01.09.2013 Theologische Referentin im Generalvikariat. Frau Immerz lebt in Augsburg.

Kontakt
maria-anna.immerz@bistum-augsburg.de

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