Wort zum Tage, 01.04.2021

von Maria-Anna Immerz, Augsburg

Gründonnerstag

„Unser Klaus hat seinen Weg in der Firma gemacht“,

erzählt die Mutter stolz ihrer Bekannten.

„300 Mitarbeiter hat er jetzt unter sich. Und soll nochmals aufsteigen.“

Leute „unter sich haben“. Die Formulierung wirkt überholt. Heute sagt man: Er oder sie ist verantwortlich für ein großes Team. Doch spätestens wenn eine Stelle ausgeschrieben wird, liest man von guten Aufstiegsmöglichkeiten.

Und angesehen ist, wer nur noch der Chefetage berichtspflichtig ist; und bereit, sich höher zu qualifizieren. Oben und unten, das Ordnungsprinzip regelt unsere Arbeitswelt. Und nicht nur sie.

In Corona-Zeiten geschah das kleine Erdbeben. Applaus für Pflegekräfte und Reinigungspersonal, Dank an Kassiererinnen und Hilfskräfte, die in Läden die Regale füllten, Überstunden stemmten und sich dabei kaum vor dem Kontakt mit Vielen schützen konnten.

Ob die neue Wertschätzung für Menschen trägt, die scheinbar einfache Dienste tun und damit unser Leben menschlich halten, ist offen. Ein neuer Tarifvertrag mit auskömmlichen Löhnen für alle Pflegekräfte scheiterte jüngst.

Heute ist Gründonnerstag – den müsste man zum Festtag für alle Menschen im Dienst an anderen ausrufen. Denn heute erinnern Christen an Jesus, wie er ein letztes Mal im Kreis seiner Mitarbeiter ist.

Danach geht’s rapide abwärts: Verurteilung, Hinrichtung. Heute das letzte Abendmahl, sein Abschiedsfest, Übergabe. Der engste Kreis der Freunde ist bei ihm, zwölf Männer.

Jesus übergibt ihnen zum Abschied keine To-do-Listen, keine Strukturpläne. Er gibt, wie er sagt, ein Beispiel – greift zu Schürze, Waschschüssel und Handtuch. Er wäscht allen die Füße. Sklavendienst!

Das Bild soll sich einprägen: Jesus wollte keine Leute unter sich. Er kniete sich vor sie hin und ließ sie groß sein. Jeder soll wissen: Was dein Leben auch bringt und wie banal du dir vielleicht vorkommst.

Wenn du dich trotz hoher Position „down“ fühlst. Oder deine Lebenshoffnung am Boden ist: Du hast immer noch einen unter dir: Gottes Sohn selbst.

Der achtet deine Würde. Der tut alles, dass du immer wieder auf die Füße kommst. Der gibt dir so viel Ansehen, dass du es nie nötig hast, auf Kosten anderer zu leben. Der lässt dich fühlen, dass der Himmel nicht irgendwo oben ist, sondern bis zum Boden reicht, auf dem du stehst.


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Dieser Beitrag wurde am 01.04.2021 gesendet.


Über die Autorin Maria-Anna Immerz

Maria-Anna Immerz, geboren 1959, studierte Philosophie und Theologie in München und in Freiburg im Breisgau. Seit 1985 ist sie Pastoralreferentin im Bistum Augsburg und somit aktiv in verschiedenen Tätigkeitsbereichen auf gemeindlicher und diözesaner Ebene. Frau Immerz ist diözesane Beauftragte und geistliche Beraterin für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Augsburg sowie für den Fachbereich Schwangerenberatung. Seit 2011 ist Frau Immerz Diözesanbeauftragte für den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk und seit 01.09.2013 Theologische Referentin im Generalvikariat. Frau Immerz lebt in Augsburg.

Kontakt
maria-anna.immerz@bistum-augsburg.de

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