Wort zum Tage, 31.03.2021

von Maria-Anna Immerz, Augsburg

Täter und Opfer

Sie haben uns total erschreckt: Fünf Herren in prachtvollen Gewändern. Ihre Haltung und der Gesichtsausdruck zeigen wie die Kleider: Sie gehören zu den Mächtigen. Sie flößen Respekt ein.

Im Halbkreis stehen sie – ernst, sich ihrer Rolle und Verantwortung sichtlich bewusst. In der Mitte vor ihnen steht noch einer; fast nackt, ein Stück hochroten Stoffs über den Schultern, die Hände gefesselt.

Bei einem Urlaubsbummel im französischen Albi suchten wir eigentlich nur ein wenig kühlenden Schatten in der alten Kirche. Doch unvermittelt stehen wir hinten in der Kirche bei dieser Gruppe fast lebensgroßer Schnitzfiguren.

Sie schlägt uns in Bann. Ungefragt sind wir irgendwie Teil dieser Szene. Sie zeigt Jesus vor dem Hohen Rat, kurz vor dem Urteil, das den Kreuzestod bringen wird.   

Ob ich will oder nicht: Mich trifft dabei der Blick Jesu. Fragend schaut er, als wollte er sagen: Kommt dir das nicht bekannt vor? Dass da einer dasteht, dem sie keine Chance lassen; den sie mit Blicken, Vorwürfen oder aus Machtgehabe bloßstellen.

Hast Du dann Partei ergriffen? Oder hast Du es selber erleben müssen – in der Familie, am Arbeitsplatz? Dass Dir die Hände gebunden sind und Du gebraucht wirst, ausgeliefert bist. „Metoo“ und „Black lives matter“ sind die bittere Erinnerung: Ja, das ist Realität. Bis heute. In aller Welt.

Aber auch die Ratsherren in dieser Szene rühren mich an mit ihren eingefrorenen, irgendwie ratlosen Blicken und dem Gesetz in der Hand. Ist das so leicht? Hat Jesus nicht manches durcheinander gebracht, was immer gegolten und Vielen heilig war?

Wer schafft es schon, im Kreis der Kollegen, in Amt und Würden und Pflichten, für den Ausgelieferten zu sprechen; selbst dann, wenn er einen anrührt mit seiner Haltung?

Ich bin hineingezogen – Opfer und Täter rühren mich an. Beide Rollen kenne ich. In beiden fühlte ich mich schlecht. Beide brauchen Erlösung. Die gibt’s nicht durch Aufrechnen und Abrechnen.

Die gibt’s auch nicht durch Umdrehung der Machtstrukturen. Erlösung gibt’s nur durch Änderung von innen her. Erlösung gibt’s nur vom Herzen her, durch Geduld, durch Liebe, die sich nicht erschöpft. Menschlich bringen wir das kaum hin. Göttlich hat es einer versucht und durchgehalten, bis ans Kreuz. Jesus, der

„Gott rettet“,

wie sein Name heißt. Auch in unseren Tagen sagen Viele: Gott sei Dank!  


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Dieser Beitrag wurde am 31.03.2021 gesendet.


Über die Autorin Maria-Anna Immerz

Maria-Anna Immerz, geboren 1959, studierte Philosophie und Theologie in München und in Freiburg im Breisgau. Seit 1985 ist sie Pastoralreferentin im Bistum Augsburg und somit aktiv in verschiedenen Tätigkeitsbereichen auf gemeindlicher und diözesaner Ebene. Frau Immerz ist diözesane Beauftragte und geistliche Beraterin für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Augsburg sowie für den Fachbereich Schwangerenberatung. Seit 2011 ist Frau Immerz Diözesanbeauftragte für den öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk und seit 01.09.2013 Theologische Referentin im Generalvikariat. Frau Immerz lebt in Augsburg.

Kontakt
maria-anna.immerz@bistum-augsburg.de

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