Am Sonntagmorgen, 28.03.2021

von Gunnar Lammert-Türk, Berlin

Der Schmerz der Mutter. Die Karwoche aus der Sicht Mariens in Literatur und Musik

Mit dem Palmsonntag beginnt auch die Karwoche. Es ist eine Zeit des Schmerzes. Vor allem für die Gottesmutter Maria.

© Peter Ghetu / Peels

Musik aus Charles Gounods Oper „Margarethe“. Margarethe, von Faust verführt und gleich darauf verlassen, ist verzweifelt.

In Goethes Theaterstück, das Gounod neu interpretierte, gibt es eine berühmte Szene, in der Gretchen, wie sie hier genannt wird, ihrer Verzweiflung Ausdruck verleiht. Vor einem Andachtsbild fleht sie zur Gottesmutter Maria:

„Ach neige,
Du Schmerzensreiche,

Dein Antlitz gnädig meiner Not!

Das Schwert im Herzen,
Mit tausend Schmerzen
Blickst auf zu deines Sohnes Tod.“

(aus: J.W. Goethe: Faust, Teil 1)

Das Leid Marias im Blick

An Maria als die Mater Dolorosa, die schmerzensreiche Mutter, wendet sich Gretchen. Weil Maria selbst so viel Schmerz erlitten hat durch den Tod ihres Sohnes, wird sie Gretchen in ihrem Schmerz und ihrer Verlassenheit beistehen. Sie wird ihr Leid verstehen.

Und so sagt Gretchen:

Wer fühlet,
Wie wühlet

Der Schmerz mir im Gebein?
Was mein armes Herz hier banget,
Was es zittert, was verlanget,
Weißt nur du, nur du allein!“

(aus: J.W. Goethe: Faust, Teil 1)

Der Schmerz Marias, der sie zur Hoffnung aller von Not und Seelenkummer Geplagten macht, gerät vor allem in diesen Tagen wieder in den Blick.

Das Schwert: Symbol des Schmerzes

Heute ist Palmsonntag, der Beginn der Heiligen Woche, der Karwoche, in der Christen des Leides und Todes Jesu gedenken, Mariens Sohn.

Doch es ist nicht nur der Schmerz um das Leid, das ihrem Sohn durch seine Passion und seinen Tod widerfährt. Die in der christlichen Tradition so genannten Schmerzen Mariens schließen auch die lebenslange Sorge um ihn ein. Symbol dieses Schmerzes ist ein Schwert, das in Marias Brust dringt.

Bezug genommen wird hier auf eine Szene schon am Beginn des Lebens Jesu, die im Lukasevangelium beschrieben wird: Maria und Josef sind in den Tempel gekommen, um für ihren Erstgeborenen das gebotene Opfer darzubringen.

Beim Anblick des Jesuskindes bricht der Greis Simeon in Jubel aus und preist ihn als den erwarteten Messias. Sehr zum Erstaunen der Eltern, an die sich Simeon darauf wendet. Zu Maria sagt er:

„Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“

(aus: Nunc dimittis, Lukasevangelium, 2. Kapitel)

Die Trauer und Unsicherheit Marias

Sieben Schmerzen, heißt es, erleidet Maria. So wird sie auch manchmal mit sieben Schwertern in ihrer Brust dargestellt. Der erste Schmerz ist die Weissagung des alten Sehers, sein Hinweis darauf, dass Jesus Spannung in die Welt tragen wird, die sich auch gegen ihn wenden wird.

Kurz nach der Begegnung mit Simeon muss Maria den zweiten Schmerz erleiden: die Flucht aus ihrer Heimat, um dem Mordanschlag des Königs Herodes auf ihren Sohn zu entkommen. Die Lyrikerin Ruth Schaumann beschreibt eine Szene, die sich auf der Flucht zugetragen haben könnte:

 „Mit ihren Lippen pflückte sie
des Kindes Lächeln von den seinen
und hielt es vor den Gartensteinen
auf ihrem wandermüden Knie.

Sie hob den Sohn zur Brust heran
und hielt ihn doch wie fremdes Eigen
und in des Gartens Abendzweigen
der Trauer Nachtigall begann.“

(aus: Ruth Schaumann: Maria am Abend)

Auf ihrem „wandermüden Knie“ hält Maria ihr Kind, sagt Ruth Schaumann. Erschöpft vom Umherziehen freut sie sich an seinem Lächeln. Und doch bleibt es ihr fremd. Die Trauer und die Unsicherheit darüber wird Maria manches Mal empfunden haben.

Jesus Worte im Herzen

Deutlich erzählt das Lukasevangelium davon. Auf dem Heimweg vom Pessachfest in Jerusalem vermissen Maria und Josef den zwölfjährigen Jesus.

Sie finden ihn nach drei Tagen im Tempel im intensiven Gespräch mit den religiösen Lehrern. Als sie ihm in ihrer Sorge Vorhaltungen machen, entgegnet er:

Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazareth zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen.“

(aus: Der 12-jährige Jesus im Tempel, Lukasevangelium, 2. Kapitel)        

Diese Zurückweisung der elterlichen Sorge ist der dritte Schmerz, den Maria ertragen muss. Immer wieder muss sie dulden, dass Jesus für sich einen höheren Bezug beansprucht, den sie nicht versteht.

„Was willst du von mir, Frau?“

So bei der Hochzeit zu Kana, als sie ihren Sohn darauf hinweist, dass der Wein ausgeht und Jesus ihr wie einer Fremden hart entgegnet:

„Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“

Rainer Maria Rilke hat sich in seinem Gedicht „Von der Hochzeit zu Kana“ in Maria hineinversetzt, als Jesus das Weinwunder vollzieht.

„Und dann tat er’s. Sie verstand es später,
wie sie ihn in seinen Weg gedrängt:
denn jetzt war er wirklich Wundertäter,
und das ganze Opfer war verhängt,
unaufhaltsam. Ja, es stand geschrieben.

Aber war es damals schon bereit?
Sie: sie hatte es herbeigetrieben
in der Blindheit ihrer Eitelkeit.

An dem Tisch voll Früchten und Gemüsen
freute sie sich mit und sah nicht ein,
dass das Wasser ihrer Tränendrüsen
Blut geworden war mit diesem Wein.“

(Rainer Maria Rilke: Von der Hochzeit zu Kana)

Rilke liest das Weinwunder zu Kana als symbolische Vorwegnahme der Passion Jesu. Sein Leidensweg, vor allem seine Kreuzigung, ist der fünfte und wohl der größte Schmerz, den seine Mutter um ihren Sohn leidet.

„Stabat Mater Dolorosa“

Darauf bezieht sich das im 13. Jahrhundert entstandene Gedicht „Stabat Mater Dolorosa“. Es schildert Maria, die unter dem Kreuz steht und ihren Sohn sterben sieht.

In der deutschen Fassung von Christoph Martin Wieland klingt das so:

„Schaut die Mutter voller Schmerzen, wie sie mit zerrissnem Herzen unterm Kreuz des Sohnes steht! Ach, wie bangt ihr Herz, wie bricht es, da das Schwert des Weltgerichtes tief durch ihre Seele geht!“

Oft sind diese Schmerzen dichterisch beschrieben worden, beginnend mit den „Marienklagen“ des 13. Jahrhunderts. Mit großer poetischer Kraft hat sie der Priester und Barockdichter Friedrich Spee ausgemalt. Er stellt Jesu Leiden im Bild wilder Tiere dar, die ihn zerfleischten. Und so klagt Maria:

„Rissen seine Füß und Hände,
weißer als das Elfenbein.
Rissen auch die Seit behende,
schlugen Zähn und Tappen ein.
Zogen ihn durch Dorn und Hecken
scharf und spitz und abgelaubt,
da die Zacken blieben stecken
und verwundten Stirn und Haupt.“

(aus: Friedrich Spee: Klage- und Trauergesang der Mutter Jesu)

Gibt es Hoffnung?

Dem Schmerz beim Anblick ihres sterbenden Sohnes geht Marias vierter Schmerz voraus, als sie ihm auf seinem Gang nach Golgatha mit dem Kreuz begegnet. Später wird sie bei der Grablegung ihres Sohnes vom siebenten Schmerz ergriffen.

Zuvor aber - das ist ihr sechster Schmerz - weint sie über den toten Sohn, den sie in ihrem Schoß hält. In seinem Gedicht Pietà schreibt Rilke:

„Jetzt wird mein Elend voll, und namenlos
erfu?llt es mich. Ich starre wie des Steins
Inneres starrt.
Hart wie ich bin, weiß ich nur Eins:
Du wurdest groß -
… und wurdest groß,
um als zu großer Schmerz
ganz u?ber meines Herzens Fassung
hinauszustehn.
Jetzt liegst du quer durch meinen Schoß,
jetzt kann ich dich nicht mehr
geba?ren.“

(aus: Rainer Maria Rilke: Pietá)

Rilke zeichnet ein düsteres Bild. Durch die Klage Marias dringt kein Schimmer Hoffnung. Oder doch?

Ganz subtil vielleicht. Am Ende erinnert sich Maria wehmütig an die Geburt ihres Sohnes. Deren raue Umstände stellt Bertolt Brecht in seinem Gedicht „Maria“ vor Augen. Jesu Mutter, sagt er, habe die Härte der Situation und die Kargheit des Stalls später vergessen. Dass sie das vermochte, schließt Brecht, …

„… Kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war
Gesang liebte
Arme zu sich lud
Und die Gewohnheit hatte, unter Ko?nigen zu leben
Und einen Stern u?ber sich zu sehen zur Nachtzeit.“

(aus: Bertolt Brecht: Maria)

„Lass mich herzlich mit dir weinen“

Von ihrem Sohn erfuhr Maria beides: Schmerz und Freude, Verstörung und Erstaunen sie erlebte stolz und beglückt die verändernde Kraft seines Auftretens. Aber sie musste auch das Leid und die Verunsicherung erdulden und durchleben.

Und das begann mit der Geburt ihres Sohnes, vielleicht auch schon mit der Ankündigung derselben durch den Engel.

Gretchen in Goethes Faust vertraut ihre eigene Not deshalb Maria an. Aber ebenso gibt es in der christlichen Tradition Zeugnisse, die von dem religiösen Verlangen sprechen, sich Maria zur Seite zu stellen und ihre Leiden und die Leiden ihres Sohnes mit zu tragen.

Eine Art Bußhaltung, von der auch die Fastenzeit und vor allem die Karwoche sprechen. Von einer solchen Haltung ist im „Stabat Mater“ aus dem 13. Jahrhundert die Rede. Christoph Martin Wieland hat dafür in seiner Übersetzung diese Worte gefunden:

„Drück, o Heilge, alle Wunden,
die dein Sohn für mich empfunden,
tief in meine Seele ein!
Lass in Reue mich zerfließen,
mit ihm leiden, mit Ihm büßen,
mit Ihm teilen jede Pein!

Lass mich herzlich mit dir weinen,
mich durchs Kreuz mit Ihm vereinen,
sterben all mein Leben lang!
Unterm Kreuz mit dir zu stehen,
unverwandt hinauf zu sehen,
sehn‘ ich mich aus Liebesdrang.“

(aus: Wielands Übersetzung von „Stabat Mater“)

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Charles Gounod: Margarethe (4. Akt, Szene 1): Il ne revient pas

Paul Smith: Nunc dimittis

Henryk Miko?aj Górecki: Sinfonie der Klagelieder, lento e largo

Pergolesi: Stabat Mater

Arvo Pärt: Stabat Mater


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 28.03.2021 gesendet.


Über den Autor Gunnar Lammert-Türk

Gunnar Lammert-Türk (Jahrgang 1959) ist freischaffender Journalist und Autor. Er wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig. Von 2004 bis 2007 führte er mit einem Musiker und einem Zauberer Musiktheatershows für Kinder auf. Er verfasst Rundfunkbeiträge, schreibt Texte für Audioführer und Kinderlieder. Veröffentlichungen im Boje Verlag, Schneider Verlag, Xenos Verlag und im Deutschen Theater Verlag. Kontaktg.lammert.tuerk@gmail.com

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche