Morgenandacht, 26.03.2021

von Martin Korden, Bonn

Passion

Wir befinden uns an der Schwelle zur Heiligen Woche. So nennen Christen die Tage zwischen dem morgigen Palmsonntag und Ostern. Diese Tage werden auch Karwoche oder Passionszeit genannt – denn an die Passion von Jesus Christus wird erinnert.

Die biblischen Berichte vom Leiden und Sterben des Gottessohnes werden erzählt, besungen, Kreuzwege werden nachgegangen – und dann an Ostern das Fest der Auferstehung vom Tod wie eine Erlösung gefeiert.

In jedem Jahr aufs Neue, je nach Kulturkreis unterschiedlich emotional, und jetzt schon im zweiten Corona-Osterjahr stark eingeschränkt – doch einfach mal ausfallen kann die Heilige Woche nicht. Warum eigentlich nicht?

Weil es in der Passion Christi um Leben und Tod geht.

Gläubige Christen, schon die ersten und seit dem zu allen Zeiten, haben gespürt, dass in der Passionsgeschichte ein Geheimnis liegt, das uns alle angeht – dass darin ein tiefer Sinn, ja womöglich der Verständnisschlüssel für unser Leben enthalten sein könnte.

Denn kein anderes Ereignis ist in der Menschheitsgeschichte häufiger Thema geworden in der bildenden Kunst, der Musik und der Literatur – als die Passion Christi. Und wie viele Menschen gibt es, die mit der Gestaltung der christlichen Gottesdienste in der Osterzeit nichts anfangen können – die sich aber berühren und sogar erschüttern lassen von der Wucht der Passionen von Bach, des Stabat Mater von Dvorak oder des Messias von Händel und auch so in das Geschehen mit hineingezogen werden.

Das letzte Abendmahl. Der Verrat durch den Freund. Die bittere Verleugnung, noch ehe der Hahn kräht. Die Krönung mit der Dornenkrone. Spott und Hohn.

„Ecce Homo – Seht der Mensch“,

sagt Pilatus, und wäscht seine Hände in Unschuld. Jesus nimmt das Kreuz auf sich.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“

– bis hin zum:

„Es ist vollbracht“

und dem Schmerz der Mutter, die zurückbleibt.

Die Passion steckt voller Geschehnisse und dramatischer Wendungen. Sie beinhaltet Erfahrungen, denen Menschen seit 2000 Jahren in Kunst und Musik beeindruckend Ausdruck verleihen konnten – weil sie ihnen nicht fremd sind. Weil es die Geschichten sind, die das Leben spielt.

Die aber hier in einem besonderen Licht stehen, denn die Geschichte geht nach dem Tod am Kreuz ja weiter: Das Grab ist leer drei Tage später. Menschen berichten von Begegnungen mit dem Tot-Geglaubten, von der Auferstehung Jesu.

Davon finden sich viel weniger Darstellungen in Kunst und Musik als von der Passion – wie auch? Wie stellt man das nicht Darstellbare dar? Selbst die biblischen Berichte darüber stehen in einem geheimnisvollen Nebel.

Menschen begegnen dem auferstandenen Jesus, erkennen ihn und erkennen ihn doch nicht, und fragen sich: Was hat das alles zu bedeuten?

Erst im Licht der Auferstehung suchten die Menschen nach dem verborgenen Geheimnis in der Passion des Jesus von Nazareth.

Kann ein von Gott Gesandter so sterben?,

fragten sich die ersten Christen und verzichteten anfangs noch auf Darstellungen des als Schmach empfundenen Kreuzes.

Doch was, wenn das Zeichen für den jähen Tod ein Hoffnungszeichen ist? Das geht nur, wenn das Geheimnis in der Umkehrung der Verhältnisse liegt. Und war nicht gerade das die Verkündigung des Gottessohnes?

Dann liegt in der Hingabe der Empfang, in der Niederlage der wahre Sieg, im Verlust das Wachstum, in der Dunkelheit das Licht – dann liegt im Sterben das Leben.

Wer hätte gedacht, dass der Weg nach oben der Weg nach unten sein würde?, fragt der Apostel Paulus einige Zeit nach Ostern und erkennt: Das ist das verborgene Geheimnis hinter allem.

Ein Geheimnis, das sich nie ganz erfassen lässt, doch das im Leben so vieler Menschen immer wieder erahnt wurde und immer noch wird.

Jedes Jahr aufs Neue in der heiligen Woche.


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Dieser Beitrag wurde am 27.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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