Morgenandacht, 25.03.2021

von Martin Korden, Bonn

Verkündigung des Herrn

„Ich war noch niemals in New York“

– ich mag dieses Lied von Udo Jürgens, weil es so voller Sehnsucht steckt. Ein Mann erlebt einen Geistesblitz beim Zigaretten-Holen: Jetzt einfach los, sagt die innere Stimme, alles hinter dir lassen und deiner großen Sehnsucht folgen.

Im Lied ist das nicht nur das Fernweh sondern damit verbunden der Drang, völlig neu anzufangen, und die Verheißung hinter der Sehnsucht zu finden.

Das Ende ist bekannt: Der Mann bleibt zuhause, er geht das Wagnis seines Lebens nicht ein, vermutlich weil am Ende wieder der Zweifel siegte, ob das Ganze nicht doch nur ein Hirngespinst ist.

Hatten Sie das auch schon einmal? Eine Vision, die scheinbar aus dem Nichts auftaucht aber so eine große Anziehungskraft besitzt, dass Sie denken: Dafür würde es sich lohnen, alles stehen und liegen zu lassen?

Wenn ich in Rom bin, gehört für mich ein Besuch der Laterankirche zum Pflichtprogramm. Denn dort beeindrucken mich immer wieder die Darstellungen der Zwölf Apostel.

In den Gesichtern der überlebensgroßen Marmor-Figuren ist genau das widergespiegelt, um was es hier geht: Sie scheinen etwas entdeckt zu haben, das sie packte und unruhig werden ließ.

Ihre Gesichter blicken nicht den Betrachter an, sondern buchstäblich in die Weite, sie alle haben einen klaren und entschlossenen Blick, den Mund meist leicht geöffnet, als würden Sie gerade noch einmal tief Luft holen, um im nächsten Augenblick aufzubrechen oder von ihrer Sehnsucht zu erzählen.

Von den Aposteln, den zwölf Männern, die Jesus in seinen engeren Kreis berief, wird berichtet, dass sie alles stehen und liegen ließen, ihr bisheriges Leben von jetzt auf gleich aufgaben, als sie diesem Jesus begegneten und seinen Ruf zur Nachfolge hörten.

Bei den Aposteln war es also eine konkrete Person, die ihnen den neuen Horizont eröffnete. In ihm hatten sie erkannt, dass das Leben unter den Vorzeichen eines gütigen Gottes stehen muss. Eines Gottes, der liebend auf das Leben der Menschen blickt, der ihnen eine Zukunft über das irdische Leben hinaus eröffnen würde, und der sich in eben jenem Jesus den Menschen ganz konkret zu erkennen gab.

„Wir haben gefunden,“

lautete darum die erste und schlichte Antwort der Apostel, auf den Grund ihrer Sehnsucht, für den sie das Wagnis ihres Lebens eingingen: nämlich aufzubrechen und aller Welt diese frohe Botschaft weiterzugeben.

Wir wissen heute, dass aus diesem Aufbruch eine Glaubensgemeinschaft wurde, auf die sich heute zweieinhalb Milliarden Menschen weltweit berufen.

Für Viele mag diese Gründergeschichte des Christentums heute wie eine Erzählung aus einer fernen Zeit klingen, die keine Bedeutung mehr hat.

Die Frage nach Gott und ob er – falls es ihn denn gibt – wirklich die Beziehung zu den Menschen sucht, ist für immer weniger Menschen von Belang. Wofür soll das gut sein?

Die Gottesfrage scheint nur noch denen zu vermitteln, die nicht in den unzähligen Möglichkeiten der individuellen Zerstreuung von heute aufgehen und die stattdessen für eine ganz bestimmte Form der Sehnsucht offen geblieben sind: Für die Begegnung mit dem Göttlichen, für die Frage nach seinem Plan für mein Leben.

Was passieren kann, wenn Menschen dafür offen sind, erzählt die Kirche am heutigen 25. März:

„Verkündigung des Herrn“

– so steht es heute 9 Monate vor Weihnachten im Kalender. Das Fest erinnert daran, dass die junge Frau Maria von Nazareth ein Wagnis einging. Sie glaubte einem vernommenen Ruf Gottes, sie solle die Mutter seines Sohnes werden und damit zu einer entscheidenden Protagonistin im Plan Gottes mit der Welt.

Maria gilt in der Kirche deshalb als das „Urbild des Glaubens“. Denn: Wer der inneren Stimme folgen will, muss ins Ungewisse aufbrechen, um zu erfahren, ob sich die erahnte Verheißung wirklich dahinter findet. Auch wenn ein solcher Aufbruch oft unvernünftig wirkt oder Unverständnis hervorruft.

Der Taizé-Gründer Frère Roger hat es so auf den Punkt gebracht:

„Lass dich nicht lähmen, wenn man dich nicht versteht. Von dir ist das Wagnis deines Lebens gefordert.“


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Dieser Beitrag wurde am 25.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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