Morgenandacht, 24.03.2021

von Martin Korden, Bonn

Sterbehilfe

Es war vor etwas mehr als einem Jahr, als sich unser Land plötzlich mit dem Corona-Virus konfrontiert sah.

Das dürfte wohl der Grund gewesen sein, warum damals Ende Februar ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts weitgehend unterging – obwohl Politiker, Ärzte und Mitglieder des Ethikrates damals von einem Wendepunkt der Rechtskultur in unserm Land sprachen. Es geht um die Entscheidung, das Verbot organisierter Hilfe beim Suizid aufzuheben.

Worum es dabei wirklich geht, ist der breiten Öffentlichkeit wohl erst durch Ferdinand von Schirachs Drama „Gott“ klar geworden – der Film lief Ende November im Fernsehen und thematisierte genau den Zusammenhang: Ein 78jähriger ist nach dem Tod seiner Frau im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde und möchte deshalb ein tödliches Mittel verabreicht bekommen.

Warum eigentlich nicht? Haben 71 Prozent der Zuschauer in der anschließenden Abstimmung gesagt – und damit als klare Mehrheit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Grunde zugestimmt, wonach jeder Mensch das Recht auf Hilfe beim Suizid haben dürfe – egal ob krank oder gesund, egal ob alt oder jung, es gehöre zu seinem Selbstbestimmungsrecht.

Und es scheint ja auch irgendwie einleuchtend zu sein – zumindest in Schirachs Drama, in dem ein möglicher Fall endlich mal persönlich dargestellt wird und nicht nur theoretisch durchdacht.

Der 78-jährige sieht keinen Sinn mehr in einem Leben ohne seine Frau, er will auch nicht irgendwann „sabbernd an Schläuchen“ auf Hilfe angewiesen sein, wie es im Film heißt.

Flankiert werden diese Aussagen von Experten, die erklären, dass Suizidwillige ohne professionelle Hilfe gezwungen seien, brutale Methoden zu wählen, die für die Angehörigen noch belastender seien und zudem noch oft schief gingen mit schlimmen Folgen. Und dann tritt noch der katholische Bischof auf, den Schirach am Ende Thesen aus dem Mittelalter aufsagen lässt.

Schirach habe es dem Zuschauer leicht gemacht, beklagten dann auch Ärzteverbände und der langjährige Vorsitzende des Ethikrates Peter Dabrock. So seien die vielen Initiativen zum helfenden Umgang mit lebensmüden Patienten genauso ausgeblendet worden wie die zunehmenden Möglichkeiten der Palliativmedizin.

Doch vor allem ein Punkt ist hier zu nennen, auf den selbst das Bundesverfassungsgericht als drohende Gefahr nach seinem Urteil hinwies. Nämlich, dass der Suizid in unserer Gesellschaft zu einer anerkannten Normalität werde. Weil sich Menschen mit zunehmendem Alter in teuren Pflegekonstellationen und je nach Umfeld gedrängt sehen könnten, das Angebot einer dann etablierten Suizidhilfe anzunehmen.

Wer hat nicht schon einmal den Satz von einem alten Menschen gehört, dass man doch niemandem zur Last fallen wolle. Und da sprechen gerade die Zahlen aus den Benelux-Ländern, wo die Suizidhilfe seit fast 20 Jahren etabliert ist, eine deutlichere Sprache als im Film dargestellt.

Die Fälle steigen, kontinuierlich, in den letzten Jahren sogar massiv, vor allem unter Senioren. Längst kann nicht mehr von den anfänglichen Einzelfällen die Rede sein.  

Schirachs Drama trägt den Titel „Gott“ und fragt im Untertitel: Wem gehört unser Leben? Mir ist bewusst, dass der Glaube an einen Schöpfergott als Argument in einer säkularisierten Gesellschaft nicht mehr zählen kann.

Wohl aber das daraus resultierende Menschenbild: Der Mensch lebt nicht für sich allein. Er steht immer auch in Beziehung zu den Mitgeschöpfen. Das christliche Menschenbild lebt von der gegenseitigen Solidarität.

Bei aller Selbstbestimmung können die direkten Mitmenschen nie ausgeblendet werden. Als diejenigen, die unter einem Suizid ihres Nächsten ein Leben lang leiden. Aber auch als diejenigen, die ihren Mitmenschen in der Lebenskrise im Blick behalten müssen. Ist nicht jeder Suizid auch ein Hilferuf?

Dass das Leben an sich wertvoll ist, einen tiefen Sinn in sich trägt und der Schutz des Lebens darum oberste Priorität hat, das galt stets als rechtliche Grundlage unserer Gesellschaft – dieses Fundament ist jetzt zu einer schiefen Ebene geworden.


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Dieser Beitrag wurde am 24.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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