Morgenandacht, 23.03.2021

von Martin Korden, Bonn

Danken!

Von dem Schriftsteller Heinrich Böll stammt diese kurze Geschichte:

Ein Fischer liegt nach getaner Arbeit in seinem Boot und schaut aufs Meer. Ein Tourist kommt hinzu, fragt ihn, warum er aufgrund der guten Bedingungen nicht nochmal herausfahre, er könnte mehr verdienen, dann könnte er sich irgendwann ein größeres Boot kaufen, um das Doppelte zu fangen, dann könne er möglicherweise einen Mitarbeiter einstellen, um einen zusätzlichen Kutter zu bedienen und noch mehr Ertrag machen.

„Und dann?“,

fragt ihn der Fischer. Da sagt der Tourist:

„Na, dann bräuchten Sie irgendwann nichts mehr zu tun, könnten den ganzen Tag hier liegen und glücklich aufs Meer schauen.“

„Aber“,

sagt da der Fischer,

„das tue ich doch jetzt schon.“

Die Geschichte trägt den Titel:

„Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“

Böll schrieb sie 1963 im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsboom und natürlich kommentierte er damit ironisch die Entwicklungen der damaligen Zeit. Die Geschichte ist unterschiedlich interpretiert worden, die Haltung des Fischers auch als träge kritisiert worden.

Aber unabhängig von einer Bewertung der Arbeitsmoral geht es mir bei dieser Anekdote um etwas anderes, nämlich um die Haltung, die ich dem Fischer in seinem Glücklich-Sein unterstelle.

Es ist die Haltung der Dankbarkeit. Der Fischer würde das Herumliegen auf seinem Boot und den Blick auf das Meer nicht als ein Glücklich-Sein beschreiben, wenn er genau dafür nicht auch eine Dankbarkeit empfinden würde – und das hat dann nichts mit Trägheit zu tun.

Ich weiß, das klingt etwas nach abgedroschener Kalenderweisheit: Der Schlüssel zum Glücklich-Sein ist die Dankbarkeit. Das gilt sicher nicht für jede Lebenssituation und gerade in der Corona-Pandemie mit all ihren Belastungen und Entbehrungen kann ein solcher Ratschlag aggressiv machen.

Doch die Fähigkeit zu einer tief empfundenen Dankbarkeit ist nicht zu verwechseln mit dem bloßen Annehmen einer Situation, die bedrückend sein mag, aber eben vielleicht nicht zu ändern – es geht nicht um eine Art Beruhigungspille, die das Gemüt ruhig stellt nach dem Motto: Bloß nicht aufregen.

Im Gegenteil.

Der katholische Jesuitenorden empfiehlt am Ende jedes Tages einen Tagesrückblick und zwar in so wörtlich

„liebender Aufmerksamkeit“.

Wer sozusagen einen Schritt zurück macht, als Betrachter das Erlebte des Tages noch einmal Revue passieren lässt, und dabei bewusst schaut, was er oder sie alles empfangen hat, der wird fähig, das Geschenk des Lebens tiefer zu erfahren und dafür dankbar zu werden: Begegnungen, Beziehungen, scheinbar Selbstverständliches, das zwar immer schon da ist, aber eben auch so kostbar – all das scheint dann auf.

Wer den dankbaren Blick darauf zulässt, erkennt erst, was an einer Situation tatsächlich liebenswert ist. Ja, er lernt, sein Leben zu lieben. Einem solchen liebenden Blick wird dann auch die Gabe zugeschrieben, deutlicher zu erkennen, wo das eigene Leben möglicherweise in eine Sackgasse geraten ist, wo es nicht mehr liebenswert ist.

Papst Franziskus spricht immer wieder von der Trägheit des Herzens – er warnt vor ihr. Er setzt die Trägheit in die Gegenposition zum liebenden Blick.

Wer nicht mehr liebt, vertraut den Verheißungen des Lebens nicht mehr, wer nicht mehr vertraut, wird träge – zu träge auch, um seinem Leben neue Wendungen und Aufbrüche zu geben.

Denn wer liebt, findet Wege – wer nicht liebt, findet Gründe. Gründe, warum man dem Leben nicht mehr trauen kann und sich in die Trägheit des Herzens zurückzieht.

Der Fischer auf dem Boot ist nicht träge – denn dann wäre er nicht glücklich über seine augenblickliche Situation – er hat gelernt, sensibel zu werden für die Geschenke in seinem Leben.

Wer auf diese Weise liebend aufmerksam geworden ist, wird dankbar – und im Wirrwarr der tausend Möglichkeiten dieses Lebens hat er eine innere Freiheit und Unabhängigkeit gewonnen.


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Dieser Beitrag wurde am 23.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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