Morgenandacht, 22.03.2021

von Martin Korden, Bonn

Kardinal von Galen

Er war der „Löwe von Münster“: Clemens August von Galen. Heute vor 75 Jahren starb der Bischof von Münster, der als die Symbolfigur des kirchlichen Widerstands gegen die Nazis gilt.

Das hängt vor allem mit drei Predigten zusammen, die Galen im Sommer 1941 hielt. Darin verurteilte er den Terror des NS-Regimes mit drastischen Worten: niemand könne sich mehr sicher sein, dass er nicht selbst eines Tages abgeholt und eingesperrt würde.

Auch von Galen selbst rechnete mit seiner Verhaftung nach dieser Predigt. Weil er dann nicht mehr öffentlich sprechen könne, wolle er es jetzt noch tun, so der Bischof damals.

Vor allem Galens dritte Predigt schlug ein: Durch Vertrauenspersonen war ihm mitgeteilt worden, dass die Nazis behinderte Menschen als sogenannte „Unproduktive“ abtransportierten und umbrachten.

Der Bischof protestierte öffentlich: es handle sich um Menschen, um „unsere Brüder und Schwestern“, rief Galen von der Kanzel. Und selbst wenn sie nach irgendwelchen Gutachten unproduktiv seien, lebensunwert seien sie darum nicht.

Galen schockierte die Hörer, auch, weil er die Folgen aufzeigte: Eenn einmal festgestellt sei, dass scheinbar unproduktive Menschen kein Lebensrecht hätten, dann ist grundsätzlich der Mord an allen freigegeben, die aus irgendeinem Grund nicht mehr produktiv sind, spätestens in Alter oder Krankheit sei also jeder einzelne betroffen.

Die Predigten wurden auf den unterschiedlichsten Wegen vervielfältigt und weit über Münster hinaus verteilt. Auch im Ausland. Die Geschwister Scholl beriefen sich auf Galens Predigten und schon bald wurden Priester zum Tode verurteilt, allein weil sie Galens Texte weitergegeben hatten.

Galen selbst aber wurde von den Nazis verschont. Später entdeckte man in Aufzeichnungen, dass er öffentlich hingerichtet werden sollte, sobald der – wie die Nazis es schrieben – Endsieg feststehe. Vorher befürchtete man, ganz Westfalen gegen sich aufzubringen.

Denn von Galen war beliebt im katholischen Münsterland. Vielleicht auch, weil er so überhaupt nicht adelig wirkte. Sein Auftreten war herb, seine Art direkt, oft stur. Sein Sprechen soll schwerfällig, in keiner Weise wortgewandt gewesen sein – umso mehr spürte man, dass er in seinem leidenschaftlichen Protest von einem gläubigen Gewissen getrieben war.

Schon kurz nach seiner Bischofsweihe 1933 begann er gegen die Nazis zu sprechen – Galen erkannte sofort die hasserfüllte Ideologie des neuen Regimes. Als die Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, betonte er, dass Christen in jedem Menschen Gottes Ebenbild sehen.

Galen schrieb an Hitler persönlich, in der Überzeugung, ihn zum Eingreifen gegen den massiven Staatsterror bewegen zu können. Das erscheint im Rückblick schwer begreiflich. Genauso wie er zwar einerseits die Nazi-Ideologie verteufeln konnte, aber gleichzeitig betete für den Erfolg der Soldaten im Kampf gegen den

„gottlosen Kommunismus“.

Wie sehr sich Galens Predigten verbreiteten, hatte ihn selbst überrascht. Die Nazis verschärften ihr Vorgehen gegen die katholische Kirche danach massiv. Auch in Galens Bistum wurden zahlreiche Priester und Ordensleute in Konzentrationslager abtransportiert.

Vielleicht war es auch diese erschreckende Erfahrung, die Galen dazu brachte, nach dem Sommer 41 ruhiger zu werden. Dennoch blieb er die Symbolfigur des Widerstands.

Als Nazi-Deutschland geschlagen war, genoss er in der Welt höchstes Ansehen. Papst Pius XII. machte ihn 1946 zum Kardinal. Doch schon eine Woche später starb von Galen an einer zu spät erkannten Blinddarmentzündung – heute vor 75 Jahren.

Der Löwe von Münster, wie er genannt wurde, er bleibt in Erinnerung als Kämpfer für die Würde jedes menschlichen Lebens und durch sein unerschrockenes Eintreten – gemäß seinem bischöflichen Wahlspruch: „Weder Menschenlob noch Menschenfurcht“ soll mich bewegen.

Bei Clemens August von Galen war es die Gottesfurcht, der Glaube an einen menschenfreundlichen Gott, der ihm die Kraft gab zu sagen, was andere nicht zu sagen wagten.


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Dieser Beitrag wurde am 22.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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