Gottesdienst am fünften Fastensonntag

aus der Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk in Chemnitz

Predigt von Propst Benno Schäffel

In diesem vielschichtigen Evangelium spricht Jesus vom ewigen Leben. Das ist der letzte Satz unseres Glaubensbekenntnisses:

„Ich glaube an das ewige Leben.“

Darauf läuft unsere Hoffnung hinaus. Wenn wir an einem Grab stehen, erinnern wir uns an diesen Satz. Aber bis dahin folgen wir einem gesunden Instinkt und wollen leben. Mein Vater, der in diesem Sommer 90 wird, sagt angesichts der aktuellen Gefährdung: Ich drängle mich nicht vor. Und schmunzelnd fügt er hinzu: Man muss 90 werden, da sterben nicht mehr so viele. Ich glaube, dass dieser Lebenswille von Gott gesegnet ist und dass alles Ringen um Bewahrung Segen verdient.

Aber im Glaubensbekenntnis ist vom ewigen Leben die Rede, von etwas, was darüber hinaus geht und die Erfüllung aller Hoffnung sein soll. Und der Weg dahin folgt einer Logik, die uns quer liegt. Jesus sagt:

„Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.

Man kann es vielleicht etwas geschmeidiger formulieren und erklären, aber man kann diese Aussage nicht aus dem Ruf in die Nachfolge Jesu herausoperieren. Er selbst hat so gelebt, voller Liebe zu den Menschen und zum Leben. Aber er war bereit, sein Leben zu verlieren, es hinzugeben.

Er deutet seinen Weg im Bild vom Weizenkorn. Wenn dieses Korn so bleiben will, wie es ist, ist es nutzlos. Wir müssen zulassen, dass eine Veränderung geschieht, die entstellt, unansehnlich macht und eine Daseinsweise beendet, um dann in eine neue größere Fruchtbarkeit zu münden.

Das gilt im Großen auf das Leben Jesu und unser Leben als Ganzes gesehen, es ist auch etwas, was wir alltäglich erfahren können. Ich erlebe z.B., wie ich bei einer Beratung eine aus meiner Sicht gute Idee einbringe und dann scheint sie unterzugehen und wird nicht aufgegriffen.

Wenn ich mich hier nicht gekränkt zurückziehe, sondern konstruktiv weitermache, geschieht es zuweilen, dass aus dem Miteinander etwas viel Besseres und Wirkungsvolleres entsteht. Weiß ich, ob womöglich meine Idee, die gestorben ist, der Same dafür war?

Jesus hat mit seinem Sterben nach der Logik des Weizenkorns, die größere Fruchtbarkeit erreicht. Am Ende des heutigen Evangeliums sagt er: „Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen“. Erhöhung, das ist in der Sprache des Johannesevangeliums das Sterben am Kreuz und die Auferstehung zum ewigen Leben.

Von da her will Jesus alle und alles an sich ziehen! - Ich glaube an die Anziehungskraft des Auferstandenen.

Wir leben hier in Chemnitz in einer säkularen Stadt, wir Katholiken sind gut 2 %, insgesamt sind wir Christen vielleicht 15% der Bevölkerung. Die Stadt hat ihren Ruf und ihre Verwerfungen. Und trotzdem – ohne irgendetwas und irgendjemand vereinnahmen zu wollen: Ich kann nicht durch Chemnitz gehen, ohne zu glauben, dass diese Stadt und ihre Menschen im Kraftfeld des Auferstandenen sind, der sich mit allen verbunden hat und alle an sich ziehen will.

Chemnitz wird gern als das Aschenputtel der sächsischen Großstädte bezeichnet. Vor kurzem aber ist Chemnitz zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 gekürt worden. Das passt für mich wunderbar in diesen Perspektivwechsel.

Und es gibt ein großartiges Motto für die Kulturhauptstadt, allerdings auf Englisch, so dass es manche noch gar nicht für entdeckt und verstanden haben: Am Anfang steht ein großes C – wie das C auf den Autonummern der Chemnitzer. C wie Chemnitz. Und nach dem C folgt im Motto – wieder auf Englisch: „the unseen“ – übersetzt „das Ungesehene“ oder „Übersehene“.

Und das finde ich eine beeindruckend demütige Selbstaussage: Chemnitz ist die oft Übersehene oder gar abschätzig betrachtete Stadt. Aber wenn ihr mal hinschaut, werdet ihr sehen, dass sie zur Kulturhauptstadt taugt und was für wunderbare Menschen hier leben. Wenn man dann das Motto als Ganzes, also auch noch das C am Anfang auf Englisch liest, dann wird es noch inspirierender: C auf Englisch spricht man „see“ – und das ist auch ein Verb, nämlich die Aufforderung „Sieh, Schau hin!“ – see the unseen – Schau auf das, was nicht gesehen wird.

Genauso gehe ich durch unsere Stadt und so kann man durch jede Stadt gehen: Ich möchte entdecken, was übersehen wird. Ich möchte Ansehen geben, weil ich weiß: nichts und niemand liegt außerhalb des Kraftfeldes des Auferstandenen, der alle liebt und an sich ziehen will. Vielleicht haben Sie auch Lust, so durch Ihre Umgebung zu gehen!

In diesem Jahr haben wir in unserer Pfarrei vereinbart, dass wir uns Gelegenheit geben wollen, auch einander mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Und so bitten wir Mitglieder der Gemeinde zu erzählen, was ihr Leben und ihren Glauben trägt, wo sie erleben, dass sie im Kraftfeld der Liebe des Auferstandenen sind.

Heute wird uns jetzt nach dem Credoruf Frau Giesder aus der Propsteigemeinde ein Glaubenszeugnis geben, wofür ich jetzt schon herzlich danken möchte.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 21.03.2021 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche