Wort zum Tage, 16.03.2021

von Beate Hirt, Frankfurt

Aufs Verzichten verzichten

Am Aschermittwoch hat ein Freund und Relilehrer erzählt von einem Schüler. Der hatte ihn gefragt:

„Wenn wir jetzt nicht Fastnacht gefeiert haben, dann müssen wir ja wahrscheinlich auch nicht Fasten, oder?“

Ziemlich klug gefragt, find ich. Wenn wir nicht Feiern dürfen, könnten wir ja eigentlich auch das Fasten und Verzichten ausfallen lassen. Und viele würden wohl ergänzen: Verzichten? Darauf kann ich sowieso grad verzichten. Das mach ich in dieser Corona-Pandemie ohnehin schon die ganze Zeit.

Mir geht es auch so: Ich hatte schon am Aschermittwoch genug vom Fasten. Denn die wahre Fastenzeit dauert ja jetzt schon über ein Jahr. Gar nicht so freiwillig, wie sonst das Fasten.

Ich muss auf Umarmungen verzichten, auf das Singen in Gemeinschaft, auf Essen mit vielen Leuten, auf Feiern und Verreisen. Auf vieles eben, was Spaß macht und Energie gibt. Und deswegen hab ich dieses Jahr tatsächlich auf weitere Fasten-Vorsätze verzichtet.

Ich gestehe: Ich brauche das jetzt gerade unbedingt: das Stück Schokolade ab und zu. Oder die Dreiviertelstunde sinnloses Abhängen am Abend vor dem Fernseher, bevor es ins Bett geht. Das sind Dinge, die ich mir sonst in der Fastenzeit verkniffen habe.

Dieses Jahr verzichte ich aufs Verzichten. Ich lasse diesmal nichts zusätzlich weg in den Wochen bis Ostern. Stattdessen gönn ich mir sogar ein bisschen mehr von manchem in dieser Fastenzeit.

Ein bisschen mehr Spaziergehen draußen in der Sonne. Ein bisschen mehr Ruhemomente in meinem Wohnzimmersessel zwischendurch, mit einer Tasse Tee. Ein bisschen mehr Lesen in der Bibel, das ist einfach immer wieder ein Buch, das mir gut tut.

Alles mehr Genuss als Verzicht. Aber zur Fastenzeit passen gerade diese Dinge trotzdem. Denn christliches Fasten verzichtet nicht um des Verzichts willen. Wie übrigens auch nicht das Fasten in anderen Religionen, im Islam oder Judentum. Es geht nicht darum, sich zu kasteien oder zu optimieren, und erst recht geht’s nicht ums Abnehmen und eine tolle Figur.

Beim religiösen Fasten geht es darum, bewusster zu leben und Gott näher zu kommen. Auch: freundlicher und gerechter gegenüber anderen Menschen zu sein.

„Das ist ein Fasten, wie ich es liebe“,

heißt es in der Bibel:

„die Fesseln des Unrechts zu lösen, dem Hungrigen dein Brot zu brechen.“

(Jes 58,6-7)

Ich glaube: Solche Freundlichkeit, solche Gottes- und Nächstenliebe gelingt mir zurzeit besser, wenn ich mir manches gönne – Ruhemomente, Spaziergänge, auch das Stück Schokolade.

Ich verzichte dieses Jahr aufs Verzichten. Es ist eine besondere Fastenzeit – eine sinnvolle ist es für mich trotzdem.


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Dieser Beitrag wurde am 16.03.2021 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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