Am Sonntagmorgen, 14.03.2021

von Johannes Schröer, Köln

„Das aufgespannte Ohr Gottes.“ Die Beichte – das vergessene Sakrament

Mindestens einmal im Jahr - vor Ostern - sollte ein gläubiger Katholik zur Beichte gehen. Das Aussprechen der eigenen Sünden vor einem Priester, in Anonymität mit der abschließenden Lossprechung: Nur wenige Katholiken hierzulande nutzen dieses Angebot noch.

© Grant Whitty / Unsplash

Sündigen, beichten im Beichtstuhl, das Bußsakrament – das sind Worte wie aus einer anderen vergangenen Welt. Kaum ein Katholik hierzulande geht heute noch zur Beichte.

Obwohl die Beichte, das Bekennen und Aussprechen der eigenen Sünden vor einem Priester, häufig ein Thema ist in Kinofilmen, der Literatur und auch in den sozialen Netzwerken.

Doch fehlt überhaupt etwas, wenn die Beichte fehlt? Zumal der Beichtstuhl im Zusammenhang mit der sexualisierten Gewalt, die Priester Kindern angetan haben, längst zu einer schlüpfrigen Projektionsfläche für Missbrauch geworden ist.

Beichten, eine Art Psychoanalyse?

Natürlich muss das mitgedacht werden, wenn man über die Beichte nachdenkt. Was aber kann die Beichte darüber hinaus sein?

Der Bestsellerautor Hanns-Josef Ortheil schreibt in seinen Romanen immer wieder über seine katholische Kindheit – und dabei auch über seine Erfahrungen mit der Beichte – mit überraschenden Sichtweisen:

„Es ist ja quasi eine wunderbare Idee, zwei Menschen, die sich nicht kennen, die Gelegenheit zu geben, sich in einem Raum, in dem sie sich nicht wiedertreffen werden, auszutauschen. Fast noch klüger, nein, es ist noch klüger als die Psychoanalyse. Es ist eine Vorform der Psychoanalyse.

Es ist, finde ich, insofern klüger, als man sich nicht wiedersieht, und dass auch jede Identität der beiden nicht offen ist, sondern ein Geheimnis ist.“

In dem Buch: „Das Kind, das nicht fragte“ gibt es eine Schlüsselszene, in der Ortheil von seiner ersten Beichte erzählt. Er beschreibt die Beichte als ein dramatisches Ereignis – aber auch als eine der schönsten Erinnerungen seiner Kindheit.

Bis heute, so schreibt er, habe er keine genaue Erklärung dafür, was er als Kind damals tat.

Frage und Antwort, ohne Wenn und Aber

Im Beichtstuhl schüttet er dem unbekannten Priester sein Herz aus. Er erzählt von seinen Sorgen und Nöten, wie er zuhause gehänselt wird, wie er sich unter den rabiaten Geschwistern ständig behaupten muss – und dann stellt der Junge dem Priester Fragen.

Aber das Wichtigste ist, dass er hier frei sprechen kann, ohne Wenn und Aber. Er entdeckt für sich die erlösende Kraft des Sich-etwas-von-der Seele-Redens.

Für den Jungen eröffnet sich durch das Erzählen und Fragen in der Beichte eine ganz neue Welt. In seinem Roman schreibt Ortheil:

Diese Stunde im Beichtstuhl war die Geburtsstunde meiner Frage- und Antwortspiele, die ich in schwarze Schulhefte eintrug. Beinahe täglich setzte ich mich nun als Kind für eine halbe Stunde irgendwohin und stellte mir oder anderen Menschen oder der halben Welt Fragen, um sie nach kurzem Nachdenken selbst zu beantworten.

Warum singen die Vögel? Weil sie sich darüber freuen, immer etwas zu fressen zu haben. Welches Tier im Zoo magst du am liebsten? Den Marabu. Er bewegt sich nie und denkt mehr nach als jedes andere Tier.”

Wo ist die Beichte hin?

Die Beichte, so wie Hanns-Josef Ortheil sie erlebt hat, wird für ihn zu einem Schlüsselerlebnis auf dem Weg ein Geschichtenerzähler, das heißt ein Schriftsteller zu werden.

Der Autor hat den Beichtstuhl und die Anonymität des Priesters positiv erlebt. Das lag auch daran, dass er das große Glück hatte, auf einen Priester zu treffen, der den Jungen ernst genommen hat.

Der Priester habe ihm, dem Kind, den Eindruck vermittelt, zuhören zu können, ganz genau zuhören zu können, darauf komme es bei der Beichte an, ist Ortheil überzeugt.

„Diese Genauigkeit wird natürlich dadurch erhöht, dass man jetzt mal in einem Raum ist, der fast schalldicht ist. Es ist ja auch wieder ungeheuer raffiniert inszeniert, so einen Raum außerhalb des Alltags zu finden, der dunkel ist, der nicht ablenkt.

Also mich hat immer vieles an den frühen Managementformen der Kirche ungeheuer beeindruckt, weil sie einfach klug sind. Also, dieses Herausnehmen aus dem Alltäglichen. Es müssen nun jetzt nur beide Sprechenden fähig sein, dieses Gespräch auch zu führen.”

Ortheil vermutet, dass die Beichte auch deshalb aus dem Leben der Menschen verschwunden ist, weil eben dieses Vertrauen und das damit verbundene vertrauensvolle Gespräch zwischen dem Priester und dem Gläubigen immer seltener zustande kommt.

Nur so lasse sich doch erklären, dass es kaum Menschen gebe, die positiv über eigene Beichterfarungen sprechen.

„Die Beichte ist in der Krise“

Der Kölner Weihbischof Ansgar Puff hat viele Erfahrungen mit der Beichte gesammelt. Wenn Menschen heute über die Beichte urteilen, so sagt er, dann sind es selten konkrete, zeitnahe Erfahrungen mit einer eigenen Beichte, sondern meistens historische Anekdoten, die lange zurückliegen:

Ich bin jetzt seit 33 Jahren Priester und seit 33 Jahren ist die Beichte in der Krise. Es kommt im Grunde kaum noch jemand. Also wenn mir heute jemand, der unter 50 ist, erzählt, dass er schlechte Erfahrungen mit der Beichte hat, dann frage ich immer, woher hast du die? Und dann sagt er meistens. Das hat mir meine Mama erzählt oder so. Und darum, glaube ich, könnte es da durchaus wieder so eine Renaissance geben. Die Leute haben keine Erfahrung damit und man könnte mal gute Erfahrungen machen.“

Weihbischof Puff erzählt, dass er alternative Beichtformate anbietet, die wenig mit dem alten, dunklen Beichtstuhl in der Kirche zu tun haben.

Da setzt sich der Kölner Bischof zum Beispiel an einem Montagnachmittag – als Priester erkenntlich – auf die Treppen vom Dom zum Kölner Hauptbahnhof und lädt die Menschen, die vorbeikommen, zu einem Gespräch ein:

„In der Vor-Corona-Zeit ist das wirklich so gewesen. Da habe ich ja im Sommer auf dieser Dom-Treppe gesessen. Einmal kam ein Herr, der hat dann fast eine Dreiviertelstunde neben mir gesessen und hat mir sein ganzes Leben erzählt. Ich habe zugehört und da kamen noch ganz, ganz viele Sachen, die schwer waren. Und am Ende sagte er dann zu mir, so, eigentlich war das eine Beichte. Können Sie mir denn jetzt hier die die Lossprechung geben? Weil – und dann zeigte so mit dem Daumen hinter sich auf den Dom – weil, da gehe ich nämlich nicht rein. Und dann haben wir das gemacht. Und das war eine sakramentale Beichte. Klar geht das.“

Wie Mülleimer ausleeren

So kann eine Beichte also auch aussehen. Die Beichte ist ein Sakrament und gehört zu den sieben Sakramenten der katholischen Kirche. Sakrament – das heißt übersetzt: Heilszeichen/Heilmittel.

Im Neuen Testament der Bibel werden diese Heilszeichen oder Sakramente von Jesus eingesetzt. Er stiftet darin die Verbindung zwischen Gott und Mensch – zwischen Himmel und Erde. Seine Jünger forderte Jesu auf, die Sakramente weiter zu den Menschen zu bringen.

Die gläubige Vorstellung dahinter: Jesus selbst wirkt in den Sakramenten fort. Wenn der Priester also in der Beichte im Namen Jesu die Vergebung ausspricht, dann geht es um mehr als nur um persönliche Einsicht oder ein therapeutisches Gespräch zwischen einem Klienten und einem Patienten. Denn die Beichte ist ein Sakrament:

„Also ein Sakrament ist eine Situation, wo das, was ausgesprochen wird, Wirklichkeit wird. Also das heißt, wenn der Priester sagt ‚Ich spreche dich los von deinen Sünden‘, ist das so. Dazu braucht es aber dieses gesprochene Wort. Dazu braucht es den beauftragten Priester. Den Jugendlichen sage ich dann: Du kannst dich drauf verlassen, dass das dann auch wirklich so ist. Das ist nicht nur so ein Satz und du trägst immer noch deine Schuld mit dir rum, sondern die ist dann wirklich vergeben und vergessen. Die ist weg. Und ich glaube, manche Situationen kann man nicht verdrängen, jemand anderen beschuldigen, das mit sich rumschleppen. Man muss es loswerden. Und das passiert in der Beichte. Es ist ein bisschen mal salopp gesagt, wie Mülleimer ausleeren.“

Offenheit durch Anonymität

Eine Beichte kann befreiend und auch unglaublich tröstend sein, das sagt die Schriftstellerin Felicitas Hoppe. Auch sie hat ihre erste Beichte als ein positives Erlebnis ihrer Kindheit in Erinnerung.

In ihrem Roman mit dem Titel „Hoppe“ beschreibt sie ihre Erlebnisse im Beichtstuhl als eine Begegnung mit dem „aufgespannten Ohr Gottes“, das ihr als Kind zugehört habe. Hier durfte sie alles sagen – und nichts wurde verraten.

Felicitas Hoppe erzählt, wie sie als Kind bereits eine Ahnung davon bekommen habe, dass sie hier eine Vergebung oder Absolution bekommen könne, die die herkömmliche Welt ihr nie würde geben können – eine Vergebung, die nur Gott mit seinem für sie aufgespannten Ohr in diesem erlösenden Ausmaß ermöglichen könne.

Dabei habe sie es als ungeheuer aufwertend und zugleich entlastend empfunden, dass es dabei eben nicht eine ihr bekannte Person gewesen sei, die ihr zugehört habe.

„Man wird gerade deshalb verstanden, weil das Gegenüber gewissermaßen verschleiert ist, aber nicht verschleiert im Sinne: ‚Ich zeige mich nicht‘ oder ‚Ich will dich täuschen‘, sondern: Es ist so groß, dass unendlich viel darin Platz findet und dieses Nicht-Sichtbarwerden oder Unbekannt-Sein bedeutet ja auch eine ungeheure Offenheit. Es geht ja nicht um ihn in dem Sinn, sondern um mich, die ich mich ihm zuwenden kann. Das ist schon eine andere Form der Kommunikation. Das ist ja nicht, wie wir beide hier sitzen und miteinander sprechen.

Versöhnung mit Gott

Hanns-Josef Ortheil sieht die katholische Beichte durchaus in einer Vorläufertradition, die dann in der Pädagogik mündete und im therapeutischen Gespräch – auch in der Psychoanalyse. Sorgen und Nöte, Abgründe auch Traumata werden hier gezähmt.

Etwas anderes ist es, wenn heute in Talk- oder in Reality-Shows eine gewisse Bekenntnislust um sich greift. „Jetzt, packe ich aus“, heißt es dann, oder. „Hilfe, ich liebe einen Mörder!“

Das Selbstbekenntnis dabei ist nie mit Erleichterung für die Bekennenden verbunden – weil die öffentliche Welt keine Gnade kennt und immer mehr will, immer mehr Geständnisse vom Sünder, anstatt ihn zu erlösen.

Das Glaubenskonzept der Bibel beugt dem vor. Es sagt, der Mensch braucht mehr als den Menschen, um sich umfänglich von Schuld zu befreien – er braucht Gott und die Weite des transzendenten Himmels.

Und darin liegt ein weiterer wichtiger Aspekt der Beichte. Im biblischen Verständnis ist die Vergebung der Sünden nicht allein die Befreiung von Schuld, sondern auch immer die Versöhnung mit Gott.

„Sünde ist eine Art Trennung“

Sünde ist dabei das genaue Gegenteil dieser Versöhnung. Im Wort Sünde steckt die Wurzel „sondern“, „absondern“. Sünde ist damit von seiner Wortbedeutung das Absondern, das Abkoppeln oder die Trennung von Gott.

Das biblische Menschenbild sieht als Gegenentwurf den Menschen als Geschöpf Gottes und mit ihm in einem Bund verknüpft. Zusammen sind sie stark. Trennt sich der Mensch von Gott, dann entfremdet er sich von seiner Bestimmung – auch von sich selbst.

Weihbischof Puff sieht in dem Begriff Sünde diese ursprüngliche biblische Bedeutung als eine zentrale Glaubensbotschaft des Christentums. 

Also, wenn ich bewusst und willentlich sage, ich will mit Gott nichts zu tun haben, dann ist das die Sünde, sage ich mal, Einzahl. Und daraus können dann die Sünden Plural entstehen, nämlich Haltungen, Verhaltensweisen. Also Sünde ist eigentlich eine Art Trennung. Zu sagen, mit dir nicht. Und das kann gegenüber Gott sein – dann nennt man das Gottlosigkeit – und gegenüber Menschen – dann kann es eine Form von Unmenschlichkeit werden. 

Das Verhältnis der Menschen zu Gott spiegelt sich nach christlichem Verständnis auch immer im Verhältnis der Menschen zu den Menschen, die nach biblischer Tradition das Abbild Gottes sind. Was ihr für den geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan, sagt Jesus in der Bibel.

In der vorösterlichen Zeit lohnt es sich darüber nachzudenken, betont Weihbischof Puff – denn Ostern sei das Fest der Verwandlung, der Erlösung, des Neuanfangs. In der Beichte bereiten sich Christen darauf vor, sie denken über sich nach, sie bitten um Vergebung – mit dem Ziel einer umfassenden Versöhnung.

Was Beichte mit Urvertrauen zutun hat

Das aufgespannte Ohr Gottes, wie Felicitas Hoppe es nennt, ist dabei ein Resonanzraum, in den hinein ich mit unendlichem Vertrauen meine Existenz legen kann.

„Von der Grundanlage her ist natürlich diese Möglichkeit des Beichtens, des Sprechens und der Absolution, ein Sakrament, das natürlich eine ungeheure Entlastung und einen ungeheuren Trost in sich birgt. Und das ist natürlich etwas Großartiges zu wissen, dass es diesen Raum gibt, indem man eine gewisse Last ablegen kann.“

Am Ende der Beichte steht nach christlichem Verständnis immer die Versöhnung mit Gott und zugleich die Versöhnung mit den Menschen und der Welt, aus der für den Gläubigen ein neues Urvertrauen wachsen kann.

Ein Urvertrauen, das ihn auch mit seiner gebrochenen Existenz versöhnt und in Gottes Geborgenheit auffängt – oder wie Hanns-Josef Ortheil es sagt:

„Wenn man christlich denkt, denkt man an die Aufgehobenheit des Menschen – und das schafft ein immenses Vertrauen auch in die Welt, ein Vertrauen auch darauf, dass diese Welt nicht von Grund auf etwas Böses und Feindliches ist, sondern etwas, das mit mir zu tun hat und auf mich zugeordnet ist.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.

Musik:

Hans Zimmer – L’Esprit des Gabriel

Kamran Ince – Symphony No. 2, II. Hagia Sophia

Jan Garbarek - Peace


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Dieser Beitrag wurde am 14.03.2021 gesendet.


Über den Autor Johannes Schröer

Johannes Schröer wurde 1963 in Emstek, im Oldenburger Münsterland geboren. Nach dem Studium der Psychologie, Theologie und Germanistik in Marburg, Tübingen und Bochum (Abschluss Staatsexamen), sowie einem Auslandsjahr als Assistent Teacher in London, absolvierte er ein Volontariat bei Radio Essen, wo er fünf Jahre als Hörfunk-Redakteur arbeitete. 1997 wechselte er in die Redaktion KIP-NRW, 2000 dann zum WDR TV-Programm der Lokalzeit Ruhr. Seit 2002 arbeitet Johannes Schröer beim Kölner Domradio. Neben seinen Aufgaben als stellvertretender Chefredakteur und CvD, ist er für die Literatur im Domradio verantwortlich. Veröffentlichungen: ‚Als der Dom nach Köln kam‘ und Mitherausgeber des Katalogbuches ‚Trotz Natur und Augenschein. Eucharistie – Wandlung und Weltsicht‘ im Greven Verlag. Außerdem schreibt Schröer Kinderbücher für den Carlsen Verlag in der Reihe Pixi. Kontakt: johannes.schroeer@domradio.de

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