Morgenandacht, 12.03.2021

von Martin Wolf, Mainz

Gesundheit für alle

„Hauptsache gesund.“

Immer wieder mal habe ich diesen Satz gehört, wenn ich als junger Seelsorger in meinen ersten Berufsjahren alte Menschen an ihrem Geburtstag besucht habe. Eine typische Antwort auf die Frage:

„Wie geht es Ihnen?“

war dann:

„Ach, Hauptsache gesund.“

Ich habe das nie kommentiert. Denn wer will das schließlich nicht: Gesund sein, körperlich und seelisch fit, möglichst bis ins hohe Alter. Dennoch gibt es ja auch chronisch kranke Menschen.

Gesund im herkömmlichen Sinne sind sie nicht, waren sie vielleicht nie. Und trotzdem wollen die meisten von ihnen kein Mitleid. Viele wollen leben und das Leben genießen. Allen Einschränkungen zum Trotz. „Gesund sein“, so habe ich damals oft gedacht, das ist durchaus relativ. Ein wunderbares Geschenk. Aber auch die Hauptsache im Leben?

Nun kann ich das leicht sagen. Ich bin, soweit ich weiß, halbwegs gesund. Vor allem aber lebe ich in einem Land, in dem für Gesundheit unvorstellbar viel Geld da ist. Wer schwer krank wird kann in Deutschland auf eine Medizin vertrauen, die alles bereithält, was heute technisch möglich ist.

Doch wenn ich in einem modernen deutschen Krankenhaus all die High-Tech-Geräte sehe, dann habe ich auch jene Bilder wieder vor Augen, die ich vor Jahren auf einer Fahrt durchs ländliche Afrika gesehen habe. Im Hinterland Ruandas, weitab der Hauptstadt und nach einer Fahrt über steinige Holperpisten standen wir spätnachmittags vor einem Krankenhaus der katholischen Kirche.

Flache, eingeschossige Bauten drückten sich mitten hinein in eine wilde, faszinierende Landschaft. Der Klinikmanager hat uns durch sein Krankenhaus geführt, hat uns ein schlichtes Krankenzimmer und sogar den primitiven Operationssaal gezeigt. Auch ein älteres deutsches Ultraschallgerät stand da.

Eins von zweien, die es damals in der Klinik gab. In Deutschland hatte man es ausrangiert und diesem Krankenhaus geschenkt. Nur benutzen konnten sie es nicht. Die Anleitung für die Bedienung des Geräts war eben auch in Deutsch, einer Sprache, die keiner dort verstand. 

„Hauptsache gesund“,

das Wort bekommt in solch einer Umgebung einen völlig anderen Klang. Denn unter diesen Umständen bedeutet es eben auch:

„Hoffentlich werde ich nicht schwer krank, baue keinen Unfall und brauche keine intensive medizinische Betreuung. Denn dann habe ich ein echtes Problem.“

Gesundsein und -werden ist tatsächlich relativ. Vor allem in weltweiter Perspektive. Ein Privileg für Wohlhabende, immer noch. Kerngesund zu sein ist kein Recht, auf das ich pochen kann.

Auf eine optimale medizinische Versorgung, wenn ich krank werde, allerdings schon. Und die sollte dann nicht davon abhängen, ob jemand Geld hat oder nicht. Die Realität sieht vielfach leider anders aus.

So waren es oft christliche Missionare, die eine moderne medizinische Versorgung auch zu den Armen gebracht haben. Zu denen, die kein Geld hatten. Der Arzt, Philosoph und Musiker Albert Schweitzer ist vielleicht der bekannteste von ihnen.

Der heute zwiespältige Begriff Mission hat sich inzwischen stark gewandelt. Zumindest in katholischen Missionseinrichtungen steht schon lange nicht mehr die Bekehrung zum Christentum im Vordergrund, sondern praktische Hilfe für die Ärmsten. Konkret gelebte Liebe zum Nächsten.

Auch im medizinischen Bereich. Unterstützung dafür kommt seit fast 100 Jahren vom Missionsärztlichen Institut in Würzburg, einer in Deutschland einmaligen Einrichtung. Gegründet von katholischen Missionaren, um den Krankenstationen und Gesundheitszentren in sogenannten Entwicklungsländern qualifiziertes medizinisches Knowhow zur Verfügung stellen zu können. Das machen sie dort bis heute.

Gesundsein und -werden hängt leider davon ab, wo ich geboren werde und wo ich lebe. Ob ich Geld habe oder nicht. Christinnen und Christen allerdings können und dürfen sich damit nicht abfinden.


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Dieser Beitrag wurde am 12.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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