Morgenandacht, 13.03.2021

von Martin Wolf, Mainz

Halbzeit

Halbzeit. Bei einem Fußballspiel würden die Akteure jetzt in die Kabinen gehen und sich ausruhen. Würden versuchen, neue Konzentration und Kraft für die zweite Etappe zu tanken.

Halbzeit haben jetzt aber auch alle Christinnen und Christen, die sich bewusst auf den Weg durch die Vorösterliche Bußzeit gemacht haben. So bezeichnet die Kirche diese sieben Wochen zwischen dem Aschermittwoch und Ostern. Besser bekannt als die „Fastenzeit“.

Sieben Wochen, die mir in Kindertagen oft genug ein Graus waren. Eine Zeit, in der wir keine Süßigkeiten essen durften und in der seltener als damals üblich Fleisch auf den Mittagstisch kam.

Doch warum das so sein musste, das habe ich als Kind nie so recht verstanden. Fastenzeit eben! Die meisten Bekannten im katholisch geprägten Westfalen, wo wir lebten, hielten sich schließlich auch daran. Bewusstes Fasten ist eine uralte Praxis.

Sie findet sich schon in den Büchern des Alten Testaments, der heiligen Schrift von Juden und Christen, und auch Jesus hat gefastet. Immer wieder. Das Fasten, so scheint es, ist eine Art spirituelles Vermächtnis der Menschheit.

Heute kommt Fasten viel öfter ohne religiöse Begleitmusik daher. Menschen fasten, um abzunehmen. Um Körper und Geist etwas Gutes zu tun. Fasten als eine Art Wellnesskur, die sich vom christlichen Hintergrund völlig gelöst hat.

Dabei ist der Wellnessgedanke auch da nicht so weit weg. Denn beim religiösen Fasten soll ja durch den bewussten Verzicht der Blick geschärft werden. Sollen die Sinne durch eine Brechung im gewohnten Alltag auf das Wesentliche konzentriert werden. Auf die Art, wie ich lebe, worauf ich hoffe. Und darauf, was das Osterfest, die Feier der Auferstehung Jesu, für mich bedeuten könnte. 

Der kommende Sonntag, in der Mitte der christlichen Fastenzeit gelegen, trägt seit alters her den Namen Laetare. Auf Deutsch: Freu dich. In vergangenen Zeiten, in denen Fasten durchaus nicht nur als Einladung, sondern als strikte Christenpflicht galt, war der Name dieses Sonntags gewissermaßen Programm.

Denn nun war Halbzeit! Zeit zum Durchatmen, zum Kraft-tanken für die restlichen Fastenwochen. Die kirchliche Pflicht zu Verzichten war für diesen einen Tag gelockert. So war der Tag eine Einladung, schon mal eine erste Vorfreude auf Ostern zu kosten, um die verbleibenden drei Wochen auch noch durchhalten zu können. Laetare! Freu dich schon jetzt auf das große Fest am Ende der Fastenzeit!

Doch diese Fastenzeit 2021 ist für mich so ganz anders als alle, die ich bisher erlebt habe. Denn gefühlt leben wir nun schon seit einem Jahr, spätestens aber seit Mitte Dezember in einer Fastenzeit.

Eine, die wir nicht freiwillig begonnen haben. Die uns aufgezwungen ist durch einen Virus. Eine Fastenzeit zudem, deren endgültiges Ende noch nicht absehbar ist. Wann ein großes, ausgelassenes Fest wieder möglich sein wird, auch das ist gerade völlig ungewiss.

Und es ist wirklich eine Fastenzeit. Da sind die Einschränkungen im Leben. Die Konzentration auf mich selbst, weil ich nur noch wenige Menschen treffe. Die viele Zeit zum Nachdenken. Und nicht zuletzt die ständige Erinnerung an den Tod. Jeden Tag aufs Neue in den Zahlen zur Corona-Lage.

Natürlich werde ich in drei Wochen Ostern feiern. Und doch wird es ganz anders sein. Denn diese scheinbar nicht enden wollende Fastenzeit wird noch nicht vorbei sein. Dass es im Spätsommer oder im Herbst soweit sein könnte – die Hoffnung erscheint immerhin nicht mehr abwegig.

Aber wenn es soweit ist, dann werde ich mit den Menschen, die mir am Herzen liegen und deren Nähe ich so lange vermisst habe, eine Art zweites Ostern feiern. Das Leben werden wir dann feiern.

Ohne jene zu vergessen, die es verloren haben in dieser endlos langen Durststrecke. Einer Durststrecke, die vielleicht jetzt auch endlich Halbzeit hat, an diesem Sonntag Laetare. Freu dich, wenigstens ein bisschen.


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Dieser Beitrag wurde am 13.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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