Morgenandacht, 11.03.2021

von Martin Wolf, Mainz

Egal!

„Ist doch egal!“

Manchmal, in einem Gespräch, sage ich das schon mal so dahin, obwohl ich den Satz eigentlich nicht besonders mag. Denn egal ist genau genommen ja nichts. Was auch immer ich tue oder unterlasse, es macht in jedem Fall einen Unterschied. Wenn schon nicht für andere, dann doch für mich.

Der Schriftsteller Axel Hacke hat dem „Egal“ in einem seiner Bücher einmal einen ganzen Abschnitt gewidmet:

„Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“,

so heißt das Buch vielsagend. Hacke erzählt darin, wie er Gott begegnet ist, auf der Straße vor seinem Haus. Und dieser Gott präsentiert sich als alter, müde gewordener Mann in einem langen Mantel.

Erschöpft, ja bisweilen gelangweilt von all dem, was er geschaffen hat und was sich dann oft so anders entwickelt als geplant. Ein fast schon bemitleidenswerter, mitunter schwermütiger Gott ist das. Eines Tages schließlich führt Gott den Ich-Erzähler zum „großen Egal“.

„Wir sind hier im Zentrum der Welt“, sagt Gott. „Der Kern der Welt ist die Gleichgültigkeit. Egal was du tust, egal was irgendjemand tut, … die Welt dreht sich weiter.“ (58)

Zugegeben, das sind Sätze, die nicht nur Hackes Ich-Erzähler im Buch in Rage bringen, sondern mich auch. Was auch immer du tust, es ist egal, die Welt dreht sich einfach weiter?

Im Blick auf die kosmische Geschichte dieser Erde mag das schon stimmen. Denn ob ein Weltkrieg nun 70 Millionen Menschen wegrafft, eine globale Pandemie 50 Millionen – in der Geschichte der Erde ist das nicht mal ein Wimpernschlag. Sie dreht sich unbeirrt weiter.

Ob wir Menschen uns eines Tages selber ausrotten, durch einen Nuklearkrieg, die Klimakatastrophe oder was auch immer. Ja, ob Sie oder ich je gelebt und Spuren hinterlassen haben – den Planeten Erde wird es kaum tangieren. Er wird sich wohl noch ein paar Milliarden Jahre so weiterdrehen. Die Geschichte zieht scheinbar ungerührt darüber hinweg.

Doch das einfach zu akzeptieren, wäre eine Bankrotterklärung. Das Eingeständnis, dass am Ende nicht nur jedes Tun oder Lassen sinnlos ist sondern jedes Leben, jede Liebe, jeder Tod. Die Trauer um meinen verstorbenen Vater. Egal?! Alle Liebe und Mühe, die ich meinen Kindern geschenkt habe. Egal?! Jeder Einsatz für Arme und Schwache. Egal?!

Der Theologe Johann Baptist Metz, einer meiner Lehrer an der Universität, hat uns in seinen Vorlesungen dagegen immer wieder die Hoffnung des christlichen Glaubens eingeschärft. Dass es darin eine Verantwortung und eine Gerechtigkeit vor Gott gebe, über den Tod hinaus. Und wie wichtig es darum für Christen sei, unsere Zeit nicht einfach als ein endloses Kontinuum anzusehen.

Die jüdischen und christlichen Verfasser der Bibel haben diese Gedanken schon Jahrtausende zuvor gedacht und in eindrücklichen Bildern beschrieben. Wenn sie vom Ende der Zeit sprechen, die allein in Gottes Hand liegt, und immer wieder auch vom menschlichen Bild eines Gerichts. Unzählige Künstler haben sie damit inspiriert. Unübertroffen vielleicht Michelangelo mit seinem Fresko vom „Jüngsten Gericht“ an der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom.

Sein Fresko ist eine einzige Auflehnung gegen dieses „Egal“. Nichts was du tust wird am Ende egal sein, sagt dieses gewaltige Bild. Das Schlechte so wenig wie all das Gute, alle Liebe und alle Selbstlosigkeit, die du Anderen geschenkt hast.

Der alte Gott im langen Mantel in Hackes Geschichte deutet das zumindest an, wenn er sagt:

„Verstehe, was das große Egal auch tut: Es gibt dir Freiheit. … Jeder von euch ist nur ein Moment des Lebens, ein kleiner oder großer, jeder hat nur diesen Moment, also schnapp ihn dir! Nimm es nicht einfach hin, das Leben, … überlass es nicht anderen, tu damit was du kannst und was du willst.“ (66)

Es liegt also auch an mir. Was immer ich tue oder unterlasse, es ist niemals egal.

Alle Zitate aus: Axel Hacke, Die Tage, die ich mit Gott verbrachte, Kunstmann: München 2016


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Dieser Beitrag wurde am 11.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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