Morgenandacht, 10.03.2021

von Martin Wolf, Mainz

Es geht – anders

„Das haben wir schon immer so gemacht!“

Ein Satz wie ein Bollwerk. Ich kenne ihn aus etlichen Sitzungen kirchlicher Gemeindegremien, aber weiß Gott nicht nur von dort. Im schlimmsten Fall scheitert an ihm jede Initiative, jeder zaghafte Aufbruch, jede unkonventionelle Idee. Er lähmt, demotiviert, raubt schlagartig den Mut zur Veränderung.

Und es gibt noch einen zweiten, verwandten Satz, den ich auch nur zu gut kenne und der nicht minder lähmend ist:

„Das bringt doch sowieso nichts.“

Beide zusammen markieren nicht selten das Ende so manchen Engagements.

„Es geht! Anders!“,

hält das katholische Hilfswerk Misereor im Motto seiner diesjährigen Spendenkampagne dagegen. Ein tolles Motto, das mich sofort angesprochen hat. Es geht! Anders!

Ein kleiner Satz voller Leben und Bewegung. Es geht, vielleicht mit anderen Formen, neuen Wegen und vielleicht auch neuen Mitstreitern. Statt des lähmenden „Das bringt doch eh nichts“ also die Ansage: „Es geht!“, wenn du willst.

Doch bevor ich hier allzu sehr in Begeisterung ausbreche muss ich mir leider auch eingestehen, dass es ja nicht nur verknöcherte Gremien sind, die gerne alles so lassen wollen, wie es ist.

Wie oft gehöre ich selbst auch dazu? Wie schwerfällig reagiere ich oft, wenn es um Veränderungen geht? Darum, etwas zu machen, das zwar richtig und sinnvoll, aber unbequem ist und Auswirkungen auf mein Leben hat.

Wenn es also z.B. nicht mehr um die Frage geht, ob ich mir noch in diesem oder doch erst nächstes Jahr das neue Auto zulege, sondern ob ich mich da, wo ich lebe, vielleicht auch anders fortbewegen könnte.

Wenn die Auswahl am Grillabend nicht mehr Würstchen oder Steak heißt, sondern mal weniger Fleisch oder vielleicht sogar ganz vegetarisch.

Solche Veränderungen fallen schwer, auch mir. Vor allem, wenn ich dabei auch an die denke, die indirekt von meiner Entscheidung mit betroffen sind. Der Landwirt zum Beispiel, der von seiner Arbeit leben möchte.

Der Facharbeiter in der Autoindustrie, der um seine Zukunft fürchtet, wenn immer weniger seine Autos kaufen. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass manches anders werden muss. Der menschengemachte Klimawandel, von Corona völlig überlagert, geht ja im Hintergrund unvermindert weiter. Und es sind nach wie vor wir, die Menschen der reichen Industrieländer, die die Hauptverantwortung dafür tragen.

Die Frage treibt mich um, was ich selbst dagegen tun kann. Und dazu gehört dann etwa, ob ich hier, wo ich lebe, wirklich ein eigenes Auto benötige, und wenn ich eins brauche, welchen Antrieb es dann haben soll: Diesel, Hybrid oder doch eher Elektro?

Und auch die Frage nach dem Grillsteak am Samstagabend reicht in Wahrheit ja viel weiter. Ein schönes Steak ist was Wunderbares. Aber billig und in riesigen Mengen funktioniert es auf Dauer eben nicht. Weil unsere Fleischproduktion gigantische Ressourcen verschlingt, bis hin zu den abgeholzten Urwäldern, in denen das Soja für unser Viehfutter entsteht.

Wenn all die Schäden und Folgekosten für Böden, sauberes Wasser und Klima eingepreist wären und der Landwirt noch gut davon leben will, müsste so ein Steak eigentlich dreimal so viel kosten.

Das Hilfswerk Misereor hat das ausgerechnet. Spätestens seit der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus, der den Finger in diese Wunden gelegt hat, kann ich als Katholik nicht mehr sagen, dass mich das nichts angeht. Es geht auch mich an.

Ausgerechnet ein großer Autohersteller hat seine Marke mal mit dem Slogan beworben:

„Umparken im Kopf.“

Ich fand das ziemlich genial. Denn genau darauf kommt es ja letztlich an. Veränderung muss im Kopf beginnen und im Herzen. Und dann kann es klappen - Anders! Aber auch bei mir? Zur Not auch in kleinen Schritten. Und der Satz:

„Das haben wir schon immer so gemacht“,

der gilt dann einfach nicht mehr.


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Dieser Beitrag wurde am 10.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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