Morgenandacht, 09.03.2021

von Martin Wolf, Mainz

Verzeihung

„Oh, Verzeihung!“

Schnell gesagt ist das. Und oft. Da habe ich jemanden angerempelt, weil ich allzu sehr mit meinem Handy beschäftigt war. Da habe ich den Kugelschreiber, den mir meine Kollegin geliehen hatte, versehentlich eingesteckt.

„Oh, Verzeihung!“

Genaugenommen müsste der Satz auch heißen:

„Bitte verzeih mir, ich hab da gerade einen Fehler gemacht.“ -

„Schon gut“,

sage ich manchmal, wenn mich jemand um Verzeihung bittet. Oder

„Nichts passiert“.

Aber auch damit meine ich genau genommen ja:

„Ich weiß, dass du gerade etwas Dummes gemacht hast. Aber ich verzeihe dir.“

Um Verzeihung muss ich also stets bitten und dann darauf hoffen, meine Fehler auch verziehen zu bekommen.

So ist mir ein Satz des letzten Jahres im Gedächtnis geblieben, weil er ungewöhnlich war und so ganz anders als das schnell hingeworfene „Oh, Verzeihung“:

„Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich einander viel verzeihen müssen.“

Gesagt hat das Gesundheitsminister Jens Spahn im Herbst letzten Jahres. Gut möglich, dass er dabei auch seine eigenen Entscheidungen im Umgang mit der Pandemie im Blick hatte.

Aber der Satz reicht dennoch viel weiter, weil er sich ja nicht nur auf Spahns Umgang mit der Seuche beschränkt. Wie oft etwa fälle ich ein abwertendes Urteil über einen Menschen, der in meinen Augen einen Fehler gemacht hat, meistens ohne diesen Menschen und die Hintergründe näher zu kennen.

Wie oft treffe ich aber auch Entscheidungen, kleine und große, die dann Konsequenzen haben für Andere. Ohne das immer mitbedacht zu haben. Hinter dem Satz steht für mich deshalb die Frage, wie wir mit Fehlern umgehen. Mit unseren eigenen, aber auch mit denen der anderen.  

Einen Ausgangspunkt finde ich in der Bibel in jener tiefsinnigen Geschichte der Sünderin, die von den Schriftgelehrten zu Jesus gebracht wird. (vgl. Joh 8,1-11) Als ertappte Ehebrecherin soll sie gesteinigt werden.

So jedenfalls sieht es das Gesetz des Mose vor. Hält Jesus sich nun streng an den Buchstaben des Gesetzes, müsste er der Hinrichtung der Frau zustimmen. Er macht es nicht. Vielmehr gibt er ihnen zur Antwort:

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Die Ankläger werden plötzlich still und die Frau bleibt unversehrt. Die Erkenntnis aus dieser Geschichte mag nicht schön sein, aber sie ist wichtig. Zu akzeptieren, dass keiner fehlerfrei ist.

Dass auch ich Fehler mache, immer wieder. Dass auch ich es nötig habe, andere dafür um Verzeihung zu bitten. Immer und immer wieder. Und es bedeutet: Ich muss hinnehmen, dass auch die anderen um mich herum Fehler machen. Immer wieder. Aus Unachtsamkeit oder Gedankenlosigkeit. Und dass ich grundsätzlich bereit dazu sein sollte, auch ihnen ihre Fehler zu verzeihen.

Nun ist Fehler natürlich nicht gleich Fehler. Eine bekleckerte Hose, weil der Kollegen unachtsam war mit seiner Kaffeetasse ist etwas ganz anderes als der fahrlässige Umgang mit einer Krankheit, bei der es um Leben und Tod geht.

Von furchtbaren Fehlern im Straßenverkehr ganz zu schweigen. Weil ich mit dem Handy beschäftigt war, statt mit der Straße vor mir. Und manche Fehler, die brauchen vielleicht sogar ein ganzes Leben, bis Verzeihung überhaupt möglich ist. Für einige reicht selbst das nicht.

Es war derselbe Jesus, der bei anderer Gelegenheit gesagt hat, nicht nur sieben Mal sondern siebzig mal sieben Mal müsse man dem Nächsten verzeihen. Mit anderen Worten: unbegrenzt, immer wieder.

Ein hehres, in manchen Fällen wohl auch übermenschliches Ziel. Doch einfordern lässt es sich trotzdem nicht, auch nicht von gläubigen Menschen. Verzeihung kann immer nur ein Geschenk sein. Aber wo immer sie möglich ist, da ist sie vielleicht der beste Weg, um in einer Welt, die viele Fehler hat, in Frieden miteinander leben zu können.


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Dieser Beitrag wurde am 09.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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