Morgenandacht, 08.03.2021

von Martin Wolf, Mainz

Woche der Brüderlichkeit

Gestern ist in Stuttgart die „Woche der Brüderlichkeit“ eröffnet worden, die den Dialog zwischen Christen und Juden besonders ins Blickfeld rückt. Vielleicht würde man die Veranstaltung heute eher die „Woche der Geschwisterlichkeit“ nennen, doch unter dem alten Titel gibt es sie schon seit 1952 und seitdem jedes Jahr.

Weil es damals, nach all dem Furchtbaren, das auch zwischen Christen und Juden geschehen war, Menschen gab, für die Sprachlosigkeit keine Option war. Menschen, denen das, was Christen und Juden verbindet, wichtiger war als das, was sie trennt.

Denn Christen und Juden sind Geschwister. Die Juden die älteren, die Christen die jüngeren Geschwister im Glauben an den einen und selben Gott.

Doch das Gespräch war nach der Shoah schwierig geworden. Eine kleine Szene aus meinem Studium hat mir das sehr bewusst gemacht.

„Wer von Ihnen ist schon mal bewusst einem Juden begegnet?“

Mehr als dreißig Jahre liegt diese seltsam anmutende Frage nun zurück. Gestellt hat sie uns, den jungen Theologiestudierenden, ein Professor an unserer Universität. Es war in einem theologischen Seminar über das Judentum und was es für uns, die angehenden christlichen Theologinnen und Theologen bedeutet.

Unsere Antwort auf seine Frage damals war vielsagend: Betretenes Schweigen und Kopfschütteln, auch bei mir. Nein, Kontakt zu einem Menschen jüdischen Glaubens hatte ich, damals Mitte 20, noch nie.

Weder eine Synagoge hatte ich bis dahin besucht, noch einen Juden oder eine Jüdin persönlich kennen gelernt. Jedenfalls nicht wissentlich.

Und so wie mir ging es fast allen, die mit mir in diesem Seminar saßen. Ich weiß noch heute, dass ich es als ein bedrückendes, ja beschämendes Schweigen empfunden habe, auch wenn das Ergebnis nicht wirklich überrascht. Schließlich zählten alle jüdischen Gemeinden in Deutschland Mitte der 80er Jahre gerade noch 30.000 Mitglieder.

Das hat sich inzwischen wieder verbessert, Gott sei Dank. Durch die Zuwanderung von Jüdinnen und Juden vor allem aus Osteuropa sind es inzwischen wieder rund dreimal so viele. Ganz unbeschwert leben allerdings können sie auch heute nicht. Wieder werden sie bedroht von antisemitischen Hohlköpfen, die nichts vom Judentum wissen und keinen Juden persönlich kennen, aber trotzdem alle hassen, weil sie Juden sind.

Wahr ist aber leider auch, dass Christinnen und Christen daran nicht unschuldig waren. Als „Christusmörder“ sind unsere jüdischen Geschwister lange pauschal verunglimpft worden.

Der jüdische Religionswissenschaftler Shalom Ben Chorin hat einmal erzählt, wie sehr ihn in seiner Kindheit im München der 1920er Jahre die bohrenden Fragen der Nachbarskinder bedrückt haben, wenn sie von ihm wissen wollten:

„Warum habt IHR den Heiland gekreuzigt?“

IHR, „ihr Juden“ also. Und vielleicht hat kaum ein Satz der christlichen Bibel über Jahrhunderte so furchtbare Folgen gehabt wie jener, den der Evangelist Matthäus in einer biblischen Szene dem „ganzen jüdischen Volk“ in den Mund legt:

„Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“,

brüllt da ein entfesselter jüdischer Mob, nachdem Jesus gefangen genommen war (Mt 27,25). So jedenfalls habe ich mir diese Szene lange vorgestellt, wie auch Generationen frommer Christen vor mir.

Der Bibelwissenschaftler Willibald Bösen schreibt dazu:

„Das ... Wort … hat sich in den Herzen Vieler, Gläubiger wie Ungläubiger, verankert und schlummert dort als Argument gegen Juden und jüdisches Leid.“[1]

Erst die moderne Bibelwissenschaft hat deutlich gemacht, dass sich diese Szene so wohl nie abgespielt hat. Für all das durch Christen an Juden verübte Leid allerdings war es da längst zu spät.

Und spät, aber nicht zu spät hat auch die katholische Kirche anerkannt, dass Gott den Juden, zu denen er zuerst gesprochen hat, wie es im Gottesdienst des Karfreitags nun heißt, die Treue hält. Und auch, dass Gott einen anderen Weg mit ihnen gehen will als mit den Christen.

Das Gespräch darf nicht mehr abreißen. Nach mehr als zwei Jahrtausenden sollten wir uns einiges zu sagen haben.


[1] W. Bösen, Der letzte Tag des Jesus von Nazareth. Was wirklich geschah, Herder: Freiburg 1994, 241


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Dieser Beitrag wurde am 08.03.2021 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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