Gottesdienst am dritten Fastensonntag

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Nicolai in Lippstadt

Predigt von Dechant Thomas Wulf

Liebe Gemeinde, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Meist schildern die Evangelien Jesus als einen sanftmütigen, besonnenen Menschen, der noch in den schwierigsten Situationen die Ruhe bewahrt und der nicht so schnell aus der Fassung zu bringen ist.

Heute dagegen erleben wir einen ganz anderen Jesus, der aus der Haut fährt, wie man sagt, der die Contenance verliert, ausflippt und sogar handgreiflich wird - ein zorniger Jesus.

Diese Szene scheint zu beeindrucken, denn sie kommt in der Darstellung biblischer Geschichten weit häufiger vor als manche friedliche Situation seines Wirkens.

Was aber ist es, das ihn so sehr bewegt? Jetzt könnten wir sagen, dass sind die Dinge, die uns auch schon einmal aufregen: das weltweite Geschäftemachen mit der Religion, der übertriebene Handel mit Andachtsgegenständen an manchen Wallfahrtsorten und überhaupt der Missbrauch von heiligen Zeichen. Doch darin allein erschöpft sich keineswegs die Botschaft des heutigen Evangeliums.

Jesus hat den Tempelkult nicht grundsätzlich abgelehnt. Er achtete den Tempel als Ort der Anbetung und besonderen Gegenwart Gottes. Immer wieder geht er dorthin, um zu beten. Aber weil das für ihn kein oberflächliches Ritual ist, sondern die Hinwendung zu Gott, den er seinen Vater nennt, wendet er sich gegen den Missbrauch des Tempels für die Geschäftemacherei:

„Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle“

(Joh 2,16)

- zu einer „Räuberhöhle“, heißt es sogar in den ersten drei Evangelien.

Damit liegt Jesus noch ganz und gar auf einer Linie mit der Kritik der alttestamentlichen Propheten, die immer wieder Missstände und Missverständnisse der öffentlichen Gottesverehrung angeprangert haben.

Aber das vierte Evangelium geht noch darüber hinaus und setzt einen ganz eigenen Akzent. Jesus erklärt sich selbst zum Ort der besonderen Gegenwart Gottes:

„Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten ... Er aber meinte den Tempel seines Leibes.“

(Joh 2,19+21)

Seine Gegner ertragen nicht, dass man in ihm Gott begegnet. Dass er, mehr als die Herrlichkeit und Pracht des Jerusalemer Tempels, der Ort der unmittelbaren Nähe Gottes ist. In dieser Zuspitzung liegt die eigentliche Provokation und so bringt der Skandal der Tempelreinigung das Fass zum Überlaufen und seine Feinde fassen den Beschluss, ihn für immer zu beseitigen.

Die Szene kann auch unser Denken in Frage stellen. Wenn der gekreuzigte und auferstandene Herr selbst der heilige Ort ist, dann ist weder der Petersdom in Rom, noch das Heilige Grab in Jerusalem noch irgendeine andere Wallfahrtsstätte von vornherein höherwertig als andere Orte.

Sicher, es gibt Plätze, die haben eine besondere geistliche Anziehungskraft und viele Kirchen sind Kraftorte, an denen Menschen die Gegenwart Gottes in besonderer Weise erfahren, aber eben nicht exklusiv, andere Begegnungsorte mit ihm sind nicht ausgeschlossen.

Ich möchte ihnen von zwei solcher Erfahrungen aus meinem Leben erzählen. Als Jugendlicher wurde ich von unserem Vikar zu einem Bibelkreis eingeladen. Als ich bei ihm pünktlich an der Haustür war, sagte er mir, dass einer der Teilnehmer nicht kommen könne, da er gerade seinen Wehrdienst ableiste und an dem Abend in der Kaserne Dienst tun müsse, was aber kein Problem sei, denn wir würden zu ihm in die Kaserne fahren.

So saßen wir in einem nicht wirklich gemütlichen Gemeinschaftsraum mit zahlreich aufgestapelten leeren Bierkästen im Keller der Kaserne und jeder aus der Runde erzählte, wie er in der vergangenen Woche ein Wort aus der Heiligen Schrift in seinem Alltag gelebt hat. Es war für mich eine sehr prägende Erfahrung, die das Wort aus dem Matthäusevangelium lebendig werden ließ:

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

(Mt 18,20)

Viele Jahre später durfte ich an einer Fahrt auf die Philippinen teilnehmen, um das Leben der Christen dort kennenzulernen. An einem Abend waren wir in einer Gemeinde in kleinen christlichen Gemeinschaften zu Gast, die sich in ihren Straßenabschnitten trafen, um gemeinsam in der Bibel zu lesen.

Meine Gastgeber lebten in einem Armenviertel, die Häuser waren über dem Wasser gebaut, einfache Hütten, die für eine Zusammenkunft zu klein waren. So saßen wir auf der Straße, lasen in der Heiligen Schrift und tauschten uns darüber aus, was das Wort Gottes in unseren Herzen anrührt.

Und wieder durfte ich erfahren: Die Begegnung mit ihm ist nicht an den Tempel, nicht an eine Kirche gebunden, die Begegnung mit ihm ist überall möglich.

Auch dies ist kein Automatismus. „In seinem Namen“ zusammen sein heißt, sich in seinem Geist, in seiner Geisteshaltung zu treffen. Und was ist dieser Geist? Schauen wir noch einmal in das Evangelium:

„Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb alle Verkäufer und Geldwechsler aus dem Tempel hinaus.“

(Joh 2,15)

Mit den Geschäften kam der Geist des Handels in den Tempel. Aber mit Gott kann man keine Geschäfte machen nach dem Motto:

„Was muss ich dir geben, damit du mir gibst?“

Die Logik der Krämerseele funktioniert bei ihm nicht, weil Liebe nicht käuflich ist, kein Wechselgeschäft. Wir stehen immer wieder in der Gefahr, dass die alles prägende ökonomische Logik auch in unseren Glauben einsickert. Doch wir können mit Gott nicht handeln, auch wenn die Währung Gebete oder Opfergaben sind, mit denen wir meinen, Wunder erkaufen zu können.

Die Logik Gottes ist die Liebe und das Heilmittel gegen jede Krämerseele ist das Kreuz. Für geschäftsmäßige Menschen ist es nur eine Torheit, wie wir es in der Lesung gehört haben, für uns aber

„Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“

(1 Kor 1,23-24)

Am Kreuz wird die Logik Gottes sichtbar: Jesus hat sein eigenes Leben nicht festgehalten, sondern aus Liebe verschenkt, bis hinein in den Tod. Und es bleibt nicht bei Sterben und Niederreißen

„in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten… er meinte den Tempel seines Leibes.“

(Joh 2,19+21)

Daran dürfen wir glauben, dass Gott auch unser Leben bewahrt, immer wieder neu aufrichtet und auferweckt und wir daraus die Kraft schöpfen, auf seine Liebe mit Vertrauen zu antworten – und sei es auch nur der immer neue Versuch – doch dann ist er da!

Amen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 07.03.2021 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche