Am Sonntagmorgen, 28.02.2021

von Fra’ Georg Lengerke SMOM, München

Manchmal muss man durch die Decke gehen. Über den christlichen Unterschied in der Nächstenliebe

Ein Mensch muss kein gläubiger Christ sein, um der Liebe Gottes Ausdruck zu verleihen. Das geschieht automatisch, wenn einer Liebe zeigt und etwas Gutes tut. Was ist dann aber das Besondere an der christlichen Liebe?

© Nina Strehl / Unsplash

Das Blaulicht ist nicht blauer als bei anderen Krankenwagen. Auch das Tatütata des Martinshorns wird in keiner anderen Tonlage gespielt. Die Mitarbeiter haben die gleiche fachliche Qualifikation und sind genau so freundlich und hilfsbereit, wie wir das bei anderen Hilfsorganisationen erwarten würden.

Aber hier ist eine kirchliche Organisation im Einsatz. Macht das einen Unterschied? Anders gefragt: Sollten Menschen von Diensten und Einrichtungen der Kirche etwas erwarten können, womit bei anderen Trägern nicht zu rechnen ist? Und wenn ja, was wäre das?

Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Ich bin Priester und Malteser und gehöre damit auch zu einem kirchlichen Hilfswerk. Wir Malteser fragen uns häufig, worin denn der christliche Unterschied in der Nächstenliebe eigentlich besteht. In diesen Gesprächen wird manchmal gesagt:

„Wir Malteser machen die Liebe Gottes erfahrbar.“

Das stimmt. Aber das gilt auch für alle anderen sozialen Einrichtungen. Denn jeder, der Gutes tut, macht die Güte Gottes erfahrbar. Unabhängig von seiner Motivation, seinem Bekenntnis oder seinen Vorbildern.

Worin besteht der christliche Unterschied?

Denn, wenn Gott „das Gute“ oder besser „der Gute“ schlechthin ist, dann kann kein Mensch einem anderen Menschen gut sein ohne Gott. Wo immer ein Mensch einem anderen gut ist, da ist Gott diesem Menschen gut. Denn in der Liebe eines jeden Menschen wird die Liebe Gottes erfahrbar.

Das Erfahrbar-Machen der Liebe Gottes sagt also noch nichts über den christlichen Unterschied aus. Aber worin besteht der Unterschied dann?

Von einem Sanitätseinsatz wird auch im Markusevangelium im Neuen Testament der Bibel erzählt, (Mk 2,1-12). Ohne Blaulicht und Tatütata. Vier Männer beeilen sich, auf einer Trage ihren gelähmten Freund in den Ort Kafarnaum zu bringen.

Sie hatten von Jesus gehört, der dort ist und von dem sie nun Hilfe erwarten. Es herrscht großes Gedränge. Eine Rettungsgasse ist nicht in Sicht. Doch die Not macht die Vier erfinderisch.

„Weil sie ihn wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“

(Mk 2,4-5)

Christen gehen durch die Decke

Die vier Freunde tun das ihnen Mögliche. Vielleicht haben sie vorher schon für den Kranken gesorgt. Sicher ist, dass andere ihnen von Jesus erzählt haben. Von seinem Auftreten, seinen Reden und den Heilungen.

Sicher ist auch, dass sie denen, die ihnen davon erzählten, geglaubt haben, dass der Mann, der in Kafarnaum predigte, ihrem Freund würde helfen können – über ihre eigenen Möglichkeiten hinaus.

Ich stelle mir vor, wie die vier Freunde mit geradezu krimineller Energie auf das Dach steigen, die Schindeln abdecken und die Decke durchstoßen. Sie wollen dem, was sie gehört und woran sie geglaubt haben, auf den Grund gehen.

Darum geht es auch heute noch: dass Christen durch die Decke gehen.

Doch zur Abwechslung mal nicht nach oben durch die Zimmerdecke vor Ärger über Missstände in der Kirche. Sondern diesmal nach unten, durch die Decke, unter der die Begegnung mit dem Gott verborgen ist, der ein Mensch wurde.

Jede Schuld lähmt

Es geht darum, dem Glauben an Jesus Christus auf den Grund zu gehen. Bis dorthin, wo die Begegnung zwischen Gott und dem versehrten, geschundenen oder schuldig gewordenen Menschen sich konkret ereignet.

Was geschieht nun da unten im Erdgeschoss dieses Hauses? Jesus sieht den Glauben der vier Freunde. Und er sieht die Not des Menschen, den sie brachten. Die geht noch tiefer als die Lähmung des Leibes.

Jesus sagt zu ihm:

„Deine Sünden sind dir vergeben.“

Das heißt: Er sieht auch seine Schuld und was ihn sonst noch lähmt. Die Lähmung dieses Mannes ist keine Folge der Schuld. Aber auch jede Schuld lähmt. Jesus tut, was nur Gott tun kann. Er nimmt dem Gelähmten die lähmende Schuld. Und er gibt ihm die Beweglichkeit des Leibes zurück.

„Der Gelähmte stand sofort auf, nahm seine Liege und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle in Staunen; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.“

(Mk 2,12)

Kann ich handeln wie Jesus?

Dieser biblische Sanitätseinsatz sagt uns etwas über den christlichen Unterschied. Denn im Evangelium geht es zuerst darum, dass Menschen einander zu Jesus bringen, damit der tut, was sie aus sich selbst nicht können.

Wo es aber in den Hilfsorganisationen der Kirche heute um Jesus geht, geht es häufig eher darum, dass Menschen so handeln sollen, wie Jesus gehandelt hat.

Aber geht das eigentlich? Mich hat das immer ein wenig frustriert, wenn man mir als Kind oder Jugendlichem Jesus als Vorbild präsentierte. Es überfordert mich. Ich kann Menschen nicht ihre Schuld nehmen.

Ich kann Blinde nicht sehend und Lahme nicht gehend machen. Ich kann nicht Hunderte mit einem Einfamilien-Picknick satt machen und nicht Wasser in Wein verwandeln. Ich kann keinen Menschen aus dem Grab ins Leben rufen.

Und ich sollte besser gar nicht erst versuchen, so zu reden, dass es den Menschen vorkommt, als stünde Gott als Mensch vor ihnen.

Jesus ist nicht Vorbild, sondern der „Christus“

Nun könnte man all das als Mythos und Metapher abtun. Doch was dann von Jesus als Vorbild noch übrigbleibt, ist nur noch ein freundlicher, weiser und etwas provokanter junger Mann, der vor viel zu langer Zeit gelebt hat, um heute noch als Vorbild zu überzeugen. Heutige eignen sich da besser.

Das Evangelium handelt am Anfang nicht davon, dass wir etwas wie Jesus tun sollen. Es erzählt zuerst, dass Jesus etwas für uns Menschen tut: Er spricht und berührt, er lehrt und heilt, er ermahnt und vergibt.

Er nimmt Anteil am Leben der Menschen und gibt Anteil an seinem Leben mit Gott dem Vater. Dieser Mensch nimmt uns, was wir einander nicht nehmen, und gibt uns, was wir einander nicht geben können. Und er hat versprochen, das über seinen Tod hinaus für alle Zeiten zu tun.

Für die, die an ihn glauben, ist Jesus nicht nur ein Vorbild. Für sie ist er der „Christus“, der ganz mit Gott verbundene „Gesalbte“. Sie nennen ihn „Herr“ und „Heiland“, „Freund“ und „Versöhner“, „Retter“ und „Richter“.

Einer also, der den Menschen nicht nur etwas vormacht, damit sie es nachmachen. Sondern einer, der mit uns Menschen etwas anzufangen weiß. Und zwar bis heute.

Diese veränderte Sicht auf Jesus Christus hat auch Folgen für unseren Blick auf unseren Nächsten. Denn auch für ihn ist Gott in Jesus Mensch geworden. Seiner hat Gott sich in Jesus schon angenommen.

Von der Königswürde eines Behinderten

Ich habe oft erlebt, wie Malteser sehr konkret an der Begegnung zwischen Christus und dem Menschen in Not teilnehmen durften. Zum Beispiel in vielen Wallfahrtsorten der Welt, wie in Lourdes.

Auch das Libanonprojekt der Gemeinschaft junger Malteser gehört zu diesen Orten. Fast das ganze Jahr über fahren junge Menschen für mehrere Wochen oder Monate in den Libanon, um dort in den Bergen mit geistig und körperlich schwerstbehinderten Menschen aus libanesischen Heimen eine Zeit der Freundschaft und des Daseins füreinander zu verbringen.

Zu denen gehört die Theologiestudentin Lena Beuth. Sie hat über ihre Zeit dort ein Lied geschrieben. Es trägt den Titel: The Truth – Die Wahrheit. Fast ist es ein Liebeslied.

Es spricht zu einem Freund, für den die Sängerin sorgen darf; zu einem, dessen scheinbar unansehnliches Gesicht ein Licht ausstrahlt, das Eis schmelzen lässt, wie sie es beschreibt.

Das Lied handelt von einem Freund, dessen Königswürde Lena Beuth vor der Welt sichtbar machen will und der sie daran erinnert, dass diese Königswürde uns Menschen gemeinsam ist.

„Mein Freund bist Du
Unsere Seelen singen dasselbe Lied
Wie könnte ich Dein Königtum
Nicht zum Vorschein kommen lassen
Damit die Welt die Wahrheit sieht
Wie Du gedacht bist.“

Wie kommt eine junge Frau dazu, von der Königswürde eines schwer geistig und körperlich behinderten Menschen zu singen?

Jesus gibt uns die Königswürde zurück

In der Bibel ist der ideale König einer, der ganz frei ist, weil er nur Gott über sich hat, und der ganz mit Gott für die Seinen sorgt. In Jesus erkannten die ersten Christen einen solchen König.

Und der war in die Welt gekommen, um den Menschen Anteil an seinem Königtum und so ihre eigene Königswürde wiederzugeben.

Auch dieser König, Jesus, geht durch die Decke. Er bricht durch die Decke nach unten in die Niederungen des Mensch-Seins ein: in das verborgene Leid und die verleugnete Schuld der Welt und alle ihre Folgen.

Dieser König macht sich die Abgründe menschlichen Leids zu eigen. Er lässt sich als Geschändeter und zu Tode Gefolterter am Kreuz unter die Verfluchten der Geschichte rechnen.

Und dort offenbart dieser König durch seine durchgehaltene Liebe jenen Gott, von dem alle Würde kommt.

Christen sind nicht nur Nachmacher

In seiner Menschwerdung sagt das Zweite Vatikanische Konzil, verbindet sich Jesus Christus, der Sohn Gottes, mit allen Menschen. Auch und gerade mit den Verstoßenen und Elenden, den Armen und Kranken und selbst mit den schwer schuldig Gewordenen der Welt, mit denen wir eigentlich lieber nichts zu tun haben wollen.

Damit ist mein Nächster nicht mehr nur „ein Mensch in meiner Nähe“. Er ist die Schwester oder der Bruder, für den Jesus gestorben ist, damit ich seine Königswürde erkenne und zum Vorschein bringe.

Wenn mein Nächster der von Gott gewürdigte und mit Christus verbundene Mensch ist, dann hat das auch Folgen für mein Selbstverständnis als Christ, der für andere Menschen da sein will.

Wenn Jesus nicht nur Vormacher ist, dann sind wir Christen auch nicht nur Nachmacher.

Zu einer gängigen Nachmacher-Geschichte ist das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter geworden.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter

Als Jesus einmal über die Gottesliebe und die Nächstenliebe spricht, fragt ihn ein Schriftgelehrter:

„Wer ist denn mein Nächster?“

Darauf erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-37). Der nimmt sich eines Menschen an, der von Räubern überfallen und verletzt wurde, verbindet seine Wunden und bringt ihn in Sicherheit.

Am Ende der Erzählung fragt Jesus den Schriftgelehrten zurück: „Wer hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der unter die Räuber gefallen ist?“ Und der Gefragte antwortet zutreffend:

„Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat.“

Kaum einer bemerkt die Veränderung in der Frage: Der Schriftgelehrte fragt zuerst noch, wer sein eigener Nächster sei. Doch die Antwort ist: Der Nächste des unter die Räuber Gefallenen ist der Samariter, also der, der barmherzig an ihm gehandelt hat.

Wie auch wir zu Samaritern werden

Jesus sagt nicht zuerst: Sei du wie der Samariter! Sondern: Du hast einen Samariter! Erst dann wird ihm gesagt:

„Dann geh und handle du genauso!“

Wir Menschen, so sagt uns das Gleichnis, ähneln zuerst nicht dem Samariter, sondern dem unter die Räuber Gefallenen.

In alten Buchmalereien beugt sich Christus als der Samariter über den Verletzten. Und der heilige Andreas von Kreta schreibt Anfang des 8. Jahrhunderts:

„So wie jener, der auf dem Weg nach Jericho unter die Räuber fiel, bin ich unter die Schläge meiner Gedanken gefallen. Durch sie wurde ich misshandelt. Voller Wunden bin ich. Du aber, Christus, mein Erlöser, komm und rette mich. (…) Bleibe Du stehen und hab Erbarmen mit mir.“

Weil Christus an unserer Not nicht vorübergeht, sondern für uns zum barmherzigen Samariter geworden ist, können wir barmherzige Samariter für andere sein.

Liebe von Geliebten

Der christliche Unterschied in der Liebe besteht nicht etwa darin, dass die Christen die besseren Retter oder Helfer, Pfleger oder Eltern oder Liebhaber wären.

Der Unterschied soll darin bestehen, dass sie erkennen, glauben und annehmen, dass sie von Gott geliebt sind. Was sie dann schenken, ist Liebe von Geliebten, Hilfe von Geholfenen, Rettung von Geretteten.

So verstanden sind christliche Retter dann immer Rettungsassistenten des Weltenretters und christliche Hilfe kommt von Helfershelfern des Weltenhelfers.

Genau genommen ist sie niemals „Erste Hilfe“, weil Gott sich des Menschen schon vor uns angenommen hat. Und sie ist auch niemals „Letzte Hilfe“, weil Gott in Christus auch noch die Wege mit uns Menschen geht, die wir miteinander nicht gehen können.

Helfen, dass wir zu Jesus kommen

Der christliche Unterschied zeigt sich dort, wo Menschen die Liebe Gottes erahnen. Die wird in der Nächstenliebe eines jeden Menschen erfahrbar – und geht doch über sie hinaus.

Der Unterschied zeigt sich, wo Menschen glauben können, dass Gott schon vor Blaulicht und Tatütata bei ihnen war und auch noch dann mit ihnen geht, wenn alle menschliche Hilfe versagt und zurückbleiben muss.

Ich habe eine Tante. Die erzählte mir einmal, bei jeder Beerdigung müsse sie an die Geschichte der Heilung des Gelähmten denken. Immer wenn die Herren vom Beerdigungsinstitut den Sarg an dicken Seilen in die Grube lassen, käme sie sich vor, als stünde sie mit den vier Freunden oben auf dem Dach.

Seitdem denke auch ich bei jeder Beerdigung an das Loch in der Decke und daran, dass der christliche Unterschied darin besteht, dass wir einander helfen sollen, zu Jesus zu kommen.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Jan Garbarek – As Seen from Above

Lena Christin Beuth – The Truth (A Song for Chabrouh)

Till Brönner & Dieter Ilg – Ach, bleib mit deiner Gnade


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 28.02.2021 gesendet.


Über den Autor Fra' Georg Lengerke

Fra' Georg Lengerke, Jahrgang 1968, ist Geistlicher Leiter der Kommende junger Malteser in München. Nach Bundeswehr und Erstem Juristischem Staatsexamen entschied er sich, Professpriester des Malteserordens zu werden, studierte Theologie in Frankfurt und Innsbruck und wurde 2000 in Mainz zum Priester geweiht. Nach Kaplanszeit und Promotion zum Dr. theol. mit einer Arbeit über die Gegenwart Christi im Armen war er bis 2016 Leiter des Geistlichen Zentrums der Malteser in Ehreshoven bei Köln. Fra' Georg betreibt den Podcast und Blog www.betdenkzettel.de. Kontakt: mail@betdenkzettel.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche