Morgenandacht, 23.02.2021

von Pfarrer Timo Gothe, Weimar

Hinter der Fassade von Haus Hoffnung

Menschen in prekären Wohnsituationen stranden in Weimar manchmal für ein paar Wochen, manche für ein paar Jahre im „Haus Hoffnung“.

Das Haus, ein alter DDR-Wohnblock, heißt so, weil es für manche der letzte Anker vor der Obdachlosigkeit ist und für andere der erste Anker aus dieser heraus. Neben den einzelnen kleinen Wohnungen ist die Kontaktstube das Herz des Hauses.

Hier trifft man wen zum Kaffee, zum Rauchen, zum Trinken. Hier wird auch mal gezetert oder werden auch Behördengänge geplant.

Über die Jahre sind für mich in der Zusammenarbeit mit der Caritas Kontakte zu den Bewohnern entstanden. Man erkennt sich auch in der Stadt.

Wenn Sven mal wieder Kohle braucht, und die braucht er oft, dann kommt er im Pfarrhaus vorbei und bietet sich an, im Pfarrgarten das Laub zu rechen oder, wie kürzlich, den Schnee vom Hof zu fegen.

An der Hausfassade hat man vor Jahren in riesigen Buchstaben ein Zitat von Vaclav Havel angebracht:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“.

Das ist Havels späte Antwort auf Albert Camus. Dieser hatte im „Mythos vom Sisyphos“ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg den Menschen beschrieben als permanent sinnsuchend in einer sinnleeren Welt.

Gott ist für Camus tot, er stiftet auch keinen Sinn mehr. Absurd seien von daher alle unsere Bemühungen und Geschäftigkeiten um einen tieferen Sinn.

Vaclav Havel hat dem mit Blick auf seine persönlichen Lebenserfahrungen widersprochen. Als ihm in jungen Jahren in der Tschechoslowakei die weitere Schulbildung zunächst verwehrt wurde, fing er als Bühnentechniker und Beleuchter am Theater an und schrieb im Verborgenen Theaterstücke.

Weil seine Stücke nach dem Ende des „Prager Frühlings“ nicht mehr gespielt werden durften, ließ Havel sie im Ausland uraufführen. Ende der 1970er Jahre saß er mehrfach für längere Zeit im Gefängnis, damals hielt er sich geistig durch einen bewegenden Briefwechsel mit seiner Frau Olga über Wasser.

Als ihm 1989 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt wurde, konnte er ihn nicht persönlich entgegennehmen, weil er wieder einmal vorher verhaftet worden war. Als die Revolution dann die Verhältnisse grundlegend änderte, wurde der Dichter zum Präsidenten gewählt.

Man sieht: Das Leben Vaclav Havels hielt wahrlich genug Wechselfälle bereit, die ihn hätten verbittert oder zynisch werden lassen können. Doch er ist dieser Versuchung nie erlegen.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“.

In meiner Arbeit treffe ich im „Haus Hoffnung“ auf Menschen, bei denen im Leben nicht alles gut ausgegangen ist. Und manche von Ihnen sind aufgrund von Alkohol und Drogenproblemen viel zu früh verstorben.

Trauerfeiern für die Bewohner halten wir dann in der Kontaktstube – der Gang auf den Friedhof ist für viele eine zu hohe Hemmschwelle.

Eine schlichte Liturgie, ein Foto, das an die Ahnenwand als Erinnerung kommt, jeder der Anwesenden erzählt aus guten Erlebnissen und Geschichten mit dem Verstorbenen.

Ein Lieblingslied wird eingespielt von CD. Und in der dichten Atmosphäre denke ich:

„Jedes Leben hat seinen Sinn, egal wie es ausgeht.“


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Dieser Beitrag wurde am 23.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Timo Gothe

Geboren 1974, abgeschlossene Ausbildung zum Werkzeugmacher. Nach Studium in Erfurt und Tübingen 2003 zum Priester geweiht. Nach sechs Jahren als Diözesanjugendseelsorger in Erfurt seit 2015 Pfarrer in Weimar. Kontakt: pfarrer.gothe@herzjesu-weimar.de


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