Morgenandacht, 22.02.2021

von Pfarrer Timo Gothe, Weimar

Füße auf weitem Raum

Seit Aschermittwoch befinden wir uns in der Fastenzeit. In vielen Kirchen, auch bei uns in Herz Jesu in Weimar, wird dann ein großes Hungertuch im Altarraum aufgehängt.

Das ist ein großes oft besonders gestaltetes Tuch, das eine mittelalterliche Tradition wiederbelebt. Dabei geht es um ein Fasten der Augen, vertraute Sehgewohnheiten werden durchbrochen. Der dahinterliegende Flügelaltar oder ein Kreuz werden für Wochen den Blicken der Kirchenbesucher entzogen.

Das katholische Hilfswerk Misereor lässt seit 45 Jahren alle zwei Jahre ein neues Fastenhungertuch gestalten. In diesem Jahr stammt es von der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez und trägt den Titel:

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“.

Als Basis dient ein Röntgenbild, das den gebrochenen Fuß eines Menschen zeigt, der in Santiago de Chile bei Demonstrationen gegen soziale Ungleichheit verletzt worden ist. Die Künstlerin zeichnet mit Kohle kraftvolle Linien, die die Umrisse eines verwundeten Fußes ergeben.

Mit dem Bezug zu Chile wird das Hungertuch so zur Anklage. Es macht darauf aufmerksam, dass noch immer in unserer Welt Demonstrationen mit Gewalt niedergeschlagen werden und dass dort, wo derlei geschieht, nicht nur Füße, sondern Gesellschaften zu Bruch gehen.

Doch ich erkenne in diesem Tuch auch noch etwas anderes: Auf fast stille Weise weist das Hungertuch dem Betrachter den Weg von der Anklage zur Heilung.

Man sieht es nicht, man muss es wissen: Der Stoff der Leinwand stammt aus einem Krankenhaus und aus dem Kloster Beuerberg nahe München. Heilung, so die Aussage, hat eine körperliche Dimension – aber eben immer auch eine seelische.

Das Kunstwerk, in das feine Fäden aus Gold sowie Blumensymbole eingearbeitet wurden, wird in den kommenden Wochen der Fastenzeit zu einem vielschichtigen Symbol und es lohnt, sich damit auseinanderzusetzen.

Sicher: Ein gebrochener Fuß ist noch lange kein Beinbruch. Die Zeit wird heilen. Doch zunächst sind da Schmerzen bei jedem Schritt und das Gefühl: Es geht nicht mehr, es geht nicht weiter.

Umso größer ist die Sehnsucht: Sich einfach wieder in Bewegung setzen zu können. Einen Fuß vor den anderen. Schritte ins Leben, in den Tag, in die Woche wagen. Schritte zum Nachbarn, zum Kollegen, zum Mitmenschen.

Ich meine: Der gebrochene Fuß ist nicht das schlechteste Symbol in einer Zeit eingeschränkter Mobilität und Gestaltungsmöglichkeiten.

Der Titel des Hungertuches spielt auf Psalm 31 aus dem Alten Testament an und lautet:

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Der Psalm ist vor gut 2500 Jahren entstanden und der, der ihn betet, findet sich in einer Situation wieder, in der ein Mensch droht, sich in einem Netz zu verheddern. Hinter dem Rücken wird getuschelt und selbst die Nachbarn verspotten einen.

Erfahrungen von Angst, Verfolgung, Ermattung, Vergessenwerden. Zeitlose menschliche Erfahrungen sind in dem Psalm verarbeitet. Und zugleich durchziehen diesen Gebetstext Worte und starke Bilder eines festen Vertrauens auf Gott.

Es heißt:

Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus. In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist. Du bist mein Fels, meine Festung.

Ein paar Zeilen weiter dann: In deiner Hand steht meine Zeit und eben: Du hast mich nicht preisgegeben der Hand meines Feindes, du stellst meine Füße auf weiten Raum.

In aller Gebrochenheit und Not – und das machen der Psalm und das daraus entwickelte Hungertuch für mich so faszinierend – bleibt der Glaube ein Anker, dass da ein Gott ist, der uns Menschen Lebensraum eröffnet.

Ein Raum, der vor mir liegt und den ich voll Vertrauen ausmessen kann. Tag für Tag und Schritt für Schritt. Denn Leben ist ein weites Feld.


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Dieser Beitrag wurde am 22.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Timo Gothe

Geboren 1974, abgeschlossene Ausbildung zum Werkzeugmacher. Nach Studium in Erfurt und Tübingen 2003 zum Priester geweiht. Nach sechs Jahren als Diözesanjugendseelsorger in Erfurt seit 2015 Pfarrer in Weimar. Kontakt: pfarrer.gothe@herzjesu-weimar.de


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