Feiertag, 21.02.2021

von Pfarrer Lutz Nehk, Berlin

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ (Mt 4,4) Über den Wert des Wortes Gottes

Interaktion geschieht besonders gut durch Reden. Das gilt auch für unsere Beziehung zu Gott. Das gesprochene Wort ist sogar so wichtig, wie das Brot, das wir täglich brauchen.

© David Eucaristía / Pexxels

Das Kind kann sprechen. Es sagt schon Mamma und Papa. Eine große Freude der stolzen Eltern. Natürlich: Sie haben auch schon vor den ersten Worten mit ihrem Kind Informationen ausgetauscht.

Aber das ist nun eine andere Qualität. Jetzt hat sich das Tor zur Sprache aufgetan. Das Kind wird lernen, seine Stimmung, Meinung und Sehnsucht, seine Wünsche und Ideen in Worte zu fassen. Es wird die Sprache der Liebe lernen und wahrscheinlich auch die des Zornes und der Feindschaft.

Wenn die Eltern sich dafür entscheiden, ihr Kind „religiös“ zu erziehen, wird die Tochter oder der Sohn auch die Sprache der Religion lernen. Das ist ein Erlernen von religiösen Begriffen und von Hintergrundwissen. Aber nicht nur.

Es geht auch um das Hineinwachsen in die Kommunikation mit Gott. Das ist vielleicht sogar noch wichtiger als das Erfassen des Glaubens mit dem Verstand.

Sprechen mit Gott

Die Kommunikation mit Gott ist keine Sonderform. Nein, sie geschieht auf die gleiche Weise, mit der sich ein Mensch mit einem anderen „unterhält“. Mit Worten – die Sprache der Menschen spielt hier die Hauptrolle.

So haben Worte, so hat die Sprache in vielen Religionen einen wichtigen Stellenwert. Sie dient nicht nur der sachlichen Information. Genau wie in der menschlichen Kommunikation geht es um Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen. Nichts, was einen Menschen bewegt, ist davon ausgeschlossen.

Drei große Weltreligionen verstehen sich als „Buchreligion“. Das Judentum, das Christentum und der Islam. Sie haben eine „heilige Schrift“ an der sie sich sehr stark orientieren. 

Die Texte stehen für diese Religionen in einer unmittelbaren Beziehung zu Gott. Ja, sie sind das „Wort Gottes“, von dem eine heilsame Kraft für alle ausgeht, die es hören und lesen.

Unser täglich‘ Brot wie unser täglich‘ Wort

Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt; […].

Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.

Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.

Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

(Mt 4,1-4)

„Die Versuchung Jesu“ – so ist dieser Text aus dem Matthäusevangelium überschrieben. Jedes Jahr wird er am ersten Sonntag der Fastenzeit in den Gottesdiensten der Gemeinden gelesen.

Aktuell für diese Zeit ist das Wissen, dass Jesus selbst vierzig Tage gefastet hat. Aufschlussreich ist der Hinweis Jesu auf die Bedeutung des Wortes Gottes. Er zitiert hier ein Wort aus dem alttestamentlichen Buch Deuteronomium.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“

Hintergrund ist die Hungersnot des Volkes Israel während der 40 Jahre langen Wüstenwanderung, als plötzlich das Manna, das Brot, vom Himmel kam. Es brachte zwar Rettung, aber nicht Erfüllung.

Die beiden Begriffe „Wort“ und „Brot“ stellen eine Verbindung dar. Später werden sie sich zu den wesentlichen Bausteinen des christlichen Gottesdienstes entwickeln.

Nicht bloß „schöne Worte“

Jesus war ein „Mann des Wortes“. Lehrer, Wanderprediger, ständig in der Auseinandersetzung mit den religiösen Führern seiner Zeit – wer da nicht mit dem Wort umgehen kann, hat keine guten Karten. Für Jesus war das Wort aber mehr als nur ein Instrument der Kommunikation, des Hin und Her von Informationen.

Besonders im Johannesevangelium wird deutlich: Es geht ihm um Beziehung. Das Wort verbindet den, der es spricht mit dem, der es hört. Das ist nicht nur eine Verarbeitung von Informationen, dass man gewissermaßen auf dem gleichen Wissensstand ist.

Jesus erwartet von seinen Hörerinnen und Hörern ein „Festhalten“, ein „Bewahren“ der Worte. Das Gehörte wird sich als ein Impuls entwickeln, eine Grundlage, als eine prägende Kraft des Handelns.

Auch dieser Gedanke hat einen Bezug zur Tradition des Volkes Israel. Als Mose Gottes Gebote empfing, machte er sich daran, dem Volk die Bedeutung des göttlichen Wortes klarzumachen.

Diese Worte sollt ihr auf euer Herz und auf eure Seele schreiben. Ihr sollt sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf eurer Stirn werden.

Ihr sollt sie eure Kinder lehren, indem ihr sie sprecht, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.

(Dtn 11, 18-19) 

„Tut dies zu meinem Gedächtnis“

Im „Halten der Worte“ erschließt sich eine Beziehung, die über eine äußere Gemeinsamkeit hinausgeht. Sie entsteht in der Person selbst, erfüllt sie im Inneren seiner Existenz, wie Jesus es beschreibt:

„Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.

(Joh 14,23)

Über die Gottes-Beziehung, die durch das „Halten des Wortes“ entsteht, spricht Jesus bei seinem Abschied. 

Es ist der Abendmahlssaal, aus dem der Evangelist Johannes berichtet. Es ist der Ort, an dem Jesus mit seinen Jüngern ein letztes Mal zum Essen zusammenkommt. Es ist der Ort, an dem er mit der Fußwaschung ein starkes Zeichen der dienenden Liebe gibt. Es ist der Ort, an dem die Jünger den Auftrag bekommen: Erinnert euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis.

Es wird in der Apostelgeschichte (Apg 2,42) überliefert, dass die Frauen und Männer der jungen christlichen Gemeinde in ihren Versammlungen festhielten –

„an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“.

Keine Heilige Messe ohne Wortgottesdienst

Etwa im 3. Jahrhundert entwickelte sich aus den sehr unterschiedlichen Formen von Gebets- und Wortgottesdiensten, die Form, die uns bis heute im evangelischen Abendmahlsgottesdienst und in der katholischen heiligen Messe bekannt ist: die Verbindung eines Wortteils mit einem zweiten Teil, in dem es um die Erinnerung an das Handeln Jesu im Abendmahlssaal geht.

In der Zuordnung der beiden Teile zu einer Einheit darf man sich durchaus wieder an das Wort Jesu erinnern:

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“

(Mt 4,4)

In der Entwicklung des christlichen Gottesdienstes ist es in der Tat so, dass der „Brot- und Weinfeier“ immer eine „Wort-Gottes-Feier“ vorangeht.

Es gibt also keine Heilige Messe ohne Wortgottesdienst. Es gibt aber eine Vielzahl unterschiedlicher Wort-Gottes-Feiern, die auch ohne Eucharistie, also ohne Abendmahl auskommen. Auf jeden Fall sind es „gültige“ Formen gottesdienstlicher Versammlungen, denen es an nichts mangelt.

Praktisch gesehen haben diese Gottesdienste einen Vorteil: Sie sind nicht an einen Priester oder Diakon als Leiter der Versammlung gebunden. 

Die Bedeutung der Heiligen Schrift 

Es ist dem Wort Gottes in den Gottesdiensten nicht immer gut gegangen. Gottesdienstformen der ersten christlichen Jahrhunderte mit einem sehr umfangreichen Wortanteil sind abgeschafft worden. Der Anteil biblischer Texte war fortan sehr reduziert.

Seit der Reformation galt die Beschäftigung mit der Bibel als „evangelisch“. Das hat sich auch in der katholischen Liturgie ausgewirkt.

Es ist ein wichtiges Kennzeichen der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass dieser Missstand behoben wurde und die Bibel seitdem wieder eine größere Rolle spielt im katholischen Gottesdienst.

„Von größtem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift. Aus ihr werden nämlich Lesungen vorgetragen und in der Homilie ausgedeutet, aus ihr werden Psalmen gesungen, unter ihrem Anhauch und Antrieb sind liturgische Gebete, Orationen und Gesänge geschaffen worden, und aus ihr empfangen Handlungen und Zeichen ihren Sinn. Um daher Erneuerung, Fortschritt und Anpassung der heiligen Liturgie voranzutreiben, muss jenes innige und lebendige Ergriffensein von der Heiligen Schrift gefördert werden.“

(SC 24)[1] 

„Von größtem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift.“

Mit dieser Feststellung hat das Zweite Vatikanische Konzil gleich am Beginn der über dreijährigen Beratungen festgestellt: Wir müssen der Heiligen Schrift mehr Aufmerksamkeit schenken.

Die Rolle der Kirche

Dieser Wille zieht sich durch alle Beschlüsse der Kirchenversammlung. Nicht zuletzt wurde ein eigenes Dokument verabschiedet: Die Verbum – Gottes Wort. Darin beschreibt das Konzil die Rolle der Kirche so:

„Gottes Wort voll Ehrfurcht hörend und voll Zuversicht verkündigend …“.

Für die Gottesdienste ergibt sich damit folgende Konsequenz:

„Bei den heiligen Feiern soll die Schriftlesung reicher, mannigfaltiger und passender ausgestaltet werden. … Auf dass den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werde, soll die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden, so dass innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden.“

(SC 51)[2]

Fällt die Osterliturgie wieder quasi aus?

Mit dem heutigen Sonntag, dem ersten Sonntag der Fastenzeit, beginnen die Christinnen und Christen die Vorbereitung auf das Osterfest 2021. Es werden natürlich Erinnerungen an Ostern 2020 wach. Über lange Zeit keine öffentlichen Gottesdienste.

Das Osterfest mit seiner eindrucksvollen Liturgie gewissermaßen ausgefallen. Wie lange hat es gebraucht, um wieder gemeinsam das „Halleluja“ zu singen. So ganz ungezwungen darf man das ja bis heute nicht.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“

(Mt 4,4)

Dieses Schriftwort markierte auch den Beginn der österlichen Bußzeit 2020. Viele Wochen lang gab es für die Gläubigen keine Heilige Messe mit dem gedeckten Tisch des Wortes und dem gedeckten Tisch des Brotes und Weines.

Kommunion mit Silikonhandschuhen und Zange

Zusammen mit anderen Priestern feiere ich die Gottesdienste in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin. Sie ist die zentrale Kirche der deutschen Katholiken, in der der Frauen und Männer gedacht wird, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ermordet wurden.

Am Fest Christi Himmelfahrt im vergangenen Jahr hatten wir wieder begonnen, Gottesdienste zu feiern. Allerdings: keine Eucharistie. Es war das Verfahren der Kommunionausteilung, das uns zunächst hat abwarten lassen. 

Die konsekrierte Hostie, die heilige Kommunion, mit Silikonhandschuhen und einer Zange an die Menschen auszuteilen – gewissermaßen unter OP-Bedingungen – erschien uns als unwürdig. Also entschieden wir uns, vorläufig „nur“ Wort-Gottesdienste zu feiern. Das „Nur“ macht das Ausmaß des Problems deutlich.

Auch die Bezeichnung „Wort-Gottes-Feier“ hat nichts daran geändert, dass viele Menschen in dieser gottesdienstlichen Versammlung am Sonntag keinen vollwertigen, keinen „richtigen“ Gottesdienst sahen.

„Ach so, keine Messe. Nee, dann komme ich noch nicht.“

Oft habe ich das gehört. Leider ist es uns, ist es der katholischen Kirche insgesamt, nicht gelungen, den Leuten etwas vom „größten Gewicht“ der Heiligen Schrift klar zu machen.

Wie das Brot, so das Wort

Heilige Messe, ja, da glauben wir Katholiken, den Heiland in Leib und Blut real in unserer Mitte zu haben. Empfangen ihn als Speise. Gilt diese Realpräsenz in gleicher Weise vom „Wort Gottes“?

Was in einer katholischen Kirche der Tabernakel ist, ist in der evangelischen die aufgeschlagene Bibel auf dem Altar. Beide stehen in besonderer Form für die Gegenwart Gottes.

Katholiken glauben: In der im Tabernakel aufbewahrten Hostie, dem in der Heiligen Messe gewandelten Brot, ist Jesus gegenwärtig. Bei evangelischen Christen steht dagegen vor allem das Wort Gottes für dessen Gegenwart.

Doch auch die katholische Kirche sagt im Zweiten Vatikanischen Konzil sehr deutlich:

„Christus ist in seiner Kirche immerdar gegenwärtig. Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe. Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden.“

(SC 7)[3]

Wenn es um die Gegenwart Jesu in meinem Leben geht, dann hat die Eucharistie einen hohen Stellenwert. Ich darf mir aber auch klar machen und mir gewiss sein: Der Herr beschränkt sich nicht allein auf die Realpräsenz in dem gewandelten Brot.

Es ist wichtig für mich: Gott geht nicht allein auf dem Weg des eucharistischen Brotes zu den Menschen. Es ist auch der Weg des Wortes, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, wie es am Beginn des Johannesevangeliums heißt. (vgl. Joh 1, 14)

Das Wort Gottes im Alltag

Es ist die Sprache, die ich von Kindesbeinen an gelernt habe, in der Gott mir nahe kommt. Hier noch einmal seine Zusage:

„Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“ (Joh 14,23)

Gott verschenkt sich immer ganz, ist immer ganz gegenwärtig, ganz real. Wie könnte für mich in dieser Fastenzeit der Umgang mit dem Wort Gottes aussehen?

Es gibt jedes Jahr den „Sonntag des Wortes Gottes“ – den Ökumenischen Bibelsonntag: Das ist immer der letzte Sonntag im Januar. Hier hatte Papst Franziskus kürzlich folgenden Vorschlag gemacht:

„Das Wort lässt uns Gott nahe sein – halten wir es nicht fern von uns. Tragen wir es immer bei uns – in der Tasche, auf dem Telefon – und geben wir ihm einen würdigen Platz in unseren Häusern. Stellen wir die Heilige Schrift auf einen Platz, wo wir daran erinnert werden, sie täglich aufzuschlagen, vielleicht am Beginn und am Ende des Tages, sodass unter all den Worten, die an unsere Ohren dringen, der eine oder andere Vers des Wortes Gottes zu unserem Herzen gelangt.“[4]

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Benedikt Reidenbach – The Star of the County Down

Benedikt Reidenbach – Arabesque

Benedikt Reidenbach – Unverhofftes Wiedersehen

Benedikt Reidenbach – Wiegenlied

Benedikt Reidenbach – Ein ganzes Leben

Album: Benedikt Reidenbach, Eins, 2017 Contemplate Music Germany, LC 28353


[1] Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution Über Die Heilige Liturgie
„Sacrosanctum Concilium“ (SC)

[2] Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution Über Die Heilige Liturgie
„Sacrosanctum Concilium“ (SC)

[3] Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution Über Die Heilige Liturgie
„Sacrosanctum Concilium“ (SC)

[4] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-01/papst-franziskus-heilige-messe-bibelsonntag0.html


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Dieser Beitrag wurde am 21.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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