Wort zum Tage, 19.02.2021

von Diakon Paul Lang, Amöneburg

Größere Gerechtigkeit

Einige Zeit vor Corona saß ich an einem Abend im Opernhaus und lauschte Mozarts „Entführung aus dem Serail“.

Olim, die rechte Hand und der Haushüter des Pascha, beklagt sich bitter über die Sklaven, die Scherereien machen. Und er hat auch gleich einen Vorschlag zu ihrer Bestrafung:

„Erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen, dann verbrannt, dann gebunden und getaucht; zuletzt geschunden."

Fabelhafte Aussichten. Zum Glück bringen es die auf der Flucht ertappten Christen auf den Punkt:

„Nichts ist so hässlich als die Rache; hingegen menschlich, gütig sein, und ohne Eigennutz verzeihn, ist nur der großen Seelen Sache!“

Da haben wir es. Aber im Ernst: Wie ist das mit der Rache? Gerechtigkeit muss doch sein. Strafe auch.

„Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die Linke hin!“,

lehrt Jesus. Ethiker sagen: Das könne man kaum wörtlich nehmen, es sei eine Idealethik, fern der Realität.

Mir ist unwohl, wenn ich das höre. Irgendwo tief in mir weiß ich: Das ist ernst gemeint und möglich mit dem Hinhalten der Wange. Nur muss ich diese Kunst lernen. Sie ist möglich, aber nicht einfach.

Zurückschlagen geht leichter von der Hand. Da habe ich Erfahrung. Wenn mir jemand quer kommt, weiß ich, wie ich mich wehre und sorge dafür, dass mir kein Unrecht geschieht oder, dass es gesühnt wird.

Jesus hat einmal eine Ohrfeige bekommen. Das berichtet der Evangelist Johannes. Es ist bei seinem Prozess vor Pilatus.

„Antwortest du so dem Statthalter des Kaisers?“,

faucht ihn, den Angeklagten, ein Mitarbeiter der Strafjustiz an. Und ohrfeigt ihn. Und Jesus?

„Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe“, sagt er, „weise das Unrecht nach. Wenn es aber recht war, warum schlägst Du mich?“

Die andere Wange hinhalten bedeutet: Der Situation angemessen zu reagieren. Nicht zurückschlagen, nicht beleidigt sein. Dem, der mir etwas antut, in die Augen schauen, ohne Groll. Und dann: Nachdenken.

Das Gegenüber zum Nachdenken bringen. Das ist die „Gerechtigkeit“ Jesu. Es genügt nicht, nicht zurückzuschlagen und dann beleidigt zu sein, etwas in mich hineinzufressen und auf Rache zu sinnen.

Besser ist, wenn ich dem anderen vermittle, wie ich das sehe, was er tut, und dass mir Unrecht geschieht; und wenn ich ihm dabei gleichzeitig die Chance gebe, sein Gesicht zu wahren.

Kreativität ist gefragt. Ein wacher Geist. Das wünsche ich mir heute. Und so weit es an mir liegt, will ich es probieren mit der größeren Gerechtigkeit, die Jesus von den Menschen verlangt.


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Dieser Beitrag wurde am 19.02.2021 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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