Am Sonntagmorgen, 14.02.2021

von Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Genügen am Ungenügen. Auf dem langen Weg hin zu Ostern

Der Weg bist Ostern scheint weit. Das ist aber längst nicht nur eine Frage des Datums, sondern der Einsicht und der Einstellung: Denn der Weg nach Ostern ist ein Suchen nach dem, was uns fehlt.

 

 

© Javier Allegue Barros / Unsplash

„Hier bin ich Mensch. Hier kauf ich ein“

So bewirbt eine große Ladenkette ihre Warenangebote. Treffsicher werden Bedürfnisse angesprochen, die wohl alle kennen. Nicht nur zu Schnäppchen-Zeiten ist dieser Jägerinstinkt aktiv, unbedingt viel mitzukriegen, und das möglichst günstig. Als wäre doch überall zu wenig und man könnte zu kurz und zu spät kommen.

 

„Hier bin ich Mensch. Hier kauf ich ein.“

Viele hören gewiss den Subtext aus Goethes „Faust“ mit:

„Hier bin ich Mensch. Hier darf ich sein.“

Als wäre die Erlaubnis zum Menschwerden verbunden mit dem Wohlverhalten in der Konsumgesellschaft. Dabei weiß jeder und jede, dass wir mehr sind als das, was wir kaufen und verkaufen. Schon der fromme Kant hatte gesagt:

„Was einen Wert hat, hat einen Preis. Der Mensch aber hat keinen Wert, er hat Würde“.

Ostern ist das Ziel

Damit sind wir ausdrücklich beim Thema, dem langen Weg auf Ostern hin. Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit als Zeit der Vorbereitung auf Ostern. Das Fest der Auferstehung Christi zeigt: Leben ist stärker als der Tod.

Die Angst zu kurz zu kommen, hat ein Ende, und der Tod, dieser unheimliche Tyrann, hat seine Störungsmacht verloren. Ostern ist der Durchbruch, heraus aus den höchst gemischten Verhältnissen hinein ins wahre Leben. Ja,

„da endlich bin ich Mensch, da darf ich sein“

– und bleiben.

Ein langer Weg der Klärung gewiss, aber welch ein Ziel! Jesus von Nazareth hat es schon erreicht. Mit seiner Art zu leben und das mit dem Tod zu beglaubigen, kam etwas Neues in die Welt. Der Tod hat seine Macht verloren, und sogar Feindesliebe ist nun möglich. Seitdem können alle glaubend davon Gebrauch machen.

Ostern ist das Ziel: die Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und das für immer. Ostern ist aber auch schon der Weg, die Motivation für den nächsten Schritt. Glaubend sieht der Mensch sich eingeladen, sich auf diesen Jesus-Weg zu machen,

„als wär‘s ein Stück von mir“.

Was ist genug?

Christus hat für uns genug getan, nun gilts, es in seinem Namen weiter zu tun. Dazu lädt die Fastenzeit ein, die österliche Buß- und Übungszeit. Genug hat er getan, und genug ist noch tun, Genügen am Ungenügen.

„Genügen am Ungenügen“

Das klingt zunächst wie die Geschichte vom Fuchs und den Trauben, die zu hoch hängen. Also, gib dich halt zufrieden mit dem, was erreichbar ist. Gewiss: Der Abschied von falschen Erwartungen kann hilfreich sein wie jede Enttäuschung.

Aber steckt in solchem „Genügen am Ungenügen“ nicht doch fast immer ein resignativer Zug? Wie schnell wird aus dem goldenen „Nicht zu viel“ das bloße Mittelmaß, ja, die Mittelmäßigkeit.

„Es muss mehr als alles geben.“

Der Mensch geht aufs Ganze.

Franz Kafka lässt in seinem Selbstporträt den Hungerkünstler sagen:

„Ich konnte die Speise nicht finden, die mir schmeckt.“

Alles, was er findet, ist ihm zu wenig. Und damit soll man sich zufriedengeben? Nein, dagegen bäumt sich alles auf: „genug ist genug, jetzt reichts“ – das Fass der Wut und auch der Sehnsucht läuft über.

Was ist nötig?

Bei der Sehnsucht aber geht es nicht um Befriedigung, sondern um Erfüllung. Genauer noch: Es geht um Freude. Die hat oft ganz kleine Anlässe, sie ist still, durch nichts kann man sie herstellen oder herbeizwingen.

Die stellt sich von selbst ein, wenn - ja wenn was? Es braucht einen Grund zur Freude: ein schöner Erfolg, ein zärtlicher Blick, ein gelungenes Projekt, ein glücklicher Fund. Überhaupt Anerkennung, und die am liebsten geschenkt. Warum blüht unsereiner auf, wenn er gelobt wird und gar sich geliebt weiß?

Da taucht diese Freude auf, es schwindet die Angst vor anderen und sich selbst. Strahlend sagt die Frau beim Blumenstrauß:

„Ach, das war aber nicht nötig.“

Recht hat sie: Geschenke sind nicht nötig, sie sind mehr als nötig. Sie sind der Grund zur Freude.

Etwas dieser Art hatte die große flämische Mystikerin und Dichterin Hadewych im Sinn. Sie spricht vom

„Sich Begnügen mit dem Ungenügen“.

Natürlich wusste auch sie, was alles noch fehlt und wie viel die Note „ungenügend“ verdient.

Aber sie plädiert nicht fürs resignative Hinnehmen, sie findet sich nicht faul mit dem Bestehenden ab. Sie denkt und lebt aus einer größeren Hoffnung. Sie besingt die Liebe Gottes, die sogar den Tod überwindet.

Sie ist durchdrungen von Gottes Gegenwart schon jetzt, voller Freude und förmlich gottdurchlässig. Und das strahlt sie aus. Was gibt es auch Schöneres, als sich definitiv schon geliebt zu wissen und aus dieser Kraft kreativ zu wirken – wie Jesus und in seinem Namen

Ist der Weg nicht das Ziel?

Davon gilt es Gebrauch zu machen, dann wird der eigene Lebensweg zum Osterweg, auf dem Christus mitgeht. Gewiss: er ist auch ein Kreuzweg des Ungenügens, aber stets mit der Gewissheit heilsamer Begleitung.

Beides also ist für das christliche Verständnis von gelingendem Leben wichtig: das definitive Genügen, das hier und jetzt schon alles trägt im österlichen Genug, und das allseits spürbare Ungenügen noch, weil so vieles unerfüllt ist und voller Fragen und Not. Aber der Weg ist nicht das Ziel, umgekehrt ist es das Ziel, das in Bewegung bringt – je attraktiver, desto mehr.

Damit sind wir längst im Zentrum unseres Themas: die Osterfreude.
Sie ist das Filetstück des Christlichen, Zielpunkt und Hauptattraktion christlicher Hoffnung, das große, unerschöpfliche überschwängliche Genug. Paulus hat schon Recht, wenn er schreibt:

„Wenn Christus nicht auferweckt ist, dann ist unsere Verkündigung leer, und vergeblich auch euer Glaube.“

(1 Kor 15,14)

Daran hängt, christlich gesehen, alles. Jesus ist wahrhaft auferstanden, und sein göttliches Leben ist stärker als der Tod.

Mitläufer werden zu Kämpfern

Aber bleiben wir noch beim Ungenügen. Denn Ostern zum Zielpunkt des eigenen Lebens zu machen, ist so einfach nicht; schon das Glauben-Wollen ist ein Geschenk, das Glauben selbst erst recht.

Was im Tod Jesu passiert ist, weiß ja niemand; und bei der Auferstehung Jesu war niemand dabei.

Alle Schriften des Neuen Testamentes sind vielfache Resonanzversuche, um damit klar zu kommen – und im Grunde ist es seitdem überall so, wo Menschen christlich unterwegs sind. Was man Geschichte und Geheimnis der Kirche nennt, ist ein einziger Suchprozess, um das Osterfest zu entdecken und zu bezeugen.

Aber eines ist eben unwiderlegbar: Wohl bald nach Jesu Tod ist mit seinen Jüngern und Jüngerinnen etwas passiert, wie es größer nicht gedacht werden kann. Dieselben Leute, die angesichts der schrecklichen Hinrichtung Jesu endgültig das Weite suchten, kehrten zurück.

Aus mehr oder weniger feigen Mitläufern wurden überzeugte Kämpfer. An diesem Faktum kommen auch jene nicht vorbei, die mit dem christlichen Osterfest nichts anfangen können.

Was die Jesusanhänger damals für immer zusammenführte und offensiv werden ließ, war ihrer eigenen Auskunft nach dies: Gott ist unglaublich treu; Er hat, so wie er das Sein aus dem Nichts ruft, den gekreuzigten Jesus aus dem Tod in die Fülle des Lebens geholt.

Die Bedeutung von Galiläa

Dieser Jesus ist nicht mehr hier, er ist wirklich gestorben und hatte das massivste Ungenügen durchgemacht, aber „er ist euch vorausgegangen“ in das „Land“, aus dem er kam. Das war die Botschaft, die die Jünger zur Umkehr ermutigte.

Die Heimat Jesu, das Land Galiläa ist in den Osterzeugnissen nicht nur ein geografisches Gebiet. Es ist der symbolische Raum der Gottesgegenwart und des rundum heilen Lebens. Galiläa ist dort, wo für alle mehr als genug ist.

In dieser österlichen Fülle fanden die Jesusjünger damals zu jenem ungeheuren Widerstand, der schließlich das römische Reich aufmischte und die Geschichte seitdem. Wie befreit lebten sie auf, für die Botschaft Jesu gaben sie alles. Mitten im Ungenügen hatten sie in allem genug.

Die Sache ist wirklich unglaublich. Und es ist gut, sich an den Anlass für die Auferweckung Jesu und die erstaunliche Wende seiner Jüngerschaft zu erinnern. Jesus hat ja den Kreuzestod nicht gesucht, er war weder lebensmüde noch gewaltverliebt, ganz im Gegenteil.

Suchen wie ein Mystiker

Alle Geschichten von ihm erzählen von Freude. Er war eine Wohltat für die Mitmenschen; er teilte ihr Ungenügen am Leben; er beschönigte nicht und vertröstete nicht, er war schlicht in tiefster Gottverbundenheit da, und das heilt und ermutigt. Mehr noch: Es macht gegenwärtig, wie treu und nur gut Gott ist.

Aber leider weckt derlei auch Neid, Missgunst und Hass. Die Kreuzigung Jesu war die bittere Folge. An Jesus schieden sich die Geister, an Ostern scheiden sich die Geister. Auch da darf man Paulus Recht geben, wenn er seinen Korinthern schreibt: Ostern –

„den einen nur eine Dummheit, den anderen ein Ärgernis, uns aber, die wir glauben dürfen, Gottes Kraft und Weisheit.“

(1 Kor 1,23)

Wahrhaft ein Grund zur Freude.

Aber was könnte das praktisch heißen? Wie die kommenden 40 Tage der Fastenzeit nutzen? Lassen Sie es mich mit dem wunderbaren Wort des Mystikforschers de Certeau sagen:

„Mystiker ist einer, der nicht aufhören kann zu wandern und der in der Gewissheit dessen, was ihm fehlt, von jedem Ort und von jedem Objekt weiß: Das ist es nicht.“

Noch nicht. Die österliche Bußzeit lädt dazu ein, dass wir nicht sitzen bleiben und uns mit dem Bestehenden zufriedengeben. Wandern und Pilgern heißt ja, der Vergänglichkeit ins Auge sehen.

Aber, und das ist der phantastische Osterglaube,

„in der Gewissheit dessen, was ihm fehlt.“

Liebende wissen davon: „du fehlst mir“, sagen sie dann. Gerade weil sie ihrer Liebe gewiss sind, spüren sie umso mehr, was fehlt.

Jesus als Medizin gegen Todesangst

Was das konkret heißt, kann ein biblisches Wort realistisch erläutern. Christus ist demnach gekommen,

„um die zu befreien, deren Leben durch die Angst vor dem Tod der Knechtschaft verfallen war.“

Ein wunderbarer Satz aus dem Hebräerbrief (2,14), mit genauester Diagnose und kraftvoller Therapie. Denn das ist der Kern, warum Glaubende die Auferstehungskraft Jesu vermissen. In ihm allein haben sie die Medizin gegen die Todesangst gefunden.

Kommt nicht durch die Coronakrise dramatisch ans Licht, wie diese Angst vor dem Nichts alles bestimmt? Vorher diese schier panische Fortschrittswut, als könnte man doch zu kurz kommen.

So viel Ungenügen, das der ständigen Verbesserung bedarf! Ob die verborgene Triebfeder im Fortschrittsdenken, vor allem im wild gewordenen, die Angst vor dem Tod ist? Und bricht in der Pandemie nicht jenes Verhalten wie ein Kartenhaus zusammen, das sich für unsterblich und unersetzlich hält?

Ja, der biblische Autor hat Recht: Wir sind sterblich, und die Angst vor dem Tod ist eine Großmacht, die uns knechtet. In einer solchen Welt ist das „Genügen am Ungenügen“ eher eine bittere Pille und bestenfalls Ausdruck von falscher Selbstbescheidung.

Was mit Jesus begann, setzt sich durch

Österlich aber wird es ein verheißungsvolles Motto: Denn im vollen Wissen um das, was noch fehlt und nicht genügt, ist doch die Überzeugung da, dass die große Erfüllung schon geglückt ist und überall glücken wird.

Nicht länger liegt dann die Angst vor dem Tod wie Mehltau auf allen Dingen, nicht länger müssen wir wie irrsinnig im Hamsterrad von Konsumieren und Produzieren uns selbst verdienen, wir sind frei zum endlichen Leben, endlich zu leben und das heißt auch sterben zu können.

„Weder Tod noch Leben kann uns trennen von der Liebe Christi“

(vgl Röm 8,38)

jubeln deshalb alle, die glauben dürfen. Und zugleich vermissen sie nichts mehr als diese österliche Erfüllung.

Dann fängt das Leben in Wahrheit erst an. Ressourcen werden frei füreinander. Ohne die Angst zu kurz zu kommen, wird der Blick frei für die Situation der Anderen und das Gemeinwohl.

Und man hat den langen Atem revolutionärer Geduld. Denn was mit Jesus Christus begann, setzt sich durch. Je mehr wir ihn vermissen, desto genauer fällt uns ein, was zu lassen und was zu tun ist.

Nochmal:

„Mystiker ist, wer nicht aufhören kann zu wandern und wer in der Gewissheit dessen, was ihm fehlt, von jedem Ort und von jedem Objekt weiß: Das ist es nicht“

 noch nicht.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Jan Garbarek – Cloud of Unknowing

Arvo Pärt – Collage On A Theme B-A-C-H, I. Toccata

Arvo Pärt – Für Anna-Maria (Fröhlich)

Benny Andersson – I Let The Music Speak


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Dieser Beitrag wurde am 14.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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