Morgenandacht, 13.02.2021

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Echoräume

Will Rogers, Jahrgang 1879, war ein in den USA gefeierter Komiker und Entertainer. Berühmt waren seine Aphorismen, kurze Sätze, die zum Schmunzeln und Nachdenken anregen. Einer lautet:

„Die Familie ist in Ordnung, wenn man den Papagei unbesorgt verkaufen kann.“

Ich kann mir denken, was er damit meinte. Vor vielen Jahren haben mir gute Bekannte ihren Papagei geschenkt. 6 Jahre lebte er bei mir, ein sprachbegabter Imitationskünstler.

Er redete zwar, aber er gab nur wieder, was er immer wieder gehört hatte. Natürlich war kein Gespräch möglich. Ein Papagei lebt halt in einem Echoraum: Er plappert; was er imitiert, ist nur ein Echo dessen, was er aufschnappt; ganz lustig zwar, aber auch schnell ermüdend.

Rogers sieht die Gefahr, dass rings um Menschengruppen ein Echoraum entsteht, mit immer denselben Reden und Floskeln. Keine echten Gespräche, sondern allenfalls gruppeninterne Selbstgespräche, die schnell steril und nervtötend werden. Papageiengeplauder, das sich selbst entlarvt, wenn der echte Papagei nicht mehr zu hören ist, weil er verkauft wurde…

Ich beobachte mit Sorge, wie auch in unserer Gesellschaft solche eingekapselten Echoräume sich ausbreiten. Man bleibt unter sich, entwickelt eine Binnensprache, die nach außen nicht verstanden wird. Nach außen gilt ein einfacher Grundsatz: Es gibt nur zwei Meinungen, die eigene und die falsche!

Mag sein, dass das nicht auf alle Querdenker zutrifft. Aber es gibt nach meiner Wahrnehmung zu viele unter ihnen, die im schalldichten Echoraum ihrer Wirklichkeitswahrnehmung abgetaucht sind.

Und bei Verschwörungstheoretikern und Corona-Leugnern geht mir langsam die Geduld aus, bei all denen, die im Schneckenhaus ihrer Wirklichkeitskonstruktion festhängen, sattsam Bekanntes immer nur wiederholen, aber jede Infragestellung der eigenen Position brüsk verweigern.

Meine eigene Kirche nehme ich davon nicht aus. Auch sie ist nach meinem Eindruck immer noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, pflegt ihre nach außen oft unverständliche Binnensprache, statt sich offensiv und verständlich in die Fragen und Nöte der Zeit einzumischen.

Ich gebe zu: Ich bin ratlos. Ratlos vor diesen Echoräumen, in denen Menschen nur sich selbst hören, aber nicht wirklich zuhören, geschweige denn, sich infrage stellen zu lassen. Ratlos, wenn ich immer häufiger in hitzigen Diskussionen zu hören bekomme:

„Du hast überhaupt keine Ahnung!“

Meine eigene Rechthaberei steht mir dann manchmal auch im Wege. Dabei wäre das mit der „Ahnung“ ein durchaus heilsamer Fingerzeig. Ein Ausweg aus der berühmten Pilatusfrage, die derselbe im Prozess gegen Jesus diesem am Ende des Verhörs entgegenschleudert:

„Was ist Wahrheit?“

Pilatus scheint gegenüber absoluten Wahrheitsansprüchen skeptisch zu sein. Ich würde ihm darin folgen. Als Christ ahne ich mehr, als dass ich etwas weiß. Ja, ich habe eine Ahnung.

Ich lebe mit anderen im Wahrheitsraum Gottes, der lebendige und gesprächsoffene Menschen sucht. Weil sein Gespräch mit uns ein Liebesangebot ist, das keinen Echoraum duldet, sondern Weite und Offenheit ermöglicht. Und Bescheidenheit beim Rechthaben!

Das ahne ich mit vielen anderen, die auch eine solche Ahnung haben. Bis sich das überall herumgesprochen hat, auch bei denen, die im Echoraum ihrer absoluten Wahrheitsansprüche ein verbissenes Dasein fristen, tröstet mich ein Wort des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln. Er soll mal gesagt haben:

„Du kannst einige Leute für alle Zeit zum Narren halten und alle Leute für einige Zeit, aber nicht alle Leute für alle Zeit!“

Hoffentlich behält Lincoln recht….


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Dieser Beitrag wurde am 13.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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