Morgenandacht, 12.02.2021

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Die innere Eselin

Den inneren Schweinehund kennt wohl jeder. Er meldet sich immer dann, wenn ich eigentlich aktiv werden sollte, aber aus Bequemlichkeit oder Trägheit nicht will.

Aber was ist mit dem Gegenteil? Dem spontanen Entschluss, bei dem ich nicht lange nachdenke, wo ich mir sage:

„Augen zu und durch“?

Das mag ja bisweilen durchaus angebracht, ja notwendig sein, eine günstige Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Aber wenn ich mich verrenne, wenn ich nicht mehr nach rechts und links gucke: Wer oder was stellt sich mir dann in den Weg, damit es kein böses Ende nimmt?

Im Alten Testament lese ich im Buch Numeri eine geradezu süffisante, märchenhafte Geschichte. Der weise Seher Bileam wird von dem moabitischen König Balak dringend gebeten, das Volk Israel im Namen Gottes zu verfluchen.

Der König fürchtet das zahlreich gewordene Volk der Israeliten, die kurz vor dem Einzug in das Gelobte Land stehen. Er fürchtet den künftigen machtvollen Nachbarn. Bileam soll Israel verfluchen, damit deutlich wird: Gott steht nicht länger auf der Seite Israels. So hätte es der König gern.

Erst weigert sich Bileam, weil Gott selbst es ihm verbietet.  Doch nach dem zweiten Überredungsversuch des Königs macht Bileam sich auf den Weg. Dabei reitet er auf einer Eselin. Auf halbem Wege aber tritt ihm ein Engel Gottes als Widersacher in den Weg.

Bileam sieht ihn nicht, will weiterreiten, doch seine Eselin sieht den Engel und versucht dreimal auszuweichen. Das macht Bileam wütend, sodass er mit dem Stock auf das arme Reittier einprügelt. Da wird es der Eselin zu bunt. Gott öffnet ihr den Mund, sodass sie Bileam zur Rede stellen kann wegen seines brutalen Verhaltens.

Erst die Intervention der Eselin öffnet Bileam die Augen. Jetzt sieht auch er den Engel, der zum Widersacher wird und der Bileam darauf hinweist, dass er sich auf einem abschüssigen Weg befindet.

Zwar darf er weiterziehen, aber er wird nur das reden, was Gott ihm eingibt. Am Ende segnet der Seher Bileam im Namen Gottes das Volk Israel, statt es zu verfluchen. Der König war darüber natürlich „not amused“, lässt Bileam aber ungeschoren heimziehen.

Meinen inneren Schweinehund würde ich gern loswerden, aber eine „innere Eselin“, die würde ich mir und anderen wünschen. Und einen Engel, der sich als Widersacher in den Weg stellt, wenn der Weg ein abschüssiger, ja ein böser ist! Eine „innere Eselin“: Wer könnte das ein?

Ich denke dabei an meine innere Stimme, mein Gewissen. Gerade in Dilemmasituationen meldet es sich, zeigt sich als meine Kompetenz abzuwägen, das Für und Wider in den Blick zu nehmen. Das Gewissen meldet sich als heilsame innere Unruhe, damit ich es mir nicht zu einfach mache.

Die „innere Eselin“ könnte auch ein vertrauter Mensch sein, der mich berät, der seine Erfahrungen und Einsichten mir zur Verfügung stellt. Auf diese Weise, so glaube ich, komme ich auch leichter dem auf die Spur, was Gott in einer konkreten Situation von mir erwartet.

Die „innere Eselin“ als Seismograph für Gott, der sich zu Wort meldet. Wenn ich zu ahnen beginne, dass ich falsch liege, wenn Bedenken Hand und Fuß haben und ich bereit bin, einmal Beschlossenes neu zu prüfen und zu entscheiden: Dann erkenne ich vielleicht wie Bileam den Engel, der sich mir in den Weg stellt und der mir hilft, mich neu auszurichten.

Ich finde das nicht immer leicht. Es fordert mir die Einsicht und die Bescheidenheit ab, dass auch mir Sackgassen und Umwege nicht erspart bleiben, dass ich mit meiner Rechthaberei weiß Gott nicht immer recht habe; dass ein freundschaftlicher Wink mit dem Zaunpfahl, eine „innere Eselin“ mehr ahnt und weiß als ich auf dem stolzen Ross meiner Einbildung.

Die macht mich manchmal blind, sodass mir der Durchblick fehlt. Ja, ich wünsche mir und anderen eine solche „innere Eselin“, die mir die Augen öffnet, wenn mein Weg ins Abseits führt. Damit es wieder aufwärts geht…


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Dieser Beitrag wurde am 12.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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