Morgenandacht, 11.02.2021

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Karnevalesker Rollentausch

Im antiken Rom wurde seit dem Jahr 217 v.Chr. ein höchst populäres Fest gefeiert: die Saturnalien, ein Festreigen zu Ehren des Gottes Saturn, dessen Tempelreste noch heute auf dem Forum Romanum imposant sind.

Dieses Fest wurde in einem ausgelassenen Rahmen gefeiert, bei denen auch bis zum Exzess getrunken wurde. Für eine gesellschaftliche Schicht waren die Saturnalien besonders attraktiv: für die Sklaven.

Rom war eine Sklavenhaltergesellschaft. Doch bei diesem Fest wurden die Rollen getauscht: die Sklaven saßen zu Tisch und wurden von ihren Herren im Sklavenoutfit bedient. Frivole Scherze und eine ausgelassene Stimmung prägten die Atmosphäre. Es war eine Art antiker Karneval.

Nach dem Fest war der Spuk dann vorbei. Die Sklaven waren wieder Sklaven, nach einer kurzen Unterbrechung fristeten sie wieder ihr tristes Dasein.

Der moderne Karneval bewahrt diesen Rollentausch bis heute. Leider macht Corona in diesem Jahr den Jecken einen Strich durch die Rechnung. Aber nächstes Jahr wieder, hoffentlich, das jecke Treiben, die Freude an der Verkleidung, am Rollentausch, an der Umkehrung der traditionellen Ordnung.

Bis heute ist der Karneval, wie die römischen Saturnalien, ein subversives Fest. Es stellt die Dinge auf den Kopf, karikiert die gesellschaftliche Ordnung.

Als Jesus sich mit seinem Gefolge auf den Weg nach Jerusalem macht, wird sein Aufstieg zur hochgelegenen Stadt für ihn zum Abstieg, der am Kreuz endet, dem typischen Sklaven- und Schwerverbrechertod.

Der gemeinsame Aufstieg wird zugleich für seine Jünger zu einer Lernschule ihres Glaubens. Und sie haben noch viel zu lernen. Eine Versuchung begleitet ihren Weg von Anfang an: Jeder will der größte sein. Keiner will zu kurz kommen. Sie streiten sich um die besten Plätze.

Sie sind besorgt um ihr Ansehen. Und das in der Gegenwart eines Mannes, der bereit ist zum Abstieg par excellence! Der nicht um das eigene Ansehen besorgt ist, sondern um das Ansehen derer, denen man jedes Ansehen genommen hat.

Eine Belehrung könnte es richten:

„Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“

Noch stärker als die Belehrung aber ist die geradezu karnevaleske Szene: Er stellt ein Kind in die Mitte, den Aufsteigertypen und dem Möchtegern gegenüber.

„Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.“

Ein Kind, ein Diener und ein Sklave werden zu Prototypen echter Jesusnachfolge. Die Großen und Mächtigen treten zurück:

„Nein, bei euch soll es nicht so sein!“

Hier werden die Dinge auf den Kopf gestellt. Auf dem Weg nach Jerusalem geht es zu wie im Karneval. Gesellschaftliche Hierarchien, Standesdünkel und Statusinszenierungen werden gründlich umgekrempelt.

Die Kleinen, die dienstbaren Geister, die Gebeutelten und Ausgenutzten treten an die erste Stelle. Den staunenden Jüngern, bereit für den Aufstieg nach Jerusalem, wird ein Abstieg, eine Karriere nach unten zugemutet.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei! Beim Karneval ist das so. Das kann ja auch nicht endlos so weitergehen. Das vertragen weder unsere Leber noch unser gewohntes gesellschaftliches Rollenverhalten.

Aber eine Jüngergemeinschaft in der Nachfolge Jesu ist kein Karnevalsverein, bei dem nur so getan wird als ob, um am Aschermittwoch in die gewohnten Gleise zurückzukehren. Hier gibt es keinen Aschmittwoch. Der subversive Rollentausch, der Verzicht auf Großspurigkeit und Prinzengehabe sind auf Dauer gestellt.

Ansehen gewinne ich nicht durch Machtgehabe, sondern durch Dienst am Nächsten, an den Kleinen, den Zukurzgekommenen. Sie sind Gottes erste Wahl. Ihr Ansehen wird zu meinem Ansehen in der Christusnachfolge. Und ich möchte hinzufügen:

„Kirche, vergiss das nie! Denn eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“


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Dieser Beitrag wurde am 11.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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