Morgenandacht, 10.02.2021

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Früchte des Zorns

„Den Zorn besinge, Göttin, des Achilleus…“

Mit diesem Vers beginnt die Ilias des Homer. Der Philosoph Sloterdijk spricht gar von

„Europas erstem Wort“.

Am Anfang der europäischen Literaturgeschichte steht demnach ein gewaltiger menschlicher Affekt: der Zorn.

Der ist in der Tat eine mächtige menschliche Regung. Achilleus hat sich von seinem Zorn gegenüber dem griechischen Heerführer Agamemnon so hinreißen lassen, dass er sich dem gemeinsamen Kampf der Griechen gegen die Trojaner verweigert.

Sie hatten sich um eine Frau gestritten, die Agamemnon dem Achill wegnimmt. Achills Zorn wird vielen Griechen den Tod bringen, weil sie ohne ihren Helden dem Ansturm der Trojaner kaum gewachsen sind.

Später werden antike Philosophen den Zorn unter den zu vermeidenden Affekten einordnen. Zorn ist des Menschen nicht würdig, sagen sie. Das noch spätere Mittelalter wird den Zorn zu den sieben Todsünden rechnen.

Damit hat sich das Fallbeil der Verurteilung endgültig über den Zorn gesenkt. Als Kind habe ich das regelmäßig gebeichtet, wenn ich mich zornig oder wütend gezeigt habe. So etwas tut man nicht.

Erstaunlich ist, dass Homer den Zorn des Achill mit der Götterwelt in Verbindung bringt. Die göttliche Muse wird angerufen, damit der Dichter angemessen über den Zorn episch zu singen vermag.

Auch wenn die kriegerische Ständegesellschaft Homers längst versunken ist: Gibt es vielleicht doch einen Zorn, der nicht einfach als primitiver Gefühlsausbruch abzutun ist? Gibt es gar einen göttlichen Zorn?

Das Alte Testament ist voll von Zornesausbrüchen. Es gibt den vernichtenden Zorn des Kain gegenüber seinem Bruder, den Zorn der Propheten über falsche Wege und Haltungen im Gottesvolk. Und es gibt den Zorn Gottes.

Mehr als einmal entbrennt Gott in den Erzählungen der Bibel in seinem Zorn bis hin zu verstörenden Vernichtungsabsichten. Zorn ist nicht gleich Zorn. Es gibt den maßlosen Zorn ohne Grenzen.

Der ist eine destruktive, zerstörerische Kraft. Aber es gibt auch einen konstruktiven, ja heilsamen Zorn. Ich würde mich sogar nicht scheuen, von einem heiligen Zorn zu reden.

Achills Zorn war ein destruktiver, unkontrollierter Wutausbruch aus verletzter männlicher Eitelkeit. Zur Nachahmung nicht zu empfehlen. Manche Zornesausbrüche Gottes in der Schrift sind schwer zu ertragen.

Das Gottesbild der Bibel ist nicht einfach ein nur liebliches und harmonisches. Manche Gottesbilder sind dunkel und unbegreiflich, oft gespeist von menschlichen Projektionen und Einbildungen.

Es gibt das Gotteswort eben nur im Menschenwort. Was biblische Texte manchmal über Gott aussagen, ist nicht weniger eine Offenbarung des Menschen. Der zornige Gott entspringt bisweilen auch dem Zorn und den Gewaltphantasien des Menschen.

Was ist aber nun mit dem Heiligen Zorn? Erstaunlich und für fromme Ohren eher ungewohnt: Auch Jesus war zornig, konnte aus der Haut fahren, im Konflikt mit Schriftgelehrten und den führenden Kreisen seines Volkes, oder bei der Tempelreinigung, als sein Temperament mit ihm durchgeht.

Petrus erfährt seinen Zorn, als er ihn von seinem Weg abbringen will. Jesus war nicht einfach ein Softie, den man nach Belieben herumschubsen konnte. Wenn es ums Ganze ging, um seine Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes, dann konnte er zornig werden, wenn er auf Engstirnigkeit und hasenfüßigen Kleinglauben traf.

An seinem Zorn wird mir deutlich, dass Zorn auch eine schöpferische, widerständische Kraft sein kann. Ein Freund sagte mal zu mir:

„Zorn ist besser als Depression. Eine Depression lähmt, Zorn setzt Energie frei zum Handeln.“

Zorn kann eben auch eine vitale, heilsame Kraft sein. Kraft zum Einspruch und Widerspruch, wo es nottut. Christen, die im Namen Jesu sich einsetzen und aussetzen, sind weder Wutbürger noch lammfromm. Aber ein wenig zorniger würde ich sie mir bisweilen schon wünschen…


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Dieser Beitrag wurde am 10.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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