Morgenandacht, 09.02.2021

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Zum Fressen gern…

„Ich habe dich zum Fressen gern.“

Was für ein Bild! Offensichtlich verbinden wir gern Metaphern des Essens mit der Kraft menschlicher Liebe. Gerade die Liebe ist es, die wir bis zum letzten Rest voll und ganz in uns aufnehmen, ja schmecken wollen. Mit Haut und Haar jemanden verschlingen, sagen wir, und meinen ein „Einverleiben“. Ob uns das immer bekommt?

Um es gleich mal auf den Punkt zu bringen: Die Bilder muten ein wenig kannibalistisch an. Irgendwie geht es um ein „Menschen-Essen“. Auch in der christlichen Liturgie! Verstörende Worte finden sich dort:

„Das ist mein Leib, mein Blut. Esst und trinkt!“

Leider gibt es auch das: dass Menschen übereinander herfallen, sich „zerfleischen“. Paulus schreibt es im Galaterbrief unverblümt:

„Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet!“

(Gal 5, 15)

Ich mag keine Sätze, die mit den Worten beginnen:

„Das Leben ist nichts anderes, als…“

Stimmt meistens nicht. Aber an einer unbequemen Wahrheit komme ich nicht vorbei: Leben lebt auf Kosten anderen Lebens!

Jeder, der zur Gewalt entschlossen ist, nimmt Opfer in Kauf. Wir sind bereit, Leben zu opfern, damit wir einen Vorteil haben. So opfern wir jedes Jahr auf dem Altar unserer individuellen Mobilität und Freiheit Tausende von Verkehrsopfern.

Theoretisch ginge es auch anders, aber wir wollen es nicht. Wir essen Fleisch, bisweilen viel zu viel, und fragen immer noch viel zu selten, was das auch an Leid für unsere Mitgeschöpfe bedeuten kann. Ginge es auch hier nicht anders? Sparsamer, artgerechter, tiergerechter?

Das Opfer des Lebens hat jedoch auch eine zutiefst positive Seite: Kinder z.B. leben immer auf Kosten ihrer Eltern. Welche Eltern würden das bedauern, es sei denn, sie wären Rabeneltern. Eltern, wenn sie alt und schwach geworden sind, leben ihrerseits auf Kosten anderer, oft der eigenen Kinder.

Alte Menschen verdienen das Opfer anderen Lebens, gerade darin werden sie geehrt. Wehe der Gesellschaft, die diese Haltung der Ehrerbietung gegenüber ihren Alten verlernt…In Coronazeiten haben viele Menschen begriffen, dass viele vieles opfern müssen, damit besonders gefährdete, ja die alten Menschen am Leben bleiben.

Dass Leben auf Kosten anderen Lebens lebt, entspringt manchmal auch der tiefsitzenden Angst, im Leben zu kurz zu kommen, dass andere mir etwas wegnehmen, worauf ich einen Anspruch zu haben meine. Die Angst, um ein Stück Leben betrogen zu werden, lässt Menschen manchmal über Leichen gehen, ohne dass dabei Blut fließt.

Gerade deswegen begeht das christliche Abendmahl einen Tabubruch.

„Das ist mein Leib, mein Blut. Esst und trinkt!“

Ganz bewusst und gezielt wird hier die Grenze zum Kannibalismus und zum Gott-Essen überschritten. Nicht in der realen Welt, aber doch im Ritus. Denn die Angst davor, im Leben zu kurz zu kommen, kann ich nicht wegdiskutieren, sie schreit nach einer Beruhigung durch eine Zusage. Diese gibt Jesus zeichenhaft im Mahl, als wolle er sagen:

„Ja, ihr dürft mich „essen“, also auf meine Kosten leben.“

Wenn wir zeichenhaft sein Leben, sein Sterben und seine Hingabe in uns aufnehmen, eröffnet sich ein Weg aus unserer Lebensangst. Weil wir im eucharistischen Mahl aus seiner Lebensfülle empfangen, werden wir frei, auch unser Leben nicht verbissen auf Kosten anderer zu leben, sondern in der Hingabe zu verschenken.

Es geht um unsere Wandlung, aus unsozial agierenden Menschen werden solidarische und empathische Mitmenschen.

Jesus hat es einmal so gesagt:

„Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer es aber um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen!“


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Dieser Beitrag wurde am 09.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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