Morgenandacht, 08.02.2021

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Wer laut ist, hat immer Recht

Wer keine Argumente hat, bringt eine Keule mit. Das muss nicht unbedingt ein Schlagstock sein. Oft reicht die pure Lautstärke.

Ich habe nichts gegen engagierte Diskussionen. Da kann es schon mal etwas lauter werden. Aber nur laut zu sein, reicht nicht. In den Straßenkämpfen unserer Tage, sei es auf öffentlichen Plätzen oder in virtuellen Räumen, ersetzt die Lautstärke die Kraft des Arguments.

Kein Zuhören, kein Abwägen. Stattdessen: Totschlagargumente, gerne auch auf Twitter. Und laut müssen sie sein. Wir haben es erlebt beim Sturm auf das Kapitol in Washington, beim Übergriff auf den Reichstag in Berlin im letzten Jahr, bei so manchen Demos radikalisierter Gruppen, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Auch religiöse Fanatiker schreien und brüllen mit Inbrunst, weil sie alles wissen und keine Ungewissheiten zulassen. Viele vermeintlich Fromme können ganz schön laut werden, im Eifer oder aus Angst vor dem Zweifel. Gern stelle ich mir dann vor, wie selbst Gott sich die Ohren zuhält.

Welche Chancen haben da noch die leisen Töne? Sie vermisse ich immer mehr. Denn den leisen Tönen höre ich gern zu. Zwischentöne wecken meine Neugier, provozieren meine Nachdenklichkeit.

Es ist wie bei der Musik aus Lautsprechern: Ist sie zu laut, dröhnt es mir in den Ohren; stelle ich sie leiser, bemerke ich die feinen Töne, die es in sich haben können.

Wenn es nur noch laut ist, hilft es manchmal, einfach zu schweigen. Schweigen kann entwaffnend sein. Mit Schweigen reagiert Jesus auf den dröhnenden Auftritt geifernder Männer, als diese eine Frau vor ihn zerren, die sie beim Ehebruch ertappt haben und die deswegen gesteinigt werden muss.

So steht es im Gesetz! Ihr lautes Schreien pariert Jesus mit Schweigen. Bis er dann, nach geraumer Zeit, die leise und bedächtige Antwort riskiert:

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Es hat gewirkt. Leise macht sich einer nach dem anderen aus dem Staub .Als Jesus am Ende seines Weges im Prozess vor Pilatus von fanatisierten Menschen in den Tod geschrien wird, schweigt er bis zum Schluss.

Sein Schweigen imponiert mehr als jede Verteidigungsrede, die doch nicht gehört wird. Man muss wissen, wann man besser schweigt. Jesus schien es gewusst zu haben.

Noch heute beeindrucken mich zutiefst in den erhaltenen Dokumentaraufnahmen das Schweigen und die leisen Töne der Angeklagten vor dem Volksgerichtshof der Nazis.

„Ich dachte an die vielen Morde“,

sagte leise einer der angeklagten Männer des Widerstands gegen Hitler. Ein leiser Aufstand des Gewissens, der im anschließenden Gebrüll des Vorsitzenden Freisler unterging.

Das Schweigen und die leisen Bekenntnisse der Männer und Frauen des 20. Juli 1944 bewegen bis heute, während die Schreihälse von damals nur noch Ekel erzeugen.

Sensibel werden für die leisen Töne: Das musste auch einer der größten Propheten des Alten Testaments lernen, als Elija erschöpft vor Gott am Sinai steht.

Erschöpft, weil er sich in seiner lautstarken Propaganda für seinen Gott völlig verausgabt, ja sich selbst verloren hat und am liebsten nur noch sterben möchte. Gott gibt sich ihm zu verstehen, aber nicht so, wie Elija, der laute und impulsive Kämpfer, es erwartet; nicht in Donner und Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer. Gott wird ganz leise, nähert sich dem Propheten behutsam, fast zärtlich, in einem stillen, zarten Wehen.

Buber übersetzt:

„In einer Stimme verschwebenden Schweigens.“

Jesus sah sich selbst in der Nachfolge solcher Propheten. Was er vom Propheten Jesaja über den künftigen Gottesgesandten gehört hat, schreibt er sich selbst hinter die Ohren:

„Er wird nicht streiten und nicht schreien, und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er dem Recht zum Sieg verholfen hat.“


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Dieser Beitrag wurde am 08.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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