5. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Propsteikirche St. Gangolf in Heinsberg

Predigt von Propst Markus Bruns

Vom Religionskritiker Friedrich Nietzsche stammt die Beobachtung, dass die Christen nach dem Gottesdienst oft so unerlöst aussehen. Er stellt damit die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft der Christenheit mit ihrer frohen Botschaft in Frage.

Wenn ich in diesen Tagen in die Gesichter der Menschen schaue, dann sehe ich meist nur einen kleinen Teil des Gesichtes, denn der größte Teil verbirgt sich hinter einer Maske. Die Mimik bleibt weitgehend verdeckt.

Was ich sehen kann sind die Körpersprache und auch die Augen, und die wirken bei vielen Menschen oft gedrückt und bedrückt. Lachende Gesichter sind selten geworden. Und nicht nur die Christen wirken unerlöst in diesen Tagen

Die Corona-Pandemie – vor einem Jahr an Karneval kam es hier im Kreis Heinsberg zu einem ersten Ausbruch – sie lastet schwer auf die Menschen. Die Pandemie hat uns allen viel Kraft gekostet. Über uns und die ganze Welt ist etwas hereingebrochen, was wir uns so haben nicht vorstellen können.

Vieles wurde uns in dieser Zeit genommen: die schönen Dinge, auf die wir uns gefreut haben; vor allem aber die ganz normalen, alltäglichen Begegnungen. Und da waren und sind so viele existentielle Bedrohungen: die Sorge um die Gesundheit, die Sorge um das eigene Auskommen, die eigene Existenz. Ja, und da ist der Verlust lieber Menschen, die uns für immer genommen wurden.

Ja, diese Corona-Pandemie hat uns so viel geraubt. Manches ist uns unwiederbringbar genommen (da bleibt nur noch die Erinnerung). Manches werden wir vielleicht irgendwann und irgendwie nachholen.

„Wie geht es weiter?“,

„Wann werden wir wieder Normalität erleben?“

oder

„Werden wir dauerhaft irgendwie mit Corona leben müssen?“

So fragen viele Menschen und so frage auch ich.

Bei allen Belastungen und den vielen Fragen meine ich, Lethargie und Pessimismus bringen uns nicht wirklich weiter. Auch nicht krude Verschwörungstheorien oder naive Schönrederei und Vertröstung auf bessere Zeiten. Was wir brauchen ist vor allem eine tiefe Hoffnung und eine feste Zuversicht.

Für mich ist das Evangelium von heute ein „Mut-mach-Evangelium“. Jesus heilt die Schwiegermutter des Petrus. Er heilt viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, er bringt die frohe Botschaft vom Reich Gottes – ganz konkret, handgreiflich. Sichtbare und erfahrbare Zeichen der Nähe Gottes.

Das Evangelium gibt Zeugnis von einem neuen, von einem besseren Leben – nicht im Sinne, dass es uns plötzlich materiell besser ginge, dass Corona auf einmal vorbei wäre und alle Probleme gelöst seien, dass wir ein schönes, sorgenfreies Leben hätten.

Nein, darum geht es in erster Linie nicht. Wohl geht es darum, dass unser Leben eine neue Tiefe und Qualität bekommt.

Jesus möchte uns befreien von den Dämonen, die uns in diesen Tagen oft gefangen halten. Und diese Dämonen haben Namen, sie heißen: Angst und Verzweiflung, Mutlosigkeit und Resignation…

Die Menschen, die sich damals von Jesus ansprechen und berühren ließen, spürten, erlebten und erfuhren „Erlösung“ hautnah, am eigenen Leib. Und ich glaube, diese Heilserfahrungen können auch wir machen – auch und gerade in dieser Zeit.

Wenn ich an die zurückliegenden gewiss nicht leichten Monate schaue, dann sehe ich auch positive, heilsame Erfahrungen. Kreativität und Phantasie waren gefragt, neue Wege der Begegnung auch ohne direkten Kontakt wurden entdeckt.

Die Einschnitte und der Verzicht haben zu einer Konzentration auf das Wesentliche geführt. Solidarität war deutlicher spürbar in dieser Zeit.

Manch unerwartete Wendung hat dieses Jahr gebracht. Freundschaften haben eine neue Qualität bekommen. Den Wert, die Weite und Tiefe des wirklichen Lebens habe ich immer wieder neu entdecken dürfen.

Ich bin in diesen Tagen trotz allem immer noch guter Hoffnung! Eine tiefe Hoffnung, die genährt wird vom Vertrauen in die Gegenwart Gottes. Er ist der Immanuel, der Gott-mit-uns. Und eine feste Hoffnung, die sich aus dem Vertrauen und dem Wissen speist, dass ich auch in dieser Zeit nicht alleine bin.

Weil die Verbundenheit untereinander – trotz aller Einschränkungen – bleibt, ja, an Intensität vielleicht sogar zugenommen hat.

In diesen Wochen hat mich persönlich ein Lied begleitet und Mut gemacht. Es ist das Lied „Hoffnung“ von Kontra K:

„Du bist die Kraft in all unsern Taten,
das, was uns Halt gibt.
Die eine Flamme, die uns wärmt,
auch wenn es schneit und die Wirklichkeit kalt ist.
Denn du bist das Licht,
die Kerze im Wind, die niemals erlischt.
Du bist der Fallschirm, der uns rettet,
doch auch der Grund, warum man springt.
Denn nur du stirbst zuletzt,
schenkst uns den Glauben an uns selbst.
Und dass Morgen alles besser wird als jetzt.
Du nimmst uns die Schmerzen von heute
Du wunderschöne Hoffnung …
Beschütz' unsere Träume!
Du wunderschöne Hoffnung,
oh du wunderschöne Hoffnung, bitte geh nicht weg.“

Zu welchem Befund käme wohl Friedrich Nietzsche, wenn er uns im Februar 2021 beobachten würde? Vielleicht würde er ja sagen:

„Ich habe Menschen gesehen, die sich mit tiefer und fester Hoffnung mutig den Herausforderungen gestellt haben. Darunter waren auch viele Christen.“


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Dieser Beitrag wurde am 07.02.2021 gesendet.





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