Wort zum Tage, 06.02.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Reifen schlaucht

Ein befreundeter Geschäftsmann hat eine sehr schwierige Zeit hinter sich. Nach dem beruflichen Zusammenbruch während der Finanzkrise verstarb seine Frau, mehrere Operationen und gesundheitliche Durststrecken folgten, schließlich belasten ihn auch noch die familiären Sorgen seiner Kinder.

Ich bin bei ihm nach längerer Zeit zu Besuch. In seinem Haus hängt eine Fotocollage mit dem Spruch:

„Reifen schlaucht!“

Zu sehen sind mehrere Situationen, in denen mein Freund bei Radtouren gerade einen Platten flickt. Und interessant: immer ist dabei sein Gesichtsausdruck fröhlich und selbstbewusst.

Beeindruckend finde ich an meinem alten Freund, dass er sehr widerstandsfähig ist und vieles auch mit einer Spur Selbstironie ertragen kann. Über dieses Bild „Reifen schlaucht!“ erzählt er mir:

„Du weißt gar nicht, wie viele platte Reifen wir bei unseren Touren insgesamt geflickt haben – das hat schon echt geschlaucht!! Aber ich weiß nicht, wo ich sonst die Energie für die anderen Pannen im Leben herbekommen hätte, wenn nicht von den sagenhaften Radtouren. Davon kann ich wirklich zehren!“

Stark, denke ich mir, so viel Optimismus steckt in diesem gebeutelten Menschen. Ich führte es eigentlich immer darauf zurück, dass er einfach von Natur aus ein „harter Bursche“ ist.

Dass er aber auch eine tiefe spirituelle Prägung hat, hatte ich so explizit nicht wahrgenommen. Bei meinem Besuch führt er mich zu einer Kalligrafie in seinem Arbeitszimmer.

Sie zeigt seinen Konfirmationsspruch. Der stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja und lautet:

„Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.“

(Jesaja 54,10)

Ich staune! So lange kenne ich den Freund nun schon, aber dieses Geheimnis seines Glaubens hatte er mir noch nicht verraten. „Weißt du,“ so erklärt er mir, „darüber habe ich noch nicht gesprochen, weil ich mir da immer ein bisschen zu cool war.

Eigentlich waren Bibelverse nie so meine Stärke. Aber diesen einen konnte ich nicht so einfach weglegen. Meine Mutter hat ihn für mich schreiben lassen. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dieser Satz war immer so eine Art Geheimwaffe für mich, wenn mich das Leben wieder arg geschlaucht hat:

Nicht hinfallen! Oder hinfallen, aber dann wieder aufstehen!“

Ich bin sehr berührt von dieser Facette seines Lebens, die er vor mir bisher verborgen gehalten hatte.

Vielleicht ist der andere Spruch ein Schlüssel zu dieser Sternstunde unserer Freundschaft: Das Leben hat ihn nicht nur geschlaucht, er ist dabei auch gereift!


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Dieser Beitrag wurde am 06.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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