Wort zum Tage, 04.02.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Erfülltes Leben

„Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

Diesen Satz hat mir einmal ein Freund auf einer Postkarte geschickt, als ich gerade eine Durststrecke zu durchleben hatte. Ich habe mir die Karte aufgehoben und schaue derzeit ganz bewusst auf diese Worte:

„Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

Sie stammen von dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der heute vor 115 Jahren geboren wurde. Er war ein Vertreter der so genannten „Bekennenden Kirche“ und damit am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Bei so manchen Kundgebungen zuletzt gegen die staatlichen Coronamaßnahmen haben ja manche Demonstrierende Vergleiche zum Widerstand in der NS-Zeit gezogen – als ob man sich nicht gegen die Pandemie, sondern gegen ein Unrechtssystem schützen müsste.

Glücklicherweise haben viele auf die Schieflage solcher Vergleiche hingewiesen. An seinem heutigen Geburtstag möchte ich jenseits dieser Thematik an Dietrich Bonhoeffer erinnern, vor allem an die ungeheure geistliche Stärke, die ihm in schweren Zeiten Kraft gegeben hat.

„Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

Das geht mir öfters durch den Sinn, wenn ich glaube, vom Leben benachteiligt zu werden. Natürlich gilt es momentan, auf viele geliebte Gewohnheiten wie Winterurlaub und Konzertbesuche zu verzichten.

Ich habe mir aber angewöhnt, solche „unerfüllten Wünsche“ nicht allzu stark zu gewichten, sondern zu sehen, dass es mir angesichts so vieler echter Probleme doch wirklich gut geht.

Man könnte es Autosuggestion nennen. Für einen glaubenden Menschen aber ist es mehr. Diese Fähigkeit, die eigene Sichtweise zurechtzurücken, kommt aus einer inneren Kraftquelle, die für einen Menschen wie Dietrich Bonhoeffer aus Gott stammt.

Diese Quelle hat Dietrich Bonhoeffer die Kraft gegeben, im Kellergefängnis in Berlin im Dezember 1944 die bekannten Verse „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ zu schreiben.

Diese Quelle hat sich Bonhoeffer jeden Morgen neu bewusst gemacht, z.B. mit diesen Worten:

In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht / ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht / ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe / ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden / in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld …“[1]


[1] Aus: Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 204 f.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 04.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche