Wort zum Tage, 02.02.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Lichtmess

Wenn ich als Seelsorger Patientinnen und Patienten im Krankenhaus besuche, dann geht es nicht immer zuerst um Gebete und Rituale.

In den Gesprächen geht es vielmehr um die Frage nach dem Sinn. Jede Krankheit markiert einen Einschnitt in der Biografie, der das Leben in besonderer Weise prägt.

Seelsorge ist immer Begegnung an einem bestimmten Punkt in der Lebensgeschichte eines Menschen. Solche Begegnungen können verändern, deuten helfen, ja vielleicht sogar ein Licht aufgehen lassen.

Am heutigen 2. Februar steht ein Fest im Kirchenkalender, bei dem eine solche Begegnung im Mittelpunkt steht. Genau 40 Tage nach Weihnachten geht es noch einmal um das neugeborene Kind von Betlehem: Darstellung des Herrn heißt das Fest oder früher: Lichtmess.

Zwei alte Menschen, Simeon und Hanna, begegnen dem Jesuskind im Tempel. Von beiden wird erzählt, dass sie ein Leben lang gewartet haben: auf Erlösung, auf Trost, auf die Erklärung des Sinns in ihrem Leben.

Da mögen Zeiten dabei gewesen sein, die schwer zu ertragen waren! Als sie nun dem kleinen Jesus begegnen, scheinen sich in diesem Moment die ungelösten Fragen zu klären. Und für die beiden alten Herrschaften wird das Leben rund:

„Meine Augen haben das Heil gesehen“,

sagt Simeon.

Ich denke an viele Seelsorgegespräche, in denen Menschen auch zu diesem Punkt gelangt sind: Es ist jetzt gut; ich kann es jetzt gut sein lassen, womit ich so lange gekämpft hatte.

Ich denke aber auch an Gespräche, in denen die Menschen noch sehr weit von dieser Zufriedenheit entfernt waren.

Solange es noch Aufgaben gibt, die noch zu erledigen sind, solange in einer Beziehung noch Versöhnungsarbeit zu leisten ist, solange noch Dinge zu erzählen sind, die das eigene Leben belasten, solange kann es im Herzen noch nicht ruhig werden. Da fehlt noch was.

Vom Wiener Arzt und Psychotherapeuten Viktor Frankl gibt es das Wort:

„Der Sinn wartet auf dich!“

Nach Ansicht Frankls hat das Leben immer einen tiefen Sinn, auch wenn man ihn manchmal gerade nicht entdecken kann. Nicht selten zeigt sich so ein Blick auf ein sinnvolles Ganzes gerade in schwierigen Zeiten im Leben.

Ich habe Respekt vor Menschen, die im hohen Alter eine große Zufriedenheit ausstrahlen, weil sie mit sich und ihrer Umwelt im Reinen sind.

Und es beschenkt mich selbst, mich immer wieder mit Menschen auf die Suche zu begeben, dass sie zu diesem Punkt gelangen können – dass ihnen ein Licht aufgeht!


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Dieser Beitrag wurde am 02.02.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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